Interview„Wir haben mit ‚Bad Banks’ eine Marke geschaffen“

Szene aus Bad BanksSammy Hart


Lisa Blumenberg ist Filmproduzentin der Studio Hamburg-Tochter Letterbox Filmproduktion. Michael Lehmann ist Geschäftsführer der Produktionsgruppe Studio Hamburg


Frau Blumenberg, für das deutsche Fernsehen war „Bad Banks“ ein Innovationsschub – konzeptionell wie visuell. Als Produzentin gaben Sie den Anschub dazu. In welchem Moment wussten Sie, dass das Drama aus der Binnensicht der Finanzwelt so einschlagen würde?

Lisa Blumenberg
Lisa Blumenberg (Foto: A. Schieter)

LISA BLUMENBERG: Ich hatte schon ein richtig gutes Gefühl, als wir auf Grundlage der herausragenden Drehbüchervon Oliver Kienle den Cast mit den Hauptdarstellern Paula Beer, Désirée Nosbusch und Barry Atsma in der Regie von Christian Schwochow zusammen hatten. Mit dieser ganz speziellen Konstellation fing die Serie an zu fliegen. Ich war sehr glücklich, als ich nach dem ersten Drehtag die ersten Muster sah. Der Wow-Moment kam allerdings im April 2017 in Cannes. Dort waren wir zur MIPTV, der weltgrößten Messe für TV-Content, eingeladen – als eine von sechs noch nicht abgedrehten Highend-Serien weltweit. Im Grand Palais stellten wir vor tausend Einkäufern unser „Work in Progress“ vor. Unmittelbar wurde ich von ersten Einkäufern angesprochen: I saw your show, I love it, I’m gonna buy it! Und da war es ja noch gar nicht fertig. Man ist ja sehr lange im engsten kreativen Kreis mit einem Projekt beschäftigt und bekommt wenig Feedback von außen. Die vom Herzen her begeisterten Rückmeldungen haben mir gezeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Ihr Drama von einer Finanzkrise, Panik und all den persönlichen Abgründen hinterlässt kein schmeichelhaftes Bild von der Branche. Wie fielen denn die Reaktionen aus?

LISA BLUMENBERG: Was bei mir ankam, war äußerst positiv. Aus Frankfurt wurde mir erzählt, dass man während der Ausstrahlung in der Fressgasse überall die Namen unserer Protagonisten hörte. Banker haben sich getroffen, um gemeinsam die Serie zu gucken. Sie spekulierten, ob vielleicht ihr Chef gemeint war. Es war ein totales Thema. Wir waren authentisch, und das wurde auch so wahrgenommen. Die Faktenchecks und Vergleiche fielen gut aus. Wenn man in sechs Folgen eine Krise zeigt, muss man natürlich verdichten, um Spannung, Unterhaltung und Emotionen zu erzeugen. Aber das wurde akzeptiert.

Sie haben die fiktive „Deutsche Global Invest“ in die Skyline von Frankfurt montiert. Viele fühlten sich an die Deutsche Bank erinnert. Wurden Sie darauf angesprochen?

Michael Lehmann
Michael Lehmann (Foto: S. Malzkorn)

MICHAEL LEHMANN: Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Wenn sich jemand ertappt fühlt, ist es sein eigenes Problem. Es gibt ja nicht so viele deutsche Investmentbanken. Parallelen sind da nicht zu vermeiden. Auch bei anderen hat man sich vermutlich in der einen oder anderen Form wiedererkannt – von den Geschäftsmodellen bis zu den menschlichen Abgründen.

LISA BLUMENBERG: Explizite Rückmeldungen gab es aber nicht. Theoretisch könnte man sich die Deutsche Bank anschauen und fiktionalisieren. So sind wir aber nicht vorgegangen. Wir haben uns unsere eigene Großbank auf Grundlage unserer intensiven Recherchen erdacht. Aber interessant war, dass nach dem Dreh in der Presse Sachen hochkamen, ich erinnere eine Schlagzeile über Bilanzmanipulationen der Deutschen Bank ,die unser Hauptautor sich zwei Jahre zuvor für Bad Banks ausgedacht hatte.

