KolumneCorona ist nicht Lehman

Zwischen Panik und Besonnenheit: Die Aktienmärkte stehen weltweit wegen der Unsicherheit über die Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie unter Druck.
Die Aktienmärkte stehen weltweit wegen der Unsicherheit über die Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie unter Druck.Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Die Börsen brechen ein, der Ölpreis bricht ein, die US Fed hat bereits in einem Notfallmeeting die Zinsen gesenkt. Bin ich der einzige der jetzt ein Déjà-vu mit der Finanzkrise von 2008 hat?

Nein, bist Du nicht. Aber ich glaube, solche Vergleiche sind nicht sehr hilfreich. Damals kam es in manchen Segmenten des Finanzmarktes zu einer drastischen Wertkorrektur, das zog wegen der hohen Komplexität einen ganzen Rattenschwanz an Neubewertungen nach sich. Die wiederum sorgten für einen Vertrauensverlust unter Banken, und zum Zusammenbruch der Liquidität. Keiner wusste, was als nächstes passiert.

Aber das weiß doch jetzt auch keiner.

Mein Eindruck ist, dass die Fachleute schon recht genau einschätzen können, was gerade passiert, wie sich das Virus ausbreitet und was Regierungen dagegen tun könnten. Wir haben zudem Erfahrungen aus China, zunehmend bedrückende aus Italien. Es ist keine fundamentale Unsicherheit über den Zustand weltweiter Finanzbeziehungen, wo die Ansteckung in Millisekunden einmal um den Globus geht. Bei dieser Krise weiß man im Prinzip, was kommt. Die Politik muss aber aggressiv und mutig gegensteuern.

Aber wo steuert man gegen? Ich lese von unterbrochenen Lieferketten und Hamsterkäufen, also einem Problem der Angebotsseite, und leeren Hotels und Zügen, also Problemen der Nachfrageseite.

Firmen stehen in der Tat vor mehreren Problemen gleichzeitig. Lieferketten sind unterbrochen, die sehr komplex geworden sind und sich nicht so leicht ersetzen lassen. ArbeitnehmerInnen bleiben zu Hause, aus verschiedenen Gründen und nicht alle können von zu Hause arbeiten. Die sind aber gleichzeitig Konsumenten, die vom Kauf neuer Brillen oder dem Besuch der Kneipe abgehalten werden. Firmen legen dann Investitionspläne auf Eis. Es ist eine sehr fiese Kombination aus Angebotsproblemen und wegbrechender Nachfrage.

Das Angebotsproblem kann man ja kaum lösen: der Staat kann ja keine Lieferketten ersetzen.

Nein, kann er nicht, sollte er auch nicht. Lieferketten offen zu halten, obwohl das gesundheitlich gefährlich ist, sollte nicht zur Debatte stehen. Aber er kann Firmen und Arbeitnehmern finanziell über diese Schlucht helfen. Kurzarbeitergeld zum Beispiel. Wenn Aufträge temporär wegbrechen, die Löhne aber weiter gezahlt werden müssen, hilft Kurzarbeitergeld, dass Firmen darunter nicht zusammen brechen und Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Ist das mit Liquidität gemeint? Davon liest man auch viel.

Es ist ein Bereich der Liquidität, aber bei weitem nicht der einzige. Firmen brauchen immer Liquidität, um Rechnungen, Löhne oder Kreditraten zu bezahlen. Das wird nun sehr schwer. Kurzarbeit ist ein wichtiges Element. Aber es braucht noch mehr.

Lass mich raten: die EZB.

Die EZB alleine schafft das nicht. Sie kann nicht so einfach einzelne Firmen oder Sektoren anvisieren. Es braucht tatsächlich eine Allianz aus 4 Akteuren. Erstens die Banken und Regulierungsbehörden, die dafür sorgen sollten, dass auslaufende Kreditlinien verlängert werden, und Banken auf ausbleibende Ratenzahlungen nicht mit Härte reagieren. Zweitens könnte die KfW in einem großen Programm zinslose Kredite an Unternehmen vergeben, die von Covid-19 betroffen sind. Drittens könnte die EZB ein neues TLTRO Programm auflegen, das ist eine Art Zuckerbrot für Banken, damit sie ihre Kreditvergabe erhöhen. Ein solch breites Programm hilft auch insgesamt der wirtschaftlichen Stabilisierung. Viertens könnte der Staat das Eintreiben von Steuern aussetzen, wie Lohn- oder Umsatzsteuer. Das würde sehr einfach alle Firmen betreffen, und ihnen einen zinslosen Kredit verschaffen. Da sich Deutschland zu -0.88% kurzfristig am Markt verschulden kann, würde Olaf Scholz damit sogar Gewinn machen. Am besten man setzt alle 4 Maßnahmen gleichzeitig auf die Bahn.

Das klingt ja fast nach einer Liquiditätsschwemme. Damit sind dann alle versorgt?

Nicht ganz. Die Bundesregierung hat schon exzellentes Timing bewiesen, am Weltfrauentag ausgerechnet die Care Arbeit zu vergessen, die zum überwiegenden Teil in Deutschland weiterhin von Frauen erbracht wird. Das sagt eigentlich alles über den Stand der Gleichberechtigung in Deutschland.

Warum braucht die Care Arbeit besondere Liquiditätshilfen?

