ReportageWie die Bahn gegen Verspätungen kämpft

Bahntower, 23. Etage, Stehkonferenz in Sachen Pünktlichkeit. Strategieleiter Manuel Rehkopf, Bahnchef Rüdiger Grube, Konzernvorstand Berthold Huber (v. r. n. l)
Bahntower, 23. Etage, Stehkonferenz in Sachen Pünktlichkeit. Strategieleiter Manuel Rehkopf, Bahnchef Rüdiger Grube, Konzernvorstand Berthold Huber (v. r. n. l)
© Jörg Brüggemann

Nach einer Stunde reicht es dem nicht mehr ganz so jungen Herrn. Er murmelt etwas von „elender Steherei“ und „früher gab es auch mal Schnittchen“. Ulrich Weber, 66, Personalvorstand Bahn, schafft nächtelange Verhandlungen mit renitent streikenden Gewerkschaften, aber jetzt will er sitzen – in Ermangelung von Stühlen halt auf einer freien Tischkante. Weber schenkt sich ein Wasser ein und blickt nach draußen. Der Blick vom 23. Stock des Bahntowers ist spektakulär, der Potsdamer Platz liegt golden im Sonnenlicht, Berlin zu Füßen.

Die anderen Männer starren weiter auf die Wand, die übersät ist mit Charts: „Ankunftspünktlichkeit im Fernverkehr“ steht da, „Flottenverfügbarkeit“, „Entwicklung Lost Units im Bau und LST“. Viel Bahn-Chinesisch. Für die drei Konzernvorstände aber, die acht Männer der zweiten Führungsebene und die drei McKinsey-Berater ist es täglich Brot. Grüne, rote, blaue Kurven schlängeln sich übereinander, immer geht es um Pünktlichkeit: Jahres- und Tagesvergleiche, Ausschläge, Ursachen. Die Kurven erzählen zwei Geschichten: eine alte, warum die Bahn so oft so unpünktlich ist. Und eine neue über das, was diese Männer hier tun, damit die Züge in Deutschland wieder pünktlicher fahren.

Team-Sprint heißt das Führungskräftetreffen, eine Art Stehexperiment, bei dem es nicht allzu gemütlich werden soll, wo schnell und schnörkellos miteinander geredet wird. Ohne Powerpoint. Eine Wand, Tesafilm und Papier tun es auch.

„So was hier“, sagt einer, „unvorstellbar vor zwei Jahren.“ Da saßen die Vorstände mit Schlips und Anzug am Konferenztisch, vor sich eine dicke Mappe mit Vorlagen, dreimal durch- und vorgekaut. Dann aber guckten sich ein paar Bahner im Silicon Valley an, wie man sich in Höchstgeschwindigkeit verändert. Heute steckt ein bisschen Google in der Bahn. Im vergangenen Herbst bezog ein Haufen ziemlich junger Leute die 23. Etage, und oft brannte das Licht dort bis Mitternacht. Das Projektteam Zukunft Bahn begann seine Arbeit. Sehr effektiv, sehr anders sei das, erzählen Bahnleute, die schon lange dabei sind. Ja, es herrsche wirklich eine neue Kultur, ein neuer Spirit hier. Aber kann die Bahn mit einer neuen Führungskultur, mit Start-up-Ritualen ihr Urproblem – die Unpünktlichkeit – in Griff kriegen? Hier im 23. Stock sind sie überzeugt davon.

Kurz vor 19 Uhr kommt Rüdiger Grube hereinspaziert. Lederschuhe, Anzug, kein Schlips, oberster Hemdknopf gelöst. Er sieht aus wie alle hier. Nur ein bisschen älter. Mit der Start-up-Kultur übertreiben sie es optisch nicht. Kicker, Billardtische und die bunten Sitzkissen fehlen. Großes Hallo. Mit ihm hatten sie heute gar nicht gerechnet. Man duzt sich, Kay, Berthold, Thomas, Rüdiger. Lachen und schwatzen. Große Jungsrunde. Jetzt muss Grube aber doch mal dazwischengehen. Er hat morgen Halbjahresbilanzpressekonferenz. Da will er erklären, dass die Bahn besser, rentabler und pünktlicher geworden ist. Er klatscht fest in die Hände, es hört sich wie ein Knall an, und sagt: „Bei der Bahn fangen wir pünktlich an. Kay, leg los!“

Nur fünf Minuten

Kay Euler ist Grubes Geheimwaffe. Der 48-jährige drahtige Ingenieur ist so was wie „Mister Pünktlichkeit“, er soll schaffen, woran viele Bahnchefs gescheitert sind – die 175-jährige Geschichte der Eisenbahn war von Anfang an immer auch ein Kampf um Pünktlichkeit. Euler zeigt auf die erste Grafik an der Wand. Auf den ersten Blick eine wenig aufmunternde Kurve. Ihr selbst gesetztes Pünktlichkeitsziel im Fernverkehr hat die Bahn verfehlt. Höchstens jeder fünfte Schnellzug sollte zu spät ankommen, und zu spät heißt: mehr als fünf Minuten nach Fahrplan, verschämt auch „5 min Pü“ genannt. Aber statt 80 Prozent hat die Bahn im ersten Halbjahr im Schnitt nur 78,4 Prozent geschafft.

Kay Euler
Kay Euler ist „Mister Pünktlichkeit“ der Bahn
© Jörg Brüggemann

Euler: „Wir sollten uns argumentativ auf die letzten drei Juli-Wochen konzentrieren. Da liegen wir bei der Pünktlichkeit fünf bis acht Prozent besser. Außerdem haben wir weniger granatenmäßige Ausreißer, und wir sind nicht so tief in den Keller gefallen wie im Vorjahr. Das ist nicht durch Zufall passiert, unsere Maßnahmen fangen jetzt erst richtig an zu wirken.“

Die Männer rücken näher an die Charts, die Schrift auf den Charts ist klein.

Berthold Huber, Konzernvorstand Verkehr und Transport, mischt sich ein. „Aber müssten wir nicht im Vergleich sogar noch besser abschneiden? Im Juli dürften wir jetzt bei 79 Prozent im Schnitt liegen.“

Euler: „Im letzten Jahr waren wir da bei unter 70 Prozent Pünktlichkeit.“

Grube: „Unter 67 Prozent.“

Manuel Rehkopf, Leiter Strategie: „Ja, wir sind zum Teil im Juli zehn Prozent drüber. Am 18. Juli hatten wir den besten Wert: 81 versus 64. Aber in der heißen Phase sind wir eher um die 75 Prozent gefahren.“

Pünktlichkeit ist das Mantra der Bahn, spätestens seit dem abgeblasenen Börsengang 2008. Der Bund ist weiter Alleineigentümer der Bahn AG. Wo andere sich am Aktienkurs messen lassen, stoppt sie die Zeit. „Das oberste Ziel der Deutschen Bahn heißt nicht Gewinnmaximierung“, ließ der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt Bahnchef Rüdiger Grube gerade erst wissen: Der Konzern habe die gesellschaftliche Funktion der Personenbeförderung. Die Bemerkung ließ viele aufhorchen – nachdem die Bahn jahrelang vor allem mit Effizienzprogrammen für potenzielle Investoren aufgehübscht werden sollte.