Presseschau„Wir beneiden euch nicht“: Häme über Deutschlands Impf-Fehlstart

Er herrscht Skepsis gegenüber dem Impfstoff von AstraZeneca.IMAGO / Sven Simon

Die Financial Times schreibt: „Deutschland ist bekannt für Vorsprung durch Technik, Ingenieurswissen und allgemeine Kompetenz. Kein Wunder also, dass die Covid-19-Impfkampagne dabei ist, zu einer nationalen Peinlichkeit zu werden“. Weiter heißt es: „Dies steht in krassem Gegensatz zur ersten Welle der Pandemie, als die Welt Deutschland um seine Krisenreaktion beneidete. Es gab einen frühen Lockdown, ein beispielhaftes System zur Kontaktnachverfolgung wurde eingerichtet und das Virus schnell eingedämmt, sodass es zu einer der niedrigsten Infektionsraten in Europa kam. Doch die zweite Welle über den Winter traf Deutschland deutlich stärker und die ansteckendere britische Mutation verhinderte Bemühungen, dem Virus einen Schlag zu versetzen. Ein im vergangenen Dezember verhängter Shutdown ist noch immer in Kraft und Impfstoffmangel hat die Hoffnungen auf eine rasche Rückkehr zum normalen Leben zunichte gemacht.“

Die britische Boulevardzeitung The Sun titelt: „Eine Nachricht an unsere Freunde in Deutschland – wir beneiden euch nicht um das Impf-Durcheinander der EU“. Und weiter schreibt das Blatt: „Die große Mehrheit von uns kennt nur ein deutsches Wort. Ja, richtig: Schadenfreude. Das Vergnügen ausgelöst durch das Unglück eines anderen.“ Als Antwort auf den Bild-Titel „We beneiden you“ schreibt die Sun: „Wir beneiden euch nicht. Wir freuen uns auf einen Sommer ungezügelter gesellschaftlicher Kontakte, das Wiederentdecken alter Trinklöcher, um unser Lieblingsgetränk zu genießen (ein Beck’s für die Herren, ein Glas Black Tower für die Damen). Warme Monate mit Fußballspielen, Popkonzerten (ooh, Kraftwerk spielt hier im Juli) und frivole Einkaufsbummel.“

„Bizarre Situation“

Der britische Guardian schreibt über die verbreitete Skepsis gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff: „Es gibt eine wachsende Besorgnis über die Abneigung der unter 65-Jährigen, die geimpft werden sollen – einschließlich des Krankenhauspersonals und der Mitarbeiter in Pflegeheimen – den Oxford/AstraZeneca-Impfstoff zu erhalten, da sie befürchten, dass der Impfstoff nicht sicher ist. Gesundheitsexperten der Regierung bestehen darauf, dass das nicht stimmt. Tausende Menschen im ganzen Land, die den Impfstoff erhalten sollten, sind nicht zu Terminen gekommen, was zornige Reaktionen von Politikern auslöste, darunter von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, der sagte, dass diejenigen, die den Impfstoff nicht wollten, „ihre Chance verpasst“ hätten und Bayerns Ministerpräsident, der sagte: „Es ist absurd, dass wir Impfdosen haben, die niemand will.“

Politico titelt: „Die Deutschen sagen ‚Nein Danke‘ zum Corona-Impfstoff von Astrazeneca“ und schreibt weiter: „Es ist eine bizarre Situation: Während Millionen Deutsche ungeduldig auf ihren Coronavirus-Impfstoff warten, stapeln sich wegen geringer Nachfrage Dosen von Oxford/Astrazeneca in den Lagern. Dieses Missverhältnis ist umso erstaunlicher, weil die Bundesregierung angesichts der Versorgungengpässe in der EU zunehmend unter Druck steht, die Impfungen zu beschleunigen.“

Die spanische Tageszeitung El País schreibt: „Hunderttausende Dosen bleiben in Deutschland gelagert, weil ein großer Teil der Bevölkerung sich dagegen wehrt. Soziale Netzwerke sind voll von Kommentaren, einige in einem humorvollen, die meisten aber in äußerst ernstem Ton, die von einem „guten Impfstoff“ und einem „schlechten Impfstoff“ sprechen.“

 


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