Nicht die Care Arbeit selbst braucht sie, sondern die, die vom Ausfall betroffen sind. Care Arbeit ist zum Beispiel Altenpflege oder Kinderbetreuung. Wenn die ausfällt, stehen pflegende Angehörige und Eltern ziemlich allein da. Denn dann können sie selbst nicht mehr arbeiten, auch wenn ihre Firma das vielleicht wollte. Kurzarbeitergeld gibt es hier aber nicht, bleibt nur noch unbezahlter Urlaub. Daher braucht es ein „Corona-Elterngeld“ falls Kita oder Schule schließt, und äquivalent für Schließungen von Pflegeeinrichtungen.

Wer ist denn noch betroffen?

Ich denke, wir haben uns als Exportnation zu sehr auf den Außenhandel und die Güterproduktion konzentriert, da die wegen des Ausbruchs in China zunächst betroffen waren. Der Güterhandel ist zwar sehr stark betroffen, aber vermutlich nur kurzfristig. Nachdem die Epidemie vorbei ist, öffnen Fabriken wieder, der Handel läuft an, die Produktion geht wieder los. Konsumenten werden zudem den Kauf eines neuen Telefons oder einer neuen Brille, wenn Lieferschwierigkeiten dies verhindern, auch eher nachholen. Die Hoffnung, dass die Erholung davon eher einem V gleicht, ist berechtigt, sofern die Liquidität gesichert ist.

Das heißt es trifft die Dienstleistungen noch mehr?

Dienstleistungen werden oft nicht nachgeholt: zwar muss die Steuererklärung weiterhin gemacht werden, aber man holt den Restaurant- oder Konzertbesuch eher nicht nach, Bands sagen Konzerte ab, die abgesagte Reise nachzuholen wird schwer. Selbst das größte Sportereignis Europas, das Rheinderby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Ostholland, findet wohl ohne Zuschauer statt. Das ist ein permanenter Verlust.

Schon klar.

Daher brauchen wir Maßnahmen, die bei den Dienstleistungen auch eine zügige Erholung nach der Epidemie erwarten lassen, ähnlich wie bei Gütern. Der Staat sollte natürlich jetzt keine ‚sozialen Dienstleistungen’ wie Restaurants oder Reisen steuerlich fördern. Aber er könnte betroffenen Sektoren eine temporäre Ausnahme von der Mehrwertsteuer in Aussicht stellen für die 6-9 Monate nach der Epidemie. Dadurch würde die Nachfrage nach dem Ende der Epidemie angeheizt. Das würde auch Banken signalisieren, dass die Dienstleister unter ihren Kreditkunden sich zwar im Moment schwer tun, aber in Zukunft gutes Geschäft erwarten können.

Ist das alles zusammen also das Konjunkturprogramm, von dem manche reden?

Ich würde es eher ein gezieltes Programm zur Stützung der Wirtschaft nennen, kein allgemeines Konjunkturprogramm. Aber das brauchen wir auch, denn die Krise kann durchaus permanente Folgen haben: nicht alle Unternehmen werden wir mit Liquidität retten, nicht jeden Arbeitsplatz. Und Corona-Elterngeld ist schön zu haben, aber eben auch kein voller Ersatz für das eigene Gehalt. Sprich: die europäische Wirtschaft wird selbst bei einem harmlosen Verkauf ein paar Dellen behalten. Und eins darf man nicht vergessen: schon vor Corona war Europe nicht sonderlich gut aufgestellt.

Das heißt die EZB sollte doch wie die Fed die Zinsen senken?

Die Fed lag richtig, früh zu handeln und zu signalisieren, dass sie gewillt ist, alles zu tun, um die amerikanische Wirtschaft zu stützen. Die EZB wird, wie immer, nachziehen aber durch ihr Zögern gleichzeitig Zweifel sähen, wie weit sie zu gehen bereit ist. Das wird noch ein Problem werden, denn die EZB hat leider eine Reputation mittlerweile, zögerlich und vorsichtig zu agieren. Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir jetzt brauchen.

Auf fiskalischer Seite will die SPD die Abschaffung des Soli vorziehen.

Das kann man ergänzen, wenn man die CDU ärgern will, aber es ist keine gezielte Ankurbelung des teilweise brachliegenden Konsums wegen der Krise. Eine temporäre Aussetzung der Mehrwertsteuer für sozialen Konsum ist nicht nur zielgerichteter sondern auch progressiver: die Mehrwertsteuer zahlen alle, eine Aussetzung hilft also auch einkommensschwachen Haushalten. Den Soli zahlt ohnehin nur die obere Hälfte.

Öffentliche Investitionen spielen keine Rolle?

Öffentliche Investitionen eigenen sich für die kurzfristige Stabilisierung der Wirtschaft nur sehr bedingt: Investitionen brauchen lange Vorläufe, bis sie getätigt werden können, und sollten auch bei gut laufender Konjunktur nicht wieder eingestellt werden. Investitionen nach Kassenlage ist eine denkbar schlechte Politik. Es ist löblich, dass die Bundesregierung Investitionen beschleunigen will. Aber mit Corona hat das wenig zu tun, auch wenn sie das Gegenteil glauben machen will, um es politisch zu verkaufen.

Christian Odendahl ist Chefvolkswirt des Londoner Centre for European Reform (CER). Vorher arbeitete er als leitender Ökonom für Roubini Global Economics und als Marjorie Deane Financial Journalism Fellow beim Wirtschaftsmagazin The Economist.