InterviewWolfgang Ischinger: „Es herrscht völlige Funkstille“

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Donald Trump
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Donald Trumpdpa

Jedes Jahr im Februar verwandelt Wolfgang Ischinger München in eine Hochsicherheitszone. Aus aller Welt kommen dann Staatschefs, Minister, Militärs und Diplomaten für ein Wochenende in die Stadt, um auf der Sicherheitskonferenz die Lage der Welt zu beraten. Seit 2008 leitet Ischinger das Treffen. Zuvor arbeitete der Diplomat als Botschafter in London, Washington und als Staats­sekretär im Auswärtigen Amt.

Herr Botschafter, alle Welt verkündet heute über Twitter, was er oder sie so meint, auch Staatschefs. Braucht man da noch die klassische Diplomatie?

Dringender denn je sogar, würde ich sagen! Die große Kunst bei Twitter ist ja, das, was man eigentlich sagen möchte, besser für sich zu behalten. Man muss den Drang zu twittern unterdrücken. Das ist eine gewal­tige Herausforderung und gelingt ja nicht immer, wie Donald Trump beweist. Durch Twitter hat sich die Umlaufgeschwindigkeit der Welt­politik dramatisch gesteigert.

Man hat den Eindruck, dass die Twitterei Konflikte eher anheizt.

Das Potenzial für Missverständnisse ist tatsächlich gewaltig.

Passend zur aufgeheizten Stimmung haben Sie ein Buch geschrieben, es trägt den dramatischen ­Titel: „Welt in Gefahr“. Ist die Lage wirklich so brenzlig?

In den letzten zehn Jahren hat die Zahl schwer oder kaum beherrschbarer internationaler Krisen und Konflikte dramatisch zugenommen, und sie überlagern sich: Zum einen die militärischen Konflikte wie in Syrien, in Libyen, in Mali oder in der Ukraine, und wir erleben ökonomische Krisen wie in der Eurozone oder derzeit in der Türkei. Das meine ich mit: Die Welt ist in Gefahr.

Woher rührt diese Verdichtung?

Es gibt zwei Ursachen für diesen giftigen Brei. Zum einen haben die beiden entscheidenden großen Mächte, nämlich die USA und Russland, seit gut fünf Jahren jegliches gegen­seitige Vertrauen verloren. Dass Russland und die USA in Syrien nicht zusammengearbeitet haben, liegt daran, dass die Amerikaner mit den Russen keinerlei Informationen teilen wollten. Man fürchtet sich ­regelrecht vor der Zusammenarbeit. Wir erleben ein permanentes fundamentales gegenseitiges Misstrauen.

Und die zweite Ursache?

Die andere Ursache ist der Trend zur Ein-Mann-Diktatur: Wir haben einen russischen Präsidenten Putin, der sich vor keinem Politbüro mehr rechtfertigen muss. Wir haben einen US-Präsidenten, der sich bewusst über seine Partei und die wichtigsten Institutionen des Landes erhebt. Wir haben in der Türkei einen Präsidenten Erdogan, in China Xi Jinping, in Ungarn Viktor Orban und in Polen Jaroslaw Kaczynski. Von der Idee, dass Regeln und Institutionen Frieden, Stabilität und Zusammenarbeit ermöglichen, ist in der Welt nicht mehr viel übrig geblieben. Wir erleben gleichsam einen Kollaps der Global Governance. All dies erzeugt eine Lage, die ich für gefährlicher halte als alles zuvor seit dem Kalten Krieg.

Halten Sie auch eine große Konfrontation zwischen ­den Atommächten Russland und USA wieder für möglich?

Nein, von einem großen Krieg will ich gar nicht reden. Aber es häufen sich kleine Vorkommnisse, Zusammenstöße zwischen russischen und amerikanischen oder anderen westlichen Flugzeugen und Schiffen. Die Gefahr, dass einer mal auf den falschen Knopf drückt und aus kleinen Missverständnissen große werden, ist deutlich gewachsen.

Gab es nicht in früheren Jahrzehnten genauso viele Konflikte und Krisen? In den 90er-Jahren etwa, die viele nach dem Mauerfall als friedlich erinnern, tobte im zerfallenden Jugoslawien noch ein Bürgerkrieg auf europäischem Boden. Es gab den Völkermord in Ruanda, die Asien- und Russlandkrise 1997 und 1998. Verklären wir nicht die Vergangenheit?

Ohne jeden Zweifel gab es auch damals eine Vielzahl an Konflikten und Krisen, aber mit einem gravierenden Unterschied. Wenn Sie die Kommunikation zwischen Boris ­Jelzin und Bill Clinton aus den 90er-Jahren lesen, stellen Sie fest, dass es da ebenfalls hoch herging. Auch da wäre es beinah zur Konfrontation zwischen Amerikanern und Russen gekommen. Aber der Unterschied ist, dass damals das Grundvertrauen nie kaputt war. Die Drähte waren intakt. Jedes Jahr wurden russische Offiziere nach Harvard eingeladen. Davon ist heute nichts übrig geblieben. Minister, Botschafter, Beamte, die Abgeordneten – auf allen Ebenen herrscht heute völlige Funkstille.

Wie konnte es so weit kommen?

Das ist wie mit einer Infektionskrankheit, die sich langsam entwickelt. Es begann mit Putins Brandrede im Jahr 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Darin unterstellte er den USA ein Streben nach „monopolarer Weltherrschaft“, die NATO warnte er vor „ungezügelter ­Militäranwendung“ bis an Russlands Grenzen. Als keiner im Westen ­­reagierte, zettelte er den kleinen Georgienkrieg an. Viele erwarteten, mit dem US-Präsidenten Obama renke sich das wieder ein. Aber das Vertrauen hatte einen Knacks. Und 2014 mit der Krim war es dann zappenduster, das war der Scheitelpunkt. Heute herrscht zwischen den Administrationen beider Länder praktisch Kontaktsperre. Schlimmer noch, an der russischen Militärakademie wird den Offizieren beigebracht, dass es im Falle einer direkten Konfronta­tion mit dem Westen eine gute Idee sei, schon am ersten Tag die Nuklear­waffe einzusetzen, um dem Gegner den Schneid abzukaufen.