AufbrecherWie 5 Dänen gegen Lebensmittel-Verschwendung kämpfen

Über die App Too Good To Go können gastronomische Betriebe überzählige Lebensmittel verkaufen
Über die App Too Good To Go verkaufen gastronomische Betriebe überschüssiges Essen anstatt es wegzuwerfenToo Good To Go


Klimawandel, Armut, Flüchtlingskrisen: Die Welt ist voller Probleme. Capital präsentiert in einer Serie Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit, von smarten Köpfen und innovativen Unternehmungen. Diesmal: Too Good To Go


Das Problem:

Weltweit landet pro Jahr jedes dritte Lebensmittel in der Tonne. Mehr als 820 Millionen Hunger leidenden Menschen stehen 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittelabfälle gegenüber. Allein in Deutschland werden jährlich zwischen 13 Millionen und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Besonders ärgerlich: Etwa die Hälfte aller Lebensmittelabfälle in Deutschland wären laut einer Studie des WWF vermeidbar.

Zwar landen entlang der gesamten Wertschöpfungskette immer wieder Lebensmitteln im Müll, der Löwenanteil an Lebensmittelabfällen – insgesamt 6,7 Tonnen jährlich – entsteht aber durch die Verbraucher: Etwa jedes achte Lebensmittel landet in deutschen Haushalten in der Tonne anstatt auf dem Teller. Pro Person sind das etwa 82 Kilogramm im Jahr.

Direkt dahinter kommen Gastronomie und Kantinen: Hier landen 1,9 Millionen Tonnen pro Jahr im Müll. Das hat teilweise mit strikten Lebensmittelhygiene-Vorschriften zu tun, denn Restaurants und Kantinen dürfen nur bestimmte Lebensmittel an Dritte abgeben. Tabu sind zum Beispiel Lebensmittel mit Verbrauchsdatum, tierische Rohprodukte und alles, womit der Kunde schon in Kontakt war. So kann es passieren, dass das eigentlich einwandfreie Buffet vor Ladenschluss komplett weggeworfen wird.

Lebensmittelverschwendung schadet dabei auch der Umwelt. Denn Produktion, Aufbereitung und Transport von Lebensmitteln kosten Energie. Ein Kilogramm produziertes Essen entspricht daher in etwa 2,5 Kilogramm CO2-Äquivalent. Eine Berechnung der Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen zeigt: Wäre die weltweite Lebensmittelindustrie ein Land, hätte sie mit einem CO2-Äquivalent von 3,3 Milliarden Tonnen den dritthöchsten Ausstoß von Treibhausgasen. In Deutschland sorgen Lebensmittelabfälle für ein CO2-Äquivalent zwischen 33 und 45 Millionen Tonnen.

Die Lösung:

„Too Good to Go“ (übersetzt etwa „Zu gut zum Wegwerfen“) setzt sich mit der gleichnamigen App gegen Lebensmittelverschwendung in der Gastronomie ein. Restaurants, Cafés und Bäckereien können hier ihre überschüssigen Waren kurz vor Ladenschluss für einen Bruchteil des Originalpreises verkaufen.

Kunden können per App Portionen kaufen und zum angegebenen Zeitraum beim Betrieb abholen. Im Schnitt kostet eine Portion 3,50 Euro, bezahlt wird per Paypal oder Kreditkarte. Bleiben doch keine Lebensmittel über, bekommen die Nutzer ihr Geld zurück. Die App ist dabei kostenlos, vom Kaufpreis der Portionen geht aber 1,09 Euro als Provision an „Too Good To Go“.

Seit seiner Gründung vor vier Jahren in Kopenhagen hat der Betrieb damit insgesamt über 18 Millionen Mahlzeiten gerettet – und damit umgerechnet mehr als 46.000 Tonnen CO2 eingespart. Mittlerweile ist die App in mehr als 27.000 Betrieben in elf europäischen Ländern vertreten. Allein in Deutschland machen seit 2016 3500 Läden in 400 Städten mit. In der Bundesrepublik konnten in den vergangenen Jahren zwei Millionen Mahlzeiten gerettet und damit umgerechnet 4700 Tonnen CO2 eingespart werden. Für das Konzept ist die App schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden, darunter vom Bundesumweltministerium, der Bertelsmann-Stiftung und zuletzt vom Bundeslandwirtschaftsministerium.

Der Kopf dahinter:

Nicht einer, sondern fünf Gründer stecken hinter der Idee von „Too Good To Go“: Die Freunde Bjørn Momsen, Stian Haanes Olesen, Adam Sigbrand, Brian Christensen und Klaus Pedersen bemerkten bei einem Restaurantbesuch, dass das Buffet auch am Ende des Tages noch komplett voll war. Auf Nachfrage erfuhren die Fünf, dass das übrige Essen nach Ladenschluss entsorgt würde. Nach kurzer Recherche stellten sie fest, dass dieses Vorgehen in der Gastronomie eine gängige Praxis ist. Daraufhin wollten die Freunde ein Konzept entwickeln, dass es den Betrieben so einfach wie möglich macht, auch kleine Mengen an überschüssigem Essen vor der Tonne zu bewahren – die Idee zur App war geboren. Mittlerweile führt Mette Lykke die Geschäfte als CEO. Sie war Investorin der ersten Stunde und plant die App in diesem Jahr in vier weitere Länder zu bringen. Bis Ende 2020 will sie so 100 Millionen Mahlzeiten vor der Mülltonne retten.