Interview„Wir müssen den Konflikt zulassen zwischen Freiheit und Gesundheit“

Reinhard K. Sprenger
Reinhard K. SprengerRobin Sprenger


Reinhard K. Sprenger ist einer der profiliertesten Management-Berater in Deutschland. Zu seinen Kunden zählen alle wichtigen Dax-100-Unternehmen


Capital: Die Corona-Krise ist ein enormer Stresstest für die Menschen, das Gesundheitssystem und die weltweite Wirtschaft. Auch Deutschland ist im Shutdown und die Politiker spannen enorme Rettungsschirme auf. Führt die Politik uns gut durch die Krise?

REINHARD K. SPRENGER: In komplexen Situationen neigen Führungskräfte dazu, ihre Verantwortung für Entscheidungen an Berater abzutreten. Das entlastet sie bei Ziel- und Wertkonflikten oder in Ermangelung verlässlicher Daten. Das ist in der Politik nicht anders als in Unternehmen. Die meisten Politiker fürchten jetzt mehr, dass man ihnen später vorwirft, zu wenig getan zu haben als zu viel. Deshalb hat die Politik mehr oder weniger abgedankt, die Virologen regieren die Welt. Psychopolitisch nachvollziehbar, menschlich verständlich, langfristig desaströs.

Alle Macht dem Virus. Ist das wirklich so schlecht, wenn es um eine Gefahr geht, die Menschen das Leben kosten kann.

Ich kann die Logik der Virologen schon verstehen. Aber Politiker müssen ja gesamtgesellschaftlich denken und insbesondere auch die Spät- und Nebenfolgen kalkulieren, insbesondere für die Zukunftschancen der Jungen. Die liegen nicht in der Expertise der Virologen.

Das neue Buch von Reinhard K. Sprenger ist bei Random House erschienen

Sie fürchten den wirtschaftlichen Kollaps danach mehr als das Virus?

Unser gesamtes System ist angewiesen auf Menschen, die arbeiten, Unternehmen, die produzieren – auf Steuern, die gezahlt werden. Der Staat selbst hat kein Geld, mit dem er Hilfeleistungen finanzieren kann. Sein Geld hat er den Bürgern weggenommen – solange sie welches haben. Insofern ist er abhängig von einer funktionierenden Wirtschaft, von unendlich vielen Versorgungsketten. Wir ermöglichen ihm, seine Aufgaben zu erfüllen. Rettungsschirme sind insofern kurzfristige staatliche Selbstfiktionalisierungen, sie geben nur eine Scheinsicherheit.

Welche Alternativen zum Lockdown sehen Sie denn? 

Eine Alternative wäre, nur Risikogruppen massiv in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken, Menschen meines Alters beispielsweise, und den Rest auf eine kluge und geregelte Weise durchseuchen zu lassen. Aber weit wichtiger wäre, dass wir überhaupt zulassen, darüber zu diskutieren. Wir dürfen uns nicht hinter scheinbarer Alternativlosigkeit verschanzen. Wir müssen den Konflikt zulassen zwischen Freiheit und Gesundheit, zwischen dem Überleben der Alten und der Zukunft der Jungen. Unhysterische Vergleiche mit anderen Risiken sind dazu hilfreich: nichtepidemische Mortalitäten, Krankheiten, Unfälle.

Die Niederlande haben das ja wohl anfangs probiert und Großbritannien – dann aber abgebrochen.

Im Moment erliegen wir einer quantitativen Blendung, die nur Infizierte und Tote zählt. Was wir nicht zählen können und deshalb auch kaum berücksichtigen, sind die Schäden für die Nach-Corona-Zeit. Wir verabsolutieren gerade die Gesundheit als bedingungsloses Gut. Nach der Logik könnten wir auch Alkohol verbieten. Oder das Rauchen oder Reisen. Auch da wird ja normalerweise entschieden, was ist Risiko, was ist Chance – genau die Abwägung findet im Moment nicht statt.

Das klingt nach einer zynischen Abwägung – zugespitzt Menschenleben gegen Wachstumszehntel. Wollen wir diese Debatte wirklich führen?

Gegenfrage: Ist es nicht vielleicht möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, dass letztlich mehr Menschenleben gefährdet sind, wenn man der Logik der Virologen folgt? Es gibt doch keine Problemlösungen ohne Lösungsprobleme. Beispielsweise die Kollateralschäden bei der Zerstörung der Twin-Tower 2001. Da sind ja mehr Menschen außerhalb der Hochhäuser zu Tode gekommen, weil sie sich aufgrund akuter Flugangst ins Auto gesetzt haben und verunglückt sind.

Die Rechnung nach der Logik hieße dann wohl: Mehr Suizidtote aufgrund wirtschaftlicher Depression als Virustote.

Das kann niemand voraussagen. Aber diesen Dilemmata müssen wir uns stellen. Wenn wir die Dinge hingegen moralisieren, wenn wir keine Ziel- und Wertkonflikte anerkennen, brauchen wir keine Führungskräfte. Führung zieht ihre Existenzberechtigung aus genau diesen Konfliktsituationen – wenn es gute Gründe für die eine Seite gibt und genauso gute Gründe für die andere. Im strengen Sinne weiß man erst im Nachhinein, was man entschieden hat.

