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Das falsche Geheule der Ökolobby

, Horst von Buttlar

Warum ist es so schwer, die Subventionen für Erneuerbare Energien zu drosseln? Weil eine mächtige Lobby vorgibt, die Welt zu retten. Dabei geht es nur ums Geld. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Es war ja nie in Mode, sich über die Energiewende aufzuregen, außer man ist Experte. Weil es schick ist, das „Jahrhundertprojekt“ grundsätzlich klasse zu finden. Wenn ich mich oute, dass ich die Art, wie wir wenden, ziemlich kopflos finde, schauen mich Menschen an, als sei ich direkt einem schnellen Brüter entsprungen.

Dabei bin ich gar nicht für Atomkraft, ich habe nur keine hysterische Beziehung zu ihr, bin also keine kerngespaltene Persönlichkeit. Ich finde zudem: Mit dem, was wir „Energiewende“ nennen, haben wir ein Monster erschaffen, das wir seit Jahren noch weniger im Griff haben als Goethes Zauberlehrling seinen Besen.

Die Regierung versucht in diesen Wochen wieder einmal, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zu reformieren. Reform heißt ja seit Jahren: die Kosten irgendwie zu bändigen. Sobald die Regierung das versucht, heult die Windlobby lauter als das Sturmtief „Günther“.

Diese Lobby – und mit ihr die Solar- und Dämmlobby – ist deswegen so perfide, weil sie ständig vorgeben kann, dass sie doch nur die Welt retten will. Dabei will sie wie jede gute schlechte Lobby einfach nur ihre Interessen durchsetzen und die Milliarden verteidigen, die das System inzwischen verteilt.

Wir zahlen für Strom, den keiner nutzt

Capital 07/2016
Die neue Capital

Und so verpufften bisherige „Reformen“. Seit dem letzten Anlauf gingen mehr Windräder ans Netz als je zuvor, jedes bekam die feste Vergütung, garantiert auf 20 Jahre. Rechnen Sie mal wie ein schlauer Ostfriesenbauer: Ein Windrad x 50 000 Euro Jahrespacht x 20 Jahre = 1 Mio. Euro = eine neue Art des Lottogewinns. Oder eine neue Art der Umverteilung von unten nach oben, von den Stromkunden zu den Landbesitzern und Großbauern.

Diese Preise haben sich gebildet, weil zu viel Geld im System ist. Weil der Strom billig produziert wird (wofür sich die Grünen auf jedem Stehempfang feiern), die Vergütung aber so fest steht wie ein chinesischer Fünfjahresplan. Im Grunde gibt es viel zu viel billigen Ökostrom, den man im Netz gar nicht mehr verteilen kann. Also zahlen wir inzwischen auch für Strom, den wir nicht verbrauchen. Und so explodieren die Kosten der EEG-Umlage: Beliefen sie sich im Jahr 2000 noch auf 883 Mio. Euro, schreiten wir auf 30 Mrd. zu.

Wenn man über diese Zahlen redet, geraten Grüne und Ökostromenthusiasten auf jedem Stehempfang spätestens jetzt in Rage, und stellen die Frage aller Fragen: „Wollen Sie etwa die Energiewende in Frage stellen?“ Und dann werden eifrig die Arbeitsplätze vorgerechnet, die geschaffen wurden. Naja, für 30 Mrd. Euro pro Jahr könnte man auch eine Speiseeisindustrie in der Wüste Gobi hochziehen.

Die vielen Widersprüche der Energiewende werden stets mit einem Mega-Argument übertüncht: Dass man am Ende ja etwas Gutes tut. Deshalb auch dieses ganze Orwell’sche Vokabular, der „Bürgerstrom“ oder die „Bürgerwindparks“. Das klingt idyllisch und gerecht, und deshalb sind Ökolobbyisten auch so wütend, wenn jemand ihre grüne Bonanza stört.

Emmerichs Ökoversion von „Independene Day“

Immerhin: Ein wenig Marktwirtschaft soll es nun geben, Projekte sollen ausgeschrieben werden. Wer weniger Subventionen verlangt, bekommt den Zuschlag. Ein kleiner Anfang. Der Ausbau aber geht weiter, 2800 Megawatt oder 1000 Windräder pro Jahr sollen errichtet werden. Wird das Land das aushalten? Nur gegen Widerstände. Und die nehmen zu.

Seit einiger Zeit scheint mir etwas zu kippen in Deutschland: Die Phase, in der „Bürgerwindparks“ ausschließlich bejubelt und nur Ewiggestrige und Spielverderber sich über Herzrasen bei Großvater und tote Seeadler aufregten, neigt sich dem Ende zu. Der Widerstand wächst in vielen Orten. Und wer an wolkenlosen Tagen über Niedersachsen fliegt oder die A9 von Berlin Richtung Leipzig fährt, weiß, warum: Er sieht Bilder, als würde Roland Emmerich eine Ökoversion von „Independence Day“ drehen. Extraterrestrische Armeen von weißen Riesenstangen, die über Kilometer alles beherrschen.

„Eine brutalere Zerstörung der Landschaft“, hat der Dichter Botho Strauß gesagt, „als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht. Es ist die Auslöschung aller Dichterblicke der deutschen Literatur von Hölderlin bis Bobrowski“.

Der Autor Wolfgang Büscher, schrieb in einem entsetzten Text, über die „rot blinkenden Wälder aus Stahl“, die er in der Nacht im Norden sah, ein „gewaltiges, bestürzendes Bild“. „Die Windbranche“, schrieb er, „möchte das ganze Land ihrer moralisch galvanisierten Industrie unterwerfen. Ob Magdeburger oder Warburger Börde, ob Holstein oder das Vorharzland – alles rotiert und blinkt, je nördlicher, desto heftiger.“

Weniger Geld, mehr Markt

Aber soll das Land der Dichter auf seine Dichter hören? Schließlich geht es hier um die Rettung der Welt! Zumindest werden die Stimmen, die den Flurschaden beklagen, immer unverdächtiger, sie kommen aus allen Richtungen. Möglicherweise war mancher Grüne, der in einem Berlin-Mitte-Blase lebt und mit einem Glas Pommery auf die Energiewende anstößt, lange nicht mehr im Land da draußen – sonst müsste er entsetzt sei, was seine Revolution angerichtet hat.

Was aber tun? Irgendwo muss der Strom ja her kommen. Ganz klar: noch mehr auf Marktkräfte vertrauen. Das Geld aus dem hochgezüchteten System nehmen, der Energiewende mehr Zeit geben. Bis Stromtrassen gebaut sind, die den grünen Strom auch verteilen. Bis die besten Technologien und Unternehmen sich durchgesetzt haben. Bis Energie wieder ohne Ideologie produziert wird.

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