Coronavirus„Die Globalisierung ist zum Stillstand gekommen“

Gabriel Felbermayr ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)
Gabriel Felbermayr ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)IfW Kiel / Michael Stefan

CAPITAL: Herr Felbermayr, Ihr Institut sagt für 2020 einen Konjunktureinbruch um 0,1 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts voraus, ein um 1,2 Prozentpunkte geringeres Wirtschaftswachstum als Sie vor dem Ausbruch des Coronavirus geschätzt hatten. Wie kommen Sie darauf?
FELBERMAYR: Die genauen ökonomischen Kosten, die uns durch das Coronavirus entstehen, können wir momentan nicht seriös beziffern. Wir müssen mit Szenarien arbeiten, also: was-wäre-wenn. In unserer Rechnung haben wir unterstellt, dass die Corona-Pandemie bis zur Jahresmitte abflaut und es dann zu spürbaren wirtschaftlichen Aufholeffekten kommt. Dafür spricht, dass beispielsweise in China der Höhepunkt der Corona-Ausbreitung recht schnell überschritten war, die Ansteckungszahlen nun zurückgehen und Produktionen bereits wieder anlaufen. Dagegen spricht, dass momentan kaum abzusehen ist, wie stark die Krise Italien wirklich erwischt, welche Schwierigkeiten das für die Eurozone bringt und was Corona für die Wirtschaft in den USA bedeutet. Unsere Prognose ist daher mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet, auch weil keiner weiß, wie die Menschen sich verhalten werden – allein aus Angst vor dem Virus.

Warum ist das so wichtig?
Wenn die Menschen ihr Verhalten ändern, wenn sie Angst haben, ins Restaurant zu gehen, nicht mehr ins Fitnessstudio gehen und nicht mehr reisen, dann wirkt das viel direkter auf die Wirtschaft als Krankheitsfälle in Unternehmen. Die Menschen kaufen nichts mehr, das hat direkte Folgen. Wie groß dieser psychologisch bedingte Schaden ausfällt, das ist schwer zu quantifizieren. Aber ich schätze 90 Prozent des Abschwächungseffekt auf die Wirtschaft kommt aus Panik.

Wie können wir den Schaden trotzdem möglichst gering halten?
Ganz wichtig ist eine gute Kommunikation der Politik. Wir müssen vermitteln, dass wir Messen absagen müssen, Versammlungen und Großveranstaltungen. Das sind harte Maßnahmen, die notwendig sind, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Aber gleichzeitig sollten Politiker deutlich machen, dass es unangebracht ist, in Panik zu verfallen.

Das ist der Nachfrageeffekt auf die Wirtschaft: Konsumieren die Menschen aus Angst nicht mehr, machen viele Unternehmen keinen Umsatz. Aber aus China kommen auch Teile, die wichtig für die Produktion in deutschen Unternehmen sind. Ist es eine berechtigte Sorge, dass die Fließbänder in Deutschland deswegen stillstehen?
Das ist auf jeden Fall eine berechtigte Angst. Wir haben mittlerweile in vielen Branchen just-in-time-Produktionen, bei der die Teile erst kurz vor der Verarbeitung geliefert werden. Das ist günstig für die Unternehmen. Die Lieferzeiten aus China betragen ungefähr vier bis sechs Wochen, jetzt im März wird sich daher das tatsächliche Ausmaß dieser Problematik zeigen. Wenn es für Teile aus China oder Italien keine Substitute gibt, muss nicht viel fehlen und die Produktion steht still. Wenn in einem Motor ein Teil fehlt, dann kann man ihn nicht bauen. Das wird zu einem Umdenken bei den Produzenten führen.

Sind Sie sich da sicher? Auch nach den letzten globalen Krankheitsausbrüchen hat sich wenig geändert an der Strategie der just-in-time-Produktion.
Das stimmt. Doch die letzten weltweiten Seuchen waren anders. Keine betraf eine so große Volkswirtschaft wie das aktuelle Virus. Weder Ebola noch SARS. Ebola war für die Weltwirtschaft irrelevant, weil die betroffenen Länder in Afrika für den Welthandel nahezu unbedeutend sind. SARS traf 2003 auf ein China, das wirtschaftlich ein Viertel so groß war wie heute. Heute kommen 28 Prozent der weltweiten Industrieproduktion aus China. Man kann also davon ausgehen, dass die Reaktion diesmal heftiger ausfällt. Es könnte sein, dass Unternehmen ihre Lieferketten peu à peu ändern. Die Managementpraktiken werden sich sogar ganz bestimmt verändern.

Eine kostengünstige Produktion vieler Teile in Deutschland dürfte kaum möglich sein. Was können Manager dann ändern?
Natürlich haben die ihre Optimierungskalküle bei den Produktionskosten. Die werden sie auch nicht ändern. Was sich ändert, ist ihre Wahrnehmung. Sie merken jetzt, dass sie die Fragilität der Lieferketten bisher womöglich unterschätzt haben. Also werden die Lieferketten in Zukunft in den Optimierungskalkülen der Manager ein höheres Gewicht bekommen.