Die Bundesregierung ist doch längt in dieser Abwägung. Sie hat Dutzende Berater um sich herum, darunter auch viele aus der Wirtschaft, den Forschungsinstituten. Es wird über Exit-Strategien nachgedacht.

Ja, der Prozess beginnt offenbar. Aber der Preis für die Freiheit wird steigen, je länger diese beispiellose Ausdehnung der Staatszone dauert. Wir brauchen für die gesamte Gesellschaft neue Balancen, keine medizintechnischen Fundamentalismen. Manche Bürger werden auf die Tribüne steigen und Buh rufen, aber für solche Situationen gibt es Führungskräfte. Menschen, die sich schuldig machen. Denn man wird auf jeden Fall verhauen – von jenen, die anders entschieden hätten. Aber dafür werden Führungskräfte bezahlt, das ist ihr Job.

Sie sprechen mit vielen Unternehmern und Wirtschaftsführern. Was hören Sie da?

Die meisten versuchen zu retten, was zu retten ist. Subjektiv geht es immer allen schlecht, es herrscht geradezu ein Wettbewerb um die optimale Opferposition. Gesamtgesellschaftlich scheint es mir wichtig, die vielen kleinen Unternehmen als soziale Kraftquellen zu unterstützen und nicht die Großunternehmen publikumswirksam zu bevorzugen.

Also kein Bailout bei den Großen? Die Lufthansa wird anklopfen, die Automobilkonzerne folgen vielleicht.

Da bin ich zurückhaltend. Wir müssen diskutieren, was ist wirklich systemrelevant. Es wird immer so getan, als sei das selbstverständlich, ist es aber nicht. Es sei denn, man reduziert die Lebenswirklichkeit kurzsichtig auf eine quantitative Wirtschaftsrationalität und hält nur das für relevant, was groß und zählbar ist.

In der Finanzkrise gab es eine milliardenschwere Rettung der Banken.

Was da passiert ist, war ordnungspolitisch ein Skandal. Wenn wir jetzt wieder alle möglichen Unternehmen akutsozialistisch stützen und weiterhin Unternehmergehälter an angestellte Manager zahlen, die kein persönliches Risiko tragen, halte ich das für fatal. Das Gebot der Stunde ist ein Bailout für den Mittelstand. Bei den vielen KMUs ist Erstversorgung notwendig, wenn man ihre Breitbandwirkung gewichtet. Die Großen, wenn die einigermaßen vernünftig gewirtschaftet haben, sitzen meistens auf Reserven für etliche Monate. Falls sie die nicht haben, arbeitet das Management nicht auf der Höhe der Komplexität, die zu bewältigen es bezahlt wird. Ich kann nur hoffen, dass das der Aktionär bemerkt.

Glauben Sie, dass diese existenzielle Krisenerfahrung irgendeine positive Konsequenz haben wird?

Vielleicht bringt sie paradoxerweise eine Redimensionierung des Staates mit sich. Dass Menschen ihr Geld besser selbst ausgeben als es in den Kapillaren des Umverteilungssystems versickern zu lassen. Dass der Staat sich wirklich auf das Notwendige konzentriert, auf die Rechtssicherheit, auch auf das Gesundheitssystem. Unternehmen können lernen, finanziell nicht überhart am Wind zu segeln. Führungskräfte erhalten Anschauungsunterricht, was es heißt, Entscheidungen zu treffen, ohne den Applaus der Umwelt zu erwarten. Ansonsten empfehle ich Unternehmern, ihren Mitarbeitern verstärkt zu vertrauen. Das Homeoffice ist kein Vertrauensrisiko, sondern ein Kooperationsproblem. Privat frage ich mich, wie wir das Trainingslager für Dichteüberwindung gut überstehen. Wie bauen wir da Strukturen auf, wie entwickeln wir mehr Großzügigkeit, schauen nicht so sehr auf Kleinigkeiten.

Und wie läuft es in Ihrem Trainingslager? 

Wir irren uns voran. Gleich bin ich dran als Hauslehrer. Wir haben als Familie da schon Übung. Als wir für ein Jahr in den USA waren, haben wir das auch so mit unseren Kindern gemacht. Wichtig ist jetzt, dass jeder temporäre Fluchtmöglichkeiten hat. Vor allem darf man in solchen Situationen keinen alten Ärger präsentieren, Zornsparbücher sollte man wegwerfen.

Was hilft gegen Panik?

Gegen Stress hilft, Kontraste aufzubauen, sich nicht nur monothematisch der Seuche zu widmen, Bücher zu lesen, Tagebuch zu schreiben, in Bewegung zu bleiben, Sport zu treiben und sich immer vor Augen zu führen, langfristig hat die Freiheit immer noch ihr Haupt erhoben. Und im Sommer ist der Himmel wieder blau.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden