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Gaskrise Wie Habeck den Gasverbrauch reduzieren will

Um die Gasspeicher zu füllen, will die Bundesregierung den Verbrauch senken
Um die Gasspeicher zu füllen, will die Bundesregierung den Verbrauch senken
© IMAGO / Panama Pictures
Wirtschaftsminister Robert Habeck hat die „Alarmstufe Gas“ ausgerufen. Deutschland muss seinen Gasverbrauch senken, um nicht länger von Russland erpressbar zu sein. So lässt sich Gas sparen

Wie viel Gas muss eingespart werden?

Zuletzt bezog Deutschland noch rund 35 Prozent seines Erdgases aus Russland. Im vergangenen Jahr waren es noch über 50 Prozent. Die bisherige Verringerung der Abhängigkeit von Russland geht vor allem durch zusätzliche Lieferungen von Flüssiggas unter anderem aus den USA zurück. Bis 2024 soll Deutschland nach Plänen der Bundesregierung ganz auf russisches Gas verzichten können. Sollte Russland Deutschland den Gashahn aber kurzfristig zudrehen, müsste das zunächst wohl hauptsächlich durch drastische Einsparungen beim Verbrauch ausgeglichen werden. Um trotz der bereits stark eingeschränkten Lieferungen aus Russland einen möglichst großen Puffer aufzubauen und die Gasspeicher für den kommenden Winter füllen zu können, will die Bundesregierung nun den Gasverbrauch schon jetzt so weit wie möglich drosseln. Es komme auf „jede Kilowattstunde“ an, so Energieminister Robert Habeck. Das Füllen der Speicher habe jetzt „oberste Priorität“.

Welche Maßnahmen hat Habeck zuletzt vorgelegt?

Die Stromproduktion durch Erdgas soll weitestgehend durch Kohlekraftwerke, die derzeit teilweise in Bereitschaft gehalten oder stillgelegt waren, ersetzt werden. Für Industrieunternehmen soll es einen finanziellen Anreiz geben, Gas einzusparen. Die bundeseigene KfW-Bank soll eine Kreditlinie in Höhe von 15 Mrd. Euro für die von den Ferngasnetzbetreibern unterhaltene Gesellschaft Trading Hub Europe (THE) bereitstellen. Mit dieser Liquidität ausgestattet, soll THE weiter Gas einkaufen und die Befüllung der Speicher vorantreiben.

Welches Potenzial steckt in diesen Maßnahmen?

Gaskraftwerke verbrauchten zuletzt gut 10 Prozent des Erdgases in Deutschland. Vollständig ersetzen lassen sich die Gaskraftwerke wohl nicht durch Kohlemeiler. Der Anteil der Industrie am Gasverbrauch ist mit über einem Drittel viel größer. Allerdings sehen die Unternehmen bei sich selbst nur geringe Sparpotenziale. Einer Umfrage zufolge können deutsche Industriebetriebe kurzfristig nur etwa acht Prozent ihres Gasverbrauchs, also weniger als drei Prozent des gesamten deutschen Verbrauchs, einsparen. Zusammen reicht das also bei Weitem nicht, um einen möglichen Komplettausfall der russischen Lieferungen zu kompensieren. Um die Einsparungen der Industrie zu erhöhen, soll die Bundesnetzagentur einen speziellen Auktionsmechanismus entwickeln.

Wie funktionieren Gasspar-Auktionen?

Die Bundesnetzagentur könnte einzusparende Gasmengen ausschreiben. Unternehmen geben daraufhin Gebote ab, für wie viel Geld sie bereit sind, auf welche Menge ihres gewöhnlich verbrauchten Gases zu verzichten. Ein Unternehmen, das einfach auf einen anderen Energieträger umstellen kann oder durch zeitweise Produktionsausfälle verhältnismäßig geringe finanzielle Schäden erleidet, fordert dann entsprechend weniger Kompensation als ein unbedingt auf Gas angewiesener Betreiber einer komplexen Industrieanlage. In der Auktion kommen dann die geringsten Gebote zum Zuge, bis die vorgegebene Einsparmenge erreicht ist. Ein vergleichbares Verfahren ist bereits im Strommarkt etabliert, um kurzfristige Schwankungen im Netz auszugleichen.

Was ist mit den Privathaushalten?

Privathaushalte stehen für ein knappes Drittel des Gasverbrauchs in Deutschland. Experten sehen hier ein erhebliches, auch kurzfristiges Einsparpotenzial. Dennoch belässt es die Bundesregierung zunächst bei Appellen und dem Verbreiten von Spartipps. Nicht ausgeschlossen hat Habeck bislang, dass die gesetzlich festgelegte erreichbare Mindesttemperatur für Mietwohnungen herabgesetzt werden könnte. Einige Experten fordern, ähnlich wie bei den Unternehmen auch Privatverbrauchern Geld fürs Energiesparen zu bieten. Veronika Grimm, Ökonomin und eine der „Wirtschaftsweisen“ forderte, man solle „dringend Prämien ausschreiben für Haushalte, die ihren Gasverbrauch im kommenden Winter drastisch reduzieren“. Das könne man durch den Vergleich der Gasrechnungen relativ einfach überprüfen, sagte Grimm der „Rheinischen Post“. Das Potenzial sei groß, man müsse aber frühzeitig kommunizieren, dass es sich lohne.

Was ist mit Atomkraftwerken und zusätzlicher Gasförderung mittels Fracking?

Sowohl Forderungen nach einer Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken als auch nach einer Zulassung des umstrittenen Frackings in Deutschland weist die Bundesregierung zurück. Dabei argumentiert sie nicht mit umweltpolitischen, sondern mit praktischen Bedenken. Bis neue Erdgasquellen, ob auf herkömmliche Weise oder mithilfe von Fracking, Gas ins Netz einspeisen könnten, würden Jahre vergehen. Deutschlands Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, lehnen selbst deren Betreiber ab, unter anderem weil kein Brennstoff dafür zur Verfügung steht. 

Was passiert, wenn all das nicht ausreichen sollte?

Für den Fall, dass die bisher beschlossenen Maßnahmen nicht reichen, hat Habeck bereits weitere Schritte angekündigt, ohne Details zu nennen. Sollte Gas im schlimmsten Fall tatsächlich knapp werden, müsste laut Deutschlands „Notfallplan Gas“ die Bundesnetzagentur die Verteilung übernehmen. Haushalte und systemrelevante Einrichtungen wie Krankenhäuser oder auch Bäckereien hätten dann Vorrang vor Industriebetrieben.

Dieser Beitrag ist zuerst auf ntv.de erschienen.


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