AnalyseWirecard-Bericht weckt neue Zweifel am Abschlussprüfer EY

EY gehört zu den sogenannten „Big Four“, den vier größten Wirtschaftsprüfern
Der Wirecard-Skandal belastet die Prüffirma EY. Zuletzt verlor das Big-Four-Unternehmen einige renommierte Prüfmandateimago images / Arnulf Hettrich

Im Wirecard-Skandal ergeben sich neue Zweifel an der Arbeit des Abschlussprüfers EY. Untersuchungen im Auftrag des Insolvenzverwalters Michael Jaffé kommen zu der Erkenntnis, dass die angeblich hohen Erlöse aus dem sogenannten Drittpartnergeschäft (TPA) des Zahlungsdienstleisters tatsächlich nicht existierten. Wirecard habe „kein signifikantes reales Geschäft“ mit den drei Partnerfirmen gehabt, über die das Geschäft mit externen Kunden abgewickelt worden sein soll, heißt es in einem Bericht der früheren Compliance-Abteilung von Wirecard, der Capital vorliegt. Daher hätten auch die angegebenen Treuhandguthaben aus diesem Geschäft, die sich laut dem Konzern zuletzt auf rund 1,9 Mrd. Euro summiert haben sollen, zu „keinem Zeitpunkt“ existiert.

Die Recherchen der Compliance-Experten sowie externer Beraterfirmen im Auftrag des Insolvenzverwalters liefern nicht nur Hinweise, wie dreist die Bilanzen des Konzerns über Jahre manipuliert worden sind. Sie werfen auch neue Fragen an den langjährigen Abschlussprüfer EY auf, der wegen seiner Rolle bei Wirecard massiv in der Kritik steht und sich gegen Schadensersatzklagen wehren muss. EY hatte die Bilanzen des Aschheimer Unternehmens jahrelang ohne Einschränkungen freigezeichnet – obwohl es immer wieder Betrugsvorwürfe gegen Wirecard gegeben hatte. Erst im Juni 2020 verweigerten die Prüfer ihr Testat, weil sich Bankbelege für die angeblichen Treuhandmilliarden in Asien als gefälscht erwiesen hatten. Wenige Tage später meldete der Dax-Konzern Insolvenz an.

Bei ihren Untersuchungen für Jaffé sind die Compliance-Mitarbeiter und Berater auf eine Vielzahl von Indizien dafür gestoßen, dass Wirecard seine Abschlussprüfer und den Kapitalmarkt jahrelang über das TPA-Geschäft und dessen Erlöse getäuscht hat. So hat die Beratungsfirma Warth & Klein Grant Thornton (WKGT) die behaupteten Treuhandguthaben mit den Jahresabschlüssen der drei Banken verglichen, bei denen über die Zeit die Treuhandkonten für Wirecard geführt worden sein sollen. Dabei hätten sich „in allen Jahren ab 2016 signifikante Unstimmigkeiten“ ergeben, stellten die Berater fest.

Konkret fiel den Bilanzexperten von WKGT auf, dass die von Wirecards Treuhändern angegebenen Guthaben in Euro von 2016 bis 2019 teils um ein Vielfaches höher waren als die Fremdwährungseinlagen, die die Banken in Singapur und auf den Philippinen in ihren offiziellen Bilanzen angegeben hatten. So soll das Guthaben bei der Bank OCBC in Singapur, das ein Treuhänder für Wirecard hielt, zum Jahresende 2018 laut dessen Angaben 1,026 Mrd. Euro betragen haben. Tatsächlich wies die OCBC in ihrer Bilanz zum gleichen Stichtag insgesamt nur 571,1 Mio. Euro an Kundeneinlagen in Euro aus.

Für das Folgejahr war die Diskrepanz sogar noch krasser. Ende 2019 war Wirecard mit dem vermeintlichen Treuhandvermögen zu einem neuen Treuhänder und zwei Banken auf den Philippinen umgezogen – wobei mehr als eine halbe Milliarde Euro angeblich per mobiler Überweisungen transferiert worden sein sollen, was angesichts der Summe sehr auffällig erscheint. Bei einer der philippinischen Banken, der BPI, soll das Treuhandguthaben für Wirecard zum 31. Dezember 2019 insgesamt 814 Mio. Euro betragen haben. Ausweislich des Jahresabschlusses der BPI summierten sich die gesamten Fremdwährungseinlagen des Instituts allerdings auf gerade einmal 104,8 Mio. Euro. Das nüchterne Fazit der WKGT-Bilanzexperten: Da die Richtigkeit der Jahresabschlüsse nicht in Frage stehe, „bleibt nur die Schlussfolgerung, dass die Angaben über die Treuhandkonten unwahr sind.“

Ohne die vermeintlichen Traumerlöse mit den asiatischen TPA-Partnerunternehmen Al Alam, Senjo und PayEasy hätte Wirecard allerdings seit 2017 Verluste geschrieben, wie der Untersuchungsbericht für den Insolvenzverwalter festhält. Demnach lag das Konzernergebnis vor Steuern aus dem Nicht-TPA-Geschäft 2017 bei minus 99 Mio. Euro. In den beiden Folgejahren stiegen die Verluste auf 190 und 375 Mio. Euro.

EY verteidigt Prüfungen

Die Schlussfolgerungen des Berichts führen zu der Frage, ob auch Abschlussprüfer EY bei früheren Jahresabschlüssen über die Ungereimtheiten bei den Treuhandkonten hätte stolpern können – oder gar müssen. Dazu erklärte ein EY-Sprecher auf Anfrage von Capital: „Für die Jahre 2015 bis 2018 führte das EY-Prüfungsteam Prüfungshandlungen durch, die nach dessen fachlichem Urteil unter Berücksichtigung der anwendbaren Prüfungsstandards ausreichend geeignete Nachweise für die Existenz und Bewertung der Guthaben lieferten.“ Dazu hätten insbesondere schriftliche Bestätigungen des Treuhänders, unterstützende Bestätigungen der TPA-Partner, persönliche Treffen mit dem Treuhänder sowie die Prüfung der in seinem Besitz befindlichen Kontoauszüge gehört. Im Jahr 2018 sei darüber hinaus eine Bestätigung durch den unabhängigen Wirtschaftsprüfer eines der drei TPA-Partner erfolgt.  Für einen – in den Prüfungsstandards nicht vorgesehenen – Abgleich der Treuhänderangaben mit der Bilanz der OCBC, die zu den größten Banken Südostasiens zählt, sah das EY-Team offenbar keine Veranlassung.

Nach dem Wechsel des Treuhänders und dem Transfer des angeblichen Vermögens zu zwei vergleichsweise kleinen Banken auf den Philippinen mitten in einer vom Wirecard-Aufsichtsrat beauftragten Sonderuntersuchung hat sich die Sachlage für EY nach eigenen Angaben dann jedoch verändert. Für ihn habe dieser Wechsel „Feueralarm“ ausgelöst, sagte der EY-Partner Christian Orth im März vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Die neue Lage habe zu „deutlich erweiterten Prüfungshandlungen durch das EY-Prüfungsteam“ geführt, betonte auch der Firmensprecher. „Diese hatten schließlich die Aufdeckung des Betrugssystems bei Wirecard zur Folge.“

Die Rolle von EY nimmt derzeit auch ein Sonderermittler unter die Lupe, den der Untersuchungsausschuss vor einigen Wochen eingesetzt hat. Sein Bericht wird in den kommenden Tagen erwartet. Nach Capital-Informationen zeichnet sich ab, dass die Abgeordneten Vertreter von EY ein weiteres Mal als Zeugen hören wollen. Der Bericht für den Insolvenzverwalter werfe neue Fragen auf, heißt es im Ausschuss.

Tatsächlich liefert die Untersuchung der früheren Compliance-Abteilung von Wirecard weitere Indizien, die schon in früheren Jahren Zweifel am TPA-Geschäft hätten auslösen können. In ihrem Bericht von Ende März verweisen die Autoren darauf, dass es im Konzern „zu keinem Zeitpunkt“ eine „organisatorische Struktur“ gegeben habe, die die angeblichen Aufgaben bei der Vermittlung von Kunden an die TPA-Partner in dem für den Konzern so wichtigen Drittpartnergeschäft hätten erfüllen können. Tatsächlich habe nur ein „unzureichendes Vertriebsteam“ bestanden: Asien-Vorstand Jan Marsalek, Wirecards Dubai-Statthalter Oliver B., eine führende Managerin der Asien-Tochter in Singapur und ein weiterer Manager – Personen, die heute als Drahtzieher oder Beteiligte an dem Betrugssystem gelten. Auch Regelungen zu Prozessen und Boni für die Vermittlung von Kunden an die TPA-Partner habe es nicht gegeben, heißt es in dem Bericht.

Darüber hinaus verweisen die Compliance-Experten auf Merkwürdigkeiten bei dem Dienstleister Citadelle aus Singapur, der über mehrere Jahre für Wirecard die Erlöse aus dem Geschäft mit Drittpartnern verwaltete. Der Treuhänder von Citadelle sei als Gründer, Director oder Anteilseigner bei mindestens fünf Unternehmen involviert gewesen, die im Zusammenhang mit dem TPA-Geschäft von Wirecard „auffällig“ seien. Diese Firmen hätten in einem engen Verhältnis zu Marsalek und dessen Vertrauten B. gestanden.

Zudem kommt die Compliance-Untersuchung zu dem Schluss, dass mehrere an Dubai-Statthalter B. adressierte Saldenbestätigungen dieses Treuhänders aus der Zeit ab 2016 „zu Täuschungszwecken“ angefertigt worden seien. Gefälscht worden sollen die Belege demnach von B., der inzwischen als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft München dient. Der Treuhänder wiederum behauptet heute, dass er seine letzten Dienste für Wirecard bereits im März 2017 erbracht habe. Allerdings flog er noch im Frühjahr 2019 nach Aschheim, wo er sich im Rahmen der Abschlussprüfung mit Prüfern von EY traf.

Keine einzige Beschwerde nach der Pleite

Fast schon komödiantisch liest sich die Passage, in der die frühere Compliance-Abteilung von Wirecard die Reaktionen der TPA-Partner und deren Kunden auf die Pleite des Konzerns im Juni 2020 beschreibt. Nach dem Zusammenbruch des Geschäfts mit angeblichen Transaktionsvolumina von 51 Mrd. Euro im Jahr 2019 habe sich niemand gemeldet – weder von Wirecards direkten TPA-Partnerunternehmen Al Alam, Senjo und PayEasy noch von deren Kunden. Die TPA-Partner hätten keine Informationen erbeten, sich nicht nach ihren angeblichen Sicherheiten auf den Treuhandkonten erkundigt und auch keinerlei Versuche unternommen, Ansprüche gegen Wirecard geltend zu machen, heißt es in dem Bericht. Schon „seit dem ersten Quartal 2020“ hätten die Partnerfirmen auch keine Abrechnungen mehr übermittelt oder Provisionserlöse an Wirecard ausgezahlt.

Aber auch von den angeblich von Wirecard an die Drittpartner vermittelten Endkunden habe kein einziger nach der Pleite Kontakt zum Konzern oder dem Insolvenzverwalter aufgenommen, schreiben die Autoren. Keiner dieser Händler habe sich nach der künftigen Zahlungsabwicklung erkundigt, um Unterstützung bei dem Übergang auf einen anderen Zahlungsdienstleister gebeten oder wegen der Ausfälle Ansprüche geltend gemacht – anders als bei anderen Wirecard-Gesellschaften, die über reale Kunden verfügten. Das fügt sich ein in die Aussage des früheren Compliance-Chef von Wirecard, der als Zeuge im Untersuchungsausschuss kürzlich zu Protokoll gab: Mit dem „überwiegenden Teil“ der Händler aus dem TPA-Geschäft habe man im Nachinein konzernweit „keine Kommunikation“ feststellen können – mutmaßlich weil es sie schlicht nicht gab.

In ihrem Bericht kommen die Compliance-Experten zu dem Schluss, dass ein „überschaubarer Kreis“ von Personen mithilfe von Strohleuten das TPA-Geschäft „fingiert“ und umfassende Vermögensabflüsse aus dem Konzern „orchestriert“ habe. Dabei haben sie bei ihren Prüfungen „verdächtige Mittelabflüsse“ in Höhe von rund 500 Mio. Euro identifiziert. Hinzu komme ein dreistelliger Millionenbetrag für Beratungsverträge ohne Gegenleistung oder strategische Darlehen an Firmen aus dem Dunstkreis von Wirecard.

Bei den TPA-Partnern habe es sich jedenfalls nicht um unabhängige seriöse Unternehmen gehandelt, stellen die Experten fest – sondern um eng mit Wirecard verbundene Strukturen, die ein „kollusives Zusammenwirken“ ermöglichen sollten. Dazu passt eine Erfahrung, die der Insolvenzverwalter gemacht hat: Ihm ist es trotz wiederholter Versuche nicht einmal gelungen, Korrespondenz an diese Firmen zustellen zu lassen.

 


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