GastbeitragWir brauchen echtes Engagement

Mit wirtschaftlichen Kenntnissen Gutes tun, so lautet das Lebensziel von Saskia Bruysten. Für ihre Arbeit und ihr Engagement wurde sie mit dem Veuve Clicquot Bold Woman Award 2020 ausgezeichnet
Mit wirtschaftlichen Kenntnissen Gutes tun, so lautet das Lebensziel von Saskia Bruysten. Für ihre Arbeit und ihr Engagement wurde sie mit dem Veuve Clicquot Bold Woman Award 2020 ausgezeichnetFranziska Krug


Saskia Bruysten ist Mitgründerin und CEO von Yunus Social Business – sie unterstützt Sozialunternehmen in Entwicklungsländern dabei, lokale Probleme wirtschaftlich zu lösen. Für ihre Arbeit hat sie am Donnerstag den renommierten Bold Woman Award von Veuve Cliquot verliehen bekommen. Capital ist Medienpartner der renommierten Auszeichnung, die 1972 ins Leben gerufen wurde. Bis heute wurden 350 Frauen in 27 Ländern ausgezeichnet. In Deutschland wird der Award bereits seit 1984, bisher unter dem Namen den Business Woman Award, verliehen.


Endlich engagiert sich der reichste Mann der Welt für den Klimawandel. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat angekündigt, zehn Milliarden Dollar für den Kampf gegen den Klimawandel zu spenden. Das Geld solle in eine Initiative namens Bezos Earth Fund fließen, die ab dem Sommer Wissenschaftler, Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen finanzieren werde, schrieb Bezos auf Instagram. In der Ankündigung wurde Amazon überhaupt nicht erwähnt. Wenn man mich fragt, ist Philanthrophie ein Anfang, aber die wertvollste Firma dieser Welt muss sich selbst verändern. Es reicht nicht, wenn die eine Hand der Gesellschaft gibt, aber die andere von ihr nimmt.

Ja, Amazon hat sich letztes Jahr verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu werden, zehn Jahre vor dem Pariser Abkommen. Eine schöne Ankündigung. Aber werden die Massnahmen folgen? Ein globales Unternehmen, der Größe von Amazon hat einen größeren Einfluss auf die Welt als viele Regierungen. Amazon hat in 2018 44.4 Tonnen an CO2 ausgestoßen, ungefähr das gleiche wie als Norwegen. Amazon hat weltweit 750,000 Mitarbeiter, das sind mehr als die Einwohner von Frankfurt. D.h. eine Firma wie diese hat die Fähigkeit, den Klimawandel und soziale Ungleichheit signifikant anzugehen. Stattdessen hört man ständig Beschwerden über Lieferwagen, die unsere Stadtluft verpesten oder Amazon Mitarbeiter, die über niedrige Löhne klagen, mit denen sie nur am Existenzminimum kratzen können. Unsere Unternehmen sollten für uns arbeiten – keine Probleme schaffen.

Die Kapitalismuskritik wird überall lauter. Greta Thunberg und die Gelbwesten sind weit bekannt. Aber auch die Hardcore Kapitalisten wie Larry Fink von Blackrock oder Hedgefund Milliardär Ray Dalio wollen eine Veränderung sehen. Selbst die Hauptmeile in Davos, wo jährlich das World Economic Forum stattfindet, war dieses Jahr gepflastert mit Unternehmensankündigungen wie “let’s make business the greatest platform for change”.

Inzwischen muesste auch dem letzten CEO klar sein, dass man Umwelt- und soziale Themen nicht mehr ignorieren kann. Auch weiß man, spätestens seit dem “Greenwashing” PR-Debakel von Siemens-Chef Joe Kaeser, dass leere Versprechungen mehr schaden als nützen. Trotzdem sehe ich, in Gesprächen mit Vorständen, dass viele sich noch fragen: Wie?

Geschäftmodell statt Gutmenschentum

Es gibt einen Weg: Immer mehr Unternehmen setzen ihre Ressourcen und ihr Know-how ein, um neue Wege zur Lösung gesellschaftlicher und ökologischer Herausforderungen zu finden: Lösungen, die nicht auf Gutmenschentum basieren, sondern auf einem Geschäftsmodell. Die Lösungen werden von engagierten Mitarbeitern vorangetrieben, die wie firmeninterne Unternehmer agieren. Für diese Social Intrapreneurs steht der klassische Profitgedanke im Hintergrund. Mit dem Segen der Unternehmungsführung gründen sie Sozialunternehmen (Social Business), die zu 100 Prozent darauf ausgerichtet sind, ein gesellschaftliches Problem zu lösen, und reinvestieren die Gewinne.

Vor etwa zwölf Jahren kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Social Business in Berührung. Als Unternehmensberaterin war ich damals auf „Profit um jeden Preis“ gepolt. Doch dann hörte ich einen Vortrag des Mikrokredit-Erfinders und Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus über ein erstaunliches Joint Venture zwischen der von ihm geführten Grameen Bank und dem globalen Nahrungsmittelgiganten Danone. Ziel war die Produktion eines nährstoffreichen, erschwinglichen Joghurts zur Bekämpfung der Mangelernährung von Kindern in Bangladesch. Ich war sofort beeindruckt, sprach Yunus an und sass ein paar Wochen später in einem Flug nach Bangladesch, um mir das persönlich anzusehen.

Ich sah, dass es tatsächlich funktionierte: Der mit Nährstoffen angereicherte Joghurt führte bei den unterernährten Konsumenten zu einer statistischen Verringerung von Entwicklungsstörungen. Doch nicht nur für die Kunden war die Joghurtunternehmung positiv: Von Danone-Mitarbeitern erfuhr ich, dass das Projekt auch dem Unternehmen selbst viele unverhoffte Vorteile bescherte. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Danone, die an wohlhabende Westler als Zielgruppe gewöhnt war, hatte nie zuvor, ein Produkt für die Ärmsten entwickelt. So entstanden eine Vielfalt von Innovationen: Eine längere Produkthaltbarkeit passend fuer die heissen Bangladeschi Geschäfte. Eine neue Rezeptur, um den bitteren Jodgeschmack zu neutralisieren. Becher aus Maisstärke statt Plastik.

Ich war inspiriert von der Idee, die Power von Konzerngiganten zu nutzen, um echte Probleme zu lösen. Der Reality Check kam zurück in Europa: Vor mehr als einem Jahrzehnt waren nur sehr wenige Pioniere an diesen Themen interessiert.

Um herauszufinden, ob das Interesse an Social Intrapreneurship (SI) und Social Business inzwischen gestiegen war, führte unser Team von Yunus Social Business (YSB) zusammen mit Partnern des World Economic Forum, INSEAD und Porticus im vergangenen Jahr eine ambitionierte Studie durch, die im Januar in Davos vorgestellt wurde. Über 200 SI-Projekte wurden bei Konzernriesen wie Ikea, Accenture, BASF, Renault, SAP, etc identifiziert und rund 50 Social Intrapreneurs befragt.