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Sanktionen Wie der FC Chelsea den Neustart nach Roman Abramowitsch schaffen will

Bei Chelsea war der bisherige Clubbesitzer Roman Abramowitsch beliebt. Infolge der westlichen Sanktionen gegen ihn, trat der russische Oligarch seine Clubanteile gegen einen Kaufpreis von 2,5 Mrd. Pfund im Mai ab
Bei Chelsea war der bisherige Clubbesitzer Roman Abramowitsch beliebt. Infolge der westlichen Sanktionen gegen ihn, trat der russische Oligarch seine Clubanteile gegen einen Kaufpreis von 2,5 Mrd. Pfund im Mai ab
© IMAGO / Sportimage
Roman Abramowitsch ist Geschichte beim FC Chelsea London. Der neue starke Mann bei den „Blues“ ist US-Milliardär Todd Boehly, der mehr als 1,75 Mrd. Pfund in den Verein investieren will. Doch einfach wird der Neustart nicht

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass der FC Chelsea zuletzt die Champions-League gewonnen hat. Der absolute Höhepunkt für jeden europäischen Fußballverein. Doch nach dem Zenit folgte schnell der sportliche Absturz: Aus im Viertelfinale der Champions League, Platz drei in der Liga und vor allem der Verlust von Clubbesitzer Roman Abramowitsch im März. Seit der russische Geschäftsmann weg ist, strauchelt der Club, hat mit Todd Boehly zwar einen neuen Besitzer, findet aber kaum neue Spieler. Viele Leistungsträger haben den Verein inzwischen sogar verlassen, weil ihnen die wirtschaftliche Situation zu unsicher war. Das soll sich jetzt allerdings ändern, Chelsea plant laut Medienberichten eine Großoffensive. Der neue Besitzer hat offenbar Kredite in Höhe von 800 Mio. Pfund aufgenommen, um den Verein wieder auf die Schienen zu setzen.

Chelsea ist das wohl prominenteste Beispiel für die sportlichen Verwerfungen durch den Russland-Ukraine-Krieg. Infolge des Angriffs sanktionierte der Westen zahlreiche russische Oligarchen – darunter auch den Clubbesitzer Roman Abramowitsch. Letztlich wurde der Russe vor die Wahl gestellt: Entweder er gibt seine Anteile am Club ab, oder der Verein erhält keine Lizenz für die neue Spielzeit. Erst probierte Abramowitsch offenbar einen Trick, indem er die Verwaltung an seine Stiftung übergab. Doch der Versuch scheiterte. Wenige Tage später beugte sich der 56-Jährige dann doch den Sanktionen und versprach, den Erlös aus dem Verkauf an Kriegsopfer  zu spenden.

Käufer des Vereins war im Mai eine Gruppe um den US-amerikanischen Investor Todd Boehly, der auch Anteile am US-Baseballteam LA Dodgers und am Basketballteam Los Angeles Lakers hält, sowie die Clearlake Capital Group. Sie investierte knapp 2,5 Mrd. Pfund in die Übernahme. Außerdem verpflichtet sie sich, weitere 1,75 Mrd. Pfund in den Verein zu investieren.

Der neue Clubbesitzer Todd Boehly will zusätzlich fast 2 Mrd. Pfund in den Umbau des Vereins stecken
Der neue Clubbesitzer Todd Boehly will zusätzlich fast 2 Mrd. Pfund in den Umbau des Vereins stecken
© IMAGO / ZUMA WIRE

Sportlich brachte das bislang allerdings wenig Beruhigung. Gerade mal zwei externe Neuzugänge verpflichteten die „Blues“ bisher, denen aber sieben hochkarätige Abgänge wie Romelu Lukaku, Antonio Rüdiger und Andreas Christensen gegenüberstehen. Quasi die komplette Innenverteidigung hat sich damit verabschiedet. Vor allem der deutsche Nationalspieler Rüdiger beklagte immer wieder die Unsicherheit bei dem Londoner Club und verließ ihn schließlich Richtung Real Madrid. „Der Verein und ich haben alles gegeben, aber wir konnten wegen der Sanktionen nicht mehr weiterkämpfen“, sagte sein deutscher Trainer Thomas Tuchel, der einen Wettbewerbsnachteil sieht. Solange der Verkauf nicht in trockenen Tüchern war, fehlte dem Club die Liquidität für Transfers. Top-Spieler zögerten oder sagten gleich ab.

Deshalb machte der neue Eigentümer Todd Boehly nach dem Kauf auch gleich Tempo. Wie unter anderem die Financial Times berichtet, hat die Käufergruppe Kredite in Höhe von 800 Mio. Pfund aufgenommen. Darunter 500 Millionen als langfristiges Darlehen und 300 Millionen als „revolvierenden“ Kredit – also einen Kredit mit einer maximalen Höhe, der immer wieder aufgefüllt werden kann, ähnlich einem Kontokorrentkredit. Der Terminkredit ist demnach Teil der 1,75 Mrd. Pfund schweren Investitionszusage an den FