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Boeings Wahnsinnsvogel 747

, Capital-Redaktion

Die Wirtschaft ist voller Skandale, Kämpfe und Meilensteine. Capital erinnert an die besten. Diesmal: Der Bau der ersten Boeing 747

Boeing-Chef Bill Allen mit einer Boeing 747 © Illustration: Jindrich Novotny
Boeing-Chef Bill Allen mit einer Boeing 747

Juan Trippe, Chef der Fluglinie Pan Am, spielte die Lieferanten geschickt aus. Er wünschte sich eine Langstreckenmaschine – zweieinhalb mal größer als die 707 von Boeing und die DC-8 vom Konkurrenten McDonnell Douglas. „Entweder setzt du dich dafür ein, ein größeres Flugzeug zu bauen“, drohte er Boeing-Chef Bill Allen, „oder wir nehmen eine verlängerte DC-8, was ein herber Rückschlag für eure 707 sein wird.“

Allen stand unter Druck. Er hatte einen Auftrag der US-Luftwaffe über 250 Mio. Dollar an Lockheed verloren. Das Militärgeschäft, mit dem Boeing groß geworden war, stockte, die Zivilluftfahrt legte zu.

Allen beorderte seinen Chefingenieur Joe Sutter aus dem Urlaub zurück, stellte ihm 100 Ingenieure zur Seite – und verlangte Großes. Die Mannschaft, intern „die Unglaublichen“ genannt, war schockiert: Eine 747 mit 400 Sitzen lag jenseits aller technischen Maßstäbe. Rumpf, Tragflächen, Fahrwerk. Alles musste in neuen Dimensionen konzipiert werden. Dieses „mystische Monster“ sei „too big to fly“, spotteten Kritiker.

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Zudem war absehbar, dass das Projekt Boeings Finanzen sprengen würde. Wann würde man Geld verdienen? Unklar. Trotzdem boxte Allen es durch. In einer Sitzung 1966 fragte einer der Aufsichtsräte nach dem Exit. „Aussteigen?“, rief Allen. „Wenn Boeing sagt, wir bauen dieses Flugzeug, dann bauen wir es, selbst wenn es die Ressourcen des gesamten Unternehmens verbraucht.“

Es war eine der kühnsten Entscheidungen der Wirtschaftsgeschichte, und sie bedrohte Boeings Existenz. Das Projekt wurde zunächst nur per Handschlag besiegelt – mit dem legendären Versprechen von Trippe: „Wenn Sie es bauen, dann kaufe ich es.“ Allen antwortete: „Wenn Sie es kaufen, baue ich es.“

Drei Jahre später hob die 747 zum Jungfernflug ab. „Was machen Sie, wenn sie abstürzt?“, fragte ein Besucher Allen. „Lassen Sie uns über Angenehmeres sprechen“, sagte der. „Zum Beispiel über einen Atomkrieg.“

Es folgten harte Jahre. Der Verkauf lief mühsam an, die Branche geriet in die Krise. Bis 1971 musste Boeing 60 Prozent der Belegschaft entlassen. Im Rückblick war die 747 ein Meilenstein: Bis heute hält der Jumbo mit über 1500 Stück den Verkaufsrekord der zivilen Luftfahrt. 2005 baute Airbus zwar den noch größeren A380, hat aber bisher erst 317 Bestellungen. Derzeit liebäugelt Boeing damit, den größten Flieger mit nur einem Gang zu bauen. Man hadert aber mit den Kosten.

Hauptperson

William McPherson „Bill“ Allen wurde 1900 im US-Staat Montana geboren. Mit gerade mal 30 Jahren zog der Jurist in den Boeing-Aufsichtsrat. Er arbeitete zunächst weiter in einer Kanzlei in Seattle. Nach dem Tod von Boeing-Chef Philip G. Johnson 1944 wurde Allen dessen Nachfolger. Kein Nicht-Ingenieur habe dazu die Fähigkeit, hieß es damals. Allen traf bahnbrechende Entscheidungen. Das „Fortune“-Magazin kürte ihn zu einem der wichtigsten CEOs aller Zeiten. 

Western von Gestern erscheint jeden Monat in Capital. Weitere Folgen: Der Nixdorf-Absturz und Übernahmekampf zwischen Pirelli und Continental

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