AnalyseZwischen Tourismus und Touristifizierung


Kristin Wellner (Foto r.) ist Professorin für Planungs- und Bauökonomie sowie Immobilienwirtschaft an der TU  Berlin. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Friederike Landau und Professorin Sybille Frank vom Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie arbeitet sie derzeit an einem Forschungsprojekt über den Zusammenhang von Tourismus und Wohnqualität in Berliner Wohngebieten. Kristin Wellner (Foto r.) ist Professorin für Planungs- und Bauökonomie sowie Immobilienwirtschaft an der TU  Berlin. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Friederike Landau und Professorin Sybille Frank vom Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie arbeitet sie derzeit an einem Forschungsprojekt über den Zusammenhang von Tourismus und Wohnqualität in Berliner Wohngebieten. 


Berlins Aufstieg zur Tourismusmetropole hat sich schnell vollzogen: Nach der Wende wandelte sich die Hauptstadt innerhalb weniger Jahre zum Top-Player unter den Tourismus-Destinationen und liegt europaweit hinter London und Paris auf Platz drei der beliebtesten Reiseziele. Doch für die Stadt ist der Tourismus ein zweischneidiges Schwert: Einerseits begrüßen Hoteliers, Gastronomen, Dienstleister, die Immobilien- und Baubranche sowie Teile der Politik die rasch steigenden Zahlen in- und ausländischer Gäste als Umsatzbringer. Andererseits sind einige Berliner genervt von den Begleiterscheinungen des wachsenden Gästezustroms.

In den letzten Jahren wurden jeweils mehr als 20 Millionen touristische Übernachtungen in der Stadt gezählt – für 2016 werden 30 Millionen Übernachtungen erwartet. Laut dem Tourismuskonzept 2011 der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wird durch touristischen Konsum – hauptsächlich Hotellerie, Gastronomiegewerbe und Einzelhandel – eine Gesamtwertschöpfung von 3,99 Mrd. Euro generiert; das sind rund sieben Prozent von Berlins Bruttoinlandsprodukt (BIP). Aus dem touristisch bedingten Bruttoumsatz resultiert ein Umsatzsteueraufkommen in Höhe von 1,22 Mrd. Euro. Zudem schafft der Tourismus in der Stadt, die über vergleichsweise wenig Industrie verfügt, etwa 275.000 Arbeitsplätze im (oft niedrigqualifizierten und/oder prekarisierten) Service- und Dienstleistungsbereich.

Von einigen Bewohnern werden die Gäste als Verursacher von zunehmendem Lärm, Müll, verstopften Verkehrssystemen, steigenden Lebenshaltungskosten bis hin zur Verdrängung von „(Ur)Berlinern“ aus ihren angestammten Wohnquartieren wahrgenommen. Besonders begehrte innerstädtische Gebiete wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain-Kreuzberg und seit einigen Jahren auch Neukölln und Treptow, erleben schnelle Veränderungen, zum Teil mit Mietsteigerungen von bis zu 50 Prozent. Die Anwohner reagieren auf die Entwicklungen mit Ablehnung und Protest, bis hin zu offener Fremdenfeindlichkeit gegenüber Touristen. Letztere äußert sich in Graffitis und Stickern mit polemischen Slogans wie „Berlin doesn’t love you“ oder „Welcome to Berlin, now go home“.

Touristen zieht es in die Kieze

Im Zuge von Globalisierung, Digitalisierung und generell steigender Mobilität hat sich auch der Tourismus als solches verändert: Es gibt nicht nur einen generellen Trend zu mehr, dafür aber kürzeren Reisen, sondern auch ein gestiegenes Interesse an Städte-Trips. Das bringt auch jüngere und Low-Budget-Reisende in die Städte, die erlebnisintensiv, aber kostengünstig, zum Beispiel in Hostels unterwegs sein möchten. Zudem sind Touristen nicht mehr nur an den klassischen, typischen Sehenswürdigkeiten interessiert, sondern suchen vor allem nach dem „authentischen“ Flair einzelner Stadtteile, in Berlin: Kieze. Diese neue Art des urbanen Tourismus drückt sich auch im „touristischen Wohnen“ aus: Dem Nachfrage-Trend nach der Wohnung mitten im Kiez, wo die „echten“ Berliner leben, passt zum Shareconomy-Geschäftsmodell von Airbnb, der kommerziellen Variante des Couchsurfings. Airbnb vermittelt zwischen- oder untervermietete Zimmer und Ferienwohnungen weltweit.

