ReportageWie Great ist Britain?

Ed Miliband (l.) und David Cameron als Pappkameraden
Umfragen sehen Labour-Herausforderer Ed Miliband (l.) und Premierminister David Cameron dicht beieinander – Foto: Getty Images

Der Lärm im ehrwürdigen Abgeordnetenhaus des Palace of Westminster schwillt an, als George Osborne aufsteht. Der Finanzminister tritt über den roten Strich auf dem Fußboden, der die Regierung von der Opposition trennt. „Heute“, beginnt Osborne, „berichte ich über ein Großbritannien, das wächst. Das Jobs schafft. Und dessen Finanzen in Ordnung sind.“ Wie ein Metronom schlägt seine Hand rhythmisch auf das Pult, während er die Errungenschaften seiner Regierung aufzählt. Osborne weiß, worum es geht. Am 7. Mai wird in Großbritannien gewählt. Es steht so knapp wie selten zuvor.

Der 43-Jährige ist zum Hoffnungsträger der Konservativen aufgestiegen. Und zwar ausgerechnet dank einer Politik, die in den letzten Jahren Tausende auf die Straße getrieben und das Land gespalten hat: der Austerität. Auch anderswo in Europa wurde gespart, mancherorts durchaus härter. Doch nirgendwo sonst hat eine Regierung ihren Kurs so zur Glaubensfrage gemacht. Nie hat sich Osborne für das, was er den Briten zugemutet hat, entschuldigt.

Doch dann, nach einer tiefen und langen Rezession, kam der Aufschwung. Um 2,8 Prozent ist die Wirtschaft 2014 gewachsen – davon können Deutschland und die anderen G-7-Staaten nur träumen. Die Beschäftigungsquote hat mit über 73 Prozent einen Rekord erreicht, die Arbeitslosenquote ist halb so hoch wie der EU-Schnitt. Allein in der Grafschaft Yorkshire seien mehr Jobs geschaffen worden als in ganz Frankreich, brüstet sich Osborne. Noch wichtiger für viele Briten: Die Realeinkommen steigen endlich wieder. Dank Lohnzuwächsen, aber vor allem auch dank der niedrigen Inflation.

Osborne, einst als „U-Boot-Schatzkanzler“ verspottet, muss sich nicht länger verstecken. Im modischen Dreireiher steht er im Parlament, die schwarze Haartolle seiner ersten Regierungsjahre ist einer Antonio-Banderas-Frisur gewichen. Er hat etliche Pfunde weggehungert, als müsse er so schlank sein wie sein Staatsideal. „Großbritannien geht wieder aufrecht“, ruft er der lärmenden Opposition entgegen. Er endet mit der Formulierung, die die Tories gern als Bilanz ihrer Amtszeit sähen: „Das Comeback-Land“.

Aber stimmt das? Wie gesund ist die britische Wirtschaft wirklich?

Britanniens neue Helden

Weit weg von der Hauptstadt, im Städtchen Newton Aycliffe hoch oben im Norden, hat Pamela Petty die Rede verfolgt. Doch so richtig ernst nehmen mag die Unternehmerin nicht, was Osborne angekündigt hat: neue Einsparungen, versüßt mit ein paar Wahlbonbons. „Ein typischer Vor-Wahl-Haushalt eben“, sagt sie. Sie hat anderes im Kopf. Bald beginnt ihr großes Abenteuer. Sie wird Großbritannien den Stolz zurückgeben.

Die 47-Jährige steht in einer Industriehalle, sie trägt ein leichtes Kleid mit roten Tupfern, das eher an ein Sommerfest denken lässt. Aber die Geschäftsführerin von Ebac fühlt sich wohl zwischen den Arbeitern, die an den Tischen schrauben und montieren. Ebac hat sich als Hersteller von Entfeuchtern und Wasserspendern einen Namen gemacht. Doch nun stapeln sich überall silberne Trommeln. An den Wänden lehnen weiße Blenden mit Guckauge; dazwischen fertig montierte Gehäuse. Waschmaschinen. Noch hängen die gelben Riesenroboterarme schlaff herunter. Ab Mai aber werden sie Waschmaschinen „Made in Britain“ bauen. Zum ersten Mal, seit 2009 die beiden Hersteller Hotpoint und Hoover die Produktion einstellten. Beide gehörten ausländischen Eignern, wie so viele Unternehmen in einer der offensten Volkswirtschaften der Welt.

Dienstleistungslastige Wirtschaft
Quelle: Office for National Statistics

Der Niedergang der britischen Industrie hat schon lange Zeit vorher begonnen. Seit den 70er-Jahren ist ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung von gut 30 auf zehn Prozent geschrumpft. Lange schien das kein Problem: Die Finanzindustrie und der Dienstleistungssektor boomten. Doch dann kam die Finanzkrise. Regierung und Notenbank schnürten ein 850-Mrd.-Pfund-Rettungspaket, der Großteil davon Liquiditätshilfen und Garantien für Banken. Die Wirtschaft erlebte den stärksten Einbruch seit dem Krieg. Und das Haushaltsdefizit des Staates explodierte. 2009 erreichte es elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts – griechische Verhältnisse, wie Osborne warnte.

Labour wurde abgewählt. Die neue Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten beschloss, dass Großbritannien seine Abhängigkeit von der City loswerden müsse. Osborne, nun Schatzkanzler, rief den „Marsch der Macher“ aus. Entrepreneure, Innovateure und Unternehmer sollten die Helden der neuen britischen Erzählung sein.