Warum hat die Szene Sie eigentlich so fasziniert? Haben Sie in der (realen) Finanzkrise selbst Vermögen verloren?

LISA BLUMENBERG: Nein. Es gibt da diese Trägheit, man müsste mal was machen… Aber außer einer spießigen Altersvorsorge mit einer noch spießigeren Riester-Rente, wo ich mich auch schon über den Tisch gezogen fühle, bin ich kein Anleger. Aber man war natürlich betroffen über die Omas in Hamburg, denen irgendwelche Lehman-Papiere verkauft wurden. Man spürte 2008, wie unsere westliche Industriegesellschaft kurz davor war, panisch zu werden. Es war wirklich so, dass ich am Bankautomat nur noch 200 Euro bekam statt 500. Keine Ahnung, ob das Zufall war. Aber je fremder und unbekannter die Welten, umso interessanter ist es für den Kreativen, eine Binnenansicht erzählenswert näher zu bringen. Wenn ein Land noch im Serien-Schlaf steckt, ist dann natürlich ein Risiko, neue Modelle und Themen zu entwickeln. Aber, wie man sieht auch eine lohnenswerte Herausforderung.

Wie war das denn, Neuland zu betreten?

MICHAEL LEHMANN: Grenzen zu überschreiten, ist uns nicht neu. Mit der Letterbox Filmproduktion, eine Tochter der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH, konzentrieren wir uns neben dem klassischen Modell der Auftragsproduktion auch zunehmend auf internationale Koproduktionen, was ein komplett anderes Finanzierungsmodell bedeutet.

LISA BLUMENBERG: Das eine waren inhaltliche Überlegungen, welcher Stoff aus Deutschland oder Europa heraus erzählt eine globale Relevanz hat und genauso im Rest der Welt funktioniert. Wir hatten mit Schwochow und Kienle den wahnsinnigen Qualitätsanspruch, „State of the Art“ zu sein und dabei etwas Eigenes, Authentisches zu kreieren. Nicht irgendein „Me too“-Format. Es gab kein Vorbild, an dem man sich hätte abarbeiten können. Das andere war ein Finanzierungsmodell auf der Basis einer Koproduktion und internationalen Lizenzverkäufen. Im Vergleich zu einer gewöhnlichen Auftragsproduktion haben wir größere Investments und fahren größere Risiken, da wir aus der eigentlichen Produktion eine geringere Marge ziehen und den Erlös auf langer Strecke realisieren müssen.

Sie gingen also auf Geldsuche mit einem neuen Konzept, das global abheben sollte, und einem negativ besetzten Thema über die Buhmänner der Nation. Wie schwierig war das?

MICHAEL LEHMANN: Allein aus Deutschland 8 Mio. Euro zu finanzieren, ist kaum zu schaffen. Es gibt vielleicht zwei drei Kinofilme im Jahr mit so einem Etat. Unser Schlüssel war Luxemburg – ein mehrsprachiger Finanzplatz mit eigener Filmszene und einer starken Filmförderung. Dort wurde auch als erstes Geld in die Drehbuchentwicklung investiert und erstmals eine Serie unterstützt.

LISA BLUMENBERG: Mit der Zusage des Koproduzenten Nicolas Steil von Iris Productions konnte ich nach Deutschland und Frankreich zu ZDF und Arte gehen. Beide hatten einen guten Riecher und signalisierten großes Interesse, obwohl es da noch keinen Serienhype mit verbreiteten Streamings von Netflix und Amazon gab. Auch für die hessische Filmförderung war es Neuland. Es war ein sehr langer Weg. Geholfen hat auch nicht zuletzt der damals neu aufgestellte German Motion Picture Fond. Am Ende trug die TV-Lizenz/Koproduktionsanteile von ZDF/arte gute 50 Prozent und der Beitrag aus Luxemburg 25 Prozent der Kosten, der Rest – neben den Förderungen – ist Eigenanteil, inklusive der Rechte für den Weltvertrieb.