KommentarWir wären wohl besser zu Hause geblieben

Wegen der Corona-Pandemie werden im Corona-Testzentrum am Köln Bonn Airport Reiserückkehrer aus Risikogebieten auf Corona getestet
Wegen der Corona-Pandemie werden im Corona-Testzentrum am Köln Bonn Airport Reiserückkehrer aus Risikogebieten auf Corona getestetimago images / Future Image

Lassen Sie uns den Corona-Elefanten im Raum benennen: Es wäre besser gewesen, wir wären in diesem Sommer weniger oder gar nicht durch Europa gereist. Vor zwei Monaten waren noch 158 Kreise sieben Tage ohne Neuinfektionen, am Freitagmorgen waren es noch 29. Wir zählten zuletzt knapp 1500 neue Infizierte innerhalb von 24 Stunden. Höher lag dieser Wert zuletzt Anfang Mai. Dazu erleben wir Pannen wie in Bayern, wo rund tausend unbewusste Corona-Zombies ohne Testergebnisse tagelang durchs Land irren konnten; wir lesen immer neue Schlagzeilen über infizierte Rückkehrer aus Spanien, der Türkei und vor allem aus Osteuropa – für die Kontaktermittler ist wieder Hochsaison.

Wir werden dadurch nicht automatisch um drei Monate zurückgeworfen, stehen nicht vor einem landesweiten Lockdown. Die Pandemie verläuft noch nicht exponentiell, der berühmte R-Faktor liegt bei 1,07. Wir haben genug Krankenhausbetten (oder gar Überkapazitäten, wie mir der Helios-Vorstand Enrico Jensch im Podcast sagte) und von 220.000 Infizierten sind 200.000 genesen. Aber die Lage ist fragil, besorgniserregender als noch vor den Sommerferien.

Wie von Beginn dieser Pandemie an geht es nicht um die Auslöschung des Virus, sondern um Kontrolle. Und Kontrolle braucht Geduld, oft mehr als uns lieb ist. All jene, die sich verständlicherweise Normalität wünschen, das alte Leben, sich nach der Welt von früher sehnen, erreichen mit zu viel Sorglosigkeit genau das Gegenteil.

Was wir Medien schreiben, interessiert das Virus nicht

Ich habe mich in den vergangenen Wochen in einigen Gesprächen mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, die Medien würden eine zweite Welle „herbeischreiben“ und Hysterie schüren. Ich habe in der Regel entgegnet: Ich fürchte, das Virus interessiert sich gar nicht dafür, was wir Medien schreiben – ob Mainstream oder gegen den Strich. Es weiß noch nicht einmal, was eine zweite Welle ist. Wir berichten auch nur über Daten, mit all den Unsicherheiten, die es gibt. Das bestechende an dem Virus ist, dass es auch Populisten, Wutbürger und „Querdenker“ über kurz oder lang zu den gleichen Fakten führt.

Ein – leider unvermeidliches – Problem ist, dass seit Monaten der R-Faktor mit der K-Frage verbunden wird: Söder oder Laschet, dieses Duell schwebt über allem, je nachdem, ob gerade die Debatte über das umstrittene Storytelling in Heinsberg hochkocht oder die Testzentren an bayerischen Autobahnen nicht funktionieren. Auch dafür interessiert sich das Virus wohl nicht.

Ein weiteres Problem in dieser Pandemie: Noch nie wurde ein globales Phänomen so detailliert, minutiös und anschaulich erfasst, in Corona-Liveupdates, Weltkarten, Zahlen. Die Zunahme an Daten und Wissen führt aber nicht automatisch zu mehr Klarheit. Wir können uns jeden Tag Studien heraussuchen, die zu unserem Weltbild und zu unserer Theorie passen: Schulschließungen sind effizient oder nicht, das Virus überträgt sich über Oberflächen oder nicht, Masken bringen etwas oder nix, Kinder sind ansteckend oder nicht.

Wir wissen mehr, aber werden nicht klüger

Das tägliche Update bedeutet oft auch tägliche Verwirrung: Nach Neuseeland ist das Virus über eine Kühlfracht gekommen! In Großbritannien haben 3,4 Millionen Menschen schon Antikörper (aber verschwinden diese Antikörper nicht nach einem halben Jahr?). In Sachsen haben Kinder in Schulen das Virus nicht übertragen!

Wir wissen also täglich mehr, aber werden nicht klüger. Wir deuten Daten, aber kommen nicht zu den gleichen Schlüssen. Immerhin können wir erste Lehren ziehen: Wo sich eine Gesellschaft zu früh und zu sorglos öffnet, droht ein erneuter Lockdown.

Ein zweiter Lockdown in Deutschland würde einen immensen wirtschaftlichen Schaden herbeiführen, nach der zarten Erholung, die wir nun überall erleben. Auch hier braucht es die Kunst der Abwägung: Wenn man Bars vorschnell öffnet, um ihre Existenz zu sichern, könnte gerade diese Frühzeitigkeit ihr Ende bedeuten. Wer Masken im Einzelhandel abschaffen will, könnte gerade dadurch Ladenschließungen provozieren.

Sorgen ja, Panik nein, wieder mehr Disziplin ja, aber bloß keinen totalen Stillstand – darum geht es für dieses Land in den kommenden entscheidenden Tagen.

 


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