In Berlin gibt es laut einer Studie der Berliner Mietergemeinschaft ca. 12.000 Ferienwohnungen, 6000 davon sind permanent als Ferienwohnung vermietet. In manchen Wohnbezirken, deren Atmosphäre als besonders attraktiv gilt, sind die auswärtigen Besucher besonders stark vertreten: In diesen Gebieten zeigt sich die „Touristifizierung“ darin, dass sich die Nahversorgungsinfrastruktur verschlechtert und Cafés, Kneipen, Bars, Restaurants und Kleingewerbe überhandnehmen. Die Beschreibung dieses Prozesses als „Touristifizierung“ – ein Begriff, der in der aktuellen Debatte über den Touristenhass Hochkonjunktur hat – stellt sich jedoch als problematisch dar: Ähnlich wie bei Gentrifizierung, womit gemeinhin die Aufwertung von Wohngebieten und der Bevölkerungsaustausch zuungunsten sozioökonomisch Schwächerer bezeichnet wird, lassen sich diese Veränderungsprozesse zwar beobachten und teils schmerzlich erfahren, analytisch jedoch kaum operationalisieren, messen und deswegen auch nur schwer prognostizieren.

Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum als Lösung?

Das in Berlin zum 01. Mai 2014 in Kraft getretene Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum soll nun dem sich verknappenden Wohnraum entgegensteuern: „Das Gesetz ..ermöglicht es, das Gesamtwohnraumangebot in Berlin zu erhalten und Umwandlung von Wohn- in Gewerberaum oder Ferienwohnungen, dessen Abriss oder Leerstand gerade auch in einzelnen Bezirken zu verhindern beziehungsweise rückgängig zu machen, in denen Wohnraummangel herrscht“, heißt es.

Ferienwohnungsbetreiber sind seitdem dazu verpflichtet, ihre Wohnung beim zuständigen Bezirksamt anzumelden. Nach einer maximal zweijährigen Übergangsfrist ist die Zweckentfremdung von Wohnraum nur noch mit Genehmigung zulässig. Zum jetzigen Zeitpunkt haben die Bezirksämter jedoch von weniger als der Hälfte der geschätzten Ferienwohnungen Anmeldungen erhalten, es herrscht eine unklare Datenlage über das Ausmaß der tatsächlich vorhandenen Ferienwohnungen. Hinzu kommt die akute personelle Unterbesetzung für diesen bürokratischen Großauftrag und die stark unterschiedliche Betroffenheit der verschiedenen Bezirke. Es bleibt abzuwarten, ob diese politische Maßnahme tatsächlich effektiv gegen innerstädtischen Wohnraummangel vorgehen kann bzw. ob die auf diesem Wege an den Markt zurückgeführten Wohnungen zu einer Entspannung des Wohnungsmarktes beitragen.

Fazit: Stadtverträglicher Tourismus muss nachhaltig sein

Ähnlich wie bei der Diskussion um Gentrifizierung muss darauf geachtet werden, dass bei allen positiven Entwicklungen, die Berlin durchläuft, die soziale und funktionale Mischung erhalten bleibt, die die Stadt einzigartig macht und letztlich auch die touristische Attraktivität bewirkt hat. Für die Stadtgesellschaft zählt bei Weitem nicht nur die Quantität und wirtschaftliche Zugkraft des Tourismus, es muss sich auch um qualitativ hochwertigen Tourismus handeln:

Erstens im Sinne ökologisch-verkehrsbedingter Nachhaltigkeit, was den Ausbau städtischer Infrastrukturen betrifft, der durch Tourismus stark beansprucht wird – schließlich bewegen sich im Durchschnitt jeden Tag eine halbe Million Touristen in der Stadt. 
Zweitens müssen im Sinne sozialer Nachhaltigkeit Maßnahmen gefördert werden, die sich mit den sozialen Auswirkungen des Tourismus auf die Lebenswelten der Berliner auseinandersetzen, damit diese nicht zuletzt für auch die Touristen erhalten bleiben. Nur durch den Dialog mit den Betroffenen können Ideen und Handlungsansätze zur verträglichen Verankerung von Tourismus in der Bevölkerung erarbeitet werden. Hierzu bedarf es einer kleinteiligen Analyse der Alltagserfahrungen  und -erlebnisse von Anwohnern und anderen lokalen Stakeholdern wie Gewerbetreibenden, Vermietern und Bezirkspolitikern aus den jeweiligen Gebieten, die mit einer sozioökonomischen Analyse der Mikro- und Makro-Dimensionen des Berliner Wohnimmobilienmarktes in Verbindung gesetzt werden. 
Drittens muss Tourismus auch ökonomisch nachhaltig sein, was sich einerseits durch bessere Arbeitsbedingungen beispielsweise im Gastronomie- und Dienstleistungssektor (bezahlte Überstunden und Krankheitstage, langfristige Arbeitsverträge etc.) und eine Deckelung des „Race-to-the-bottom“ in der Hotelbranche manifestieren sollte und die Erträge der Stadt, der Gastronomen, der Händler und Hotellerie usw. nachhaltig planbar macht.

Der Begriff der „Touristifizierung“, der Touristen zum alleinigen Sündenbock für gesamtstädtische Stadtentwicklungsprozesse macht, birgt die Gefahr, eine viel tiefer sitzende Wurzel des Problems zu übersehen: Es gibt in Berlin keine Tourismuspolitik im engeren Sinne. In wichtigen stadtentwicklungsstrategischen Dokumenten wie beispielsweise der „Berlin-Strategie: Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030“ wird Tourismus trotz seiner enormen sozialen Wirkkraft primär als Wirtschaftsfaktor angesprochen. Bei Maßnahmen wie der „Räumlichen Diversifizierung der Tourismusnachfrage“ (Berlin-Strategie), die zum Umgang und zur Steuerung des Tourismus in der Stadt beitragen soll („Governance“), werden Anwohner als relevante Stakeholder-Gruppe nicht angeführt. Die zentrale Frage lautet jedoch, wie Anwohnerbedürfnisse und -interessen und mit jenen der Tourismuswirtschaft langfristig in Einklang gebracht werden können.

Um diese Beobachtungen besser verstehen zu können, wird an der TU Berlin ein interdisziplinäres Forschungsprojekt im wissenschaftlichen Spannungsfeld zwischen Immobilienökonomie und Stadtsoziologe initiiert, dass den Zusammenhang von Tourismus und Wohnqualität am Berliner Wohnungsmarkt untersuchen soll. So wird volks- und immobilienwirtschaftliches Know-how mit tourismussoziologischer und stadtforscherischer Expertise kombiniert. Mit der exemplarischen Analyse von vier Wohnquartieren in Friedrichshain-Kreuzberg und Berlin-Mitte greift das Projekt aktuelle gesellschaftliche Debatten um die miet-, wohn- und tourismuspolitische Zukunft Berlins auf. Es fragt bewusst nach der Perspektive der Anwohner und analysiert, wie verschiedene Dichten touristischer Übernachtungsmöglichkeiten wie Hotels, Hostels und Ferienwohnungen, die von Anwohnern wahrgenommene Wohnqualität in innerstädtischen Wohngebieten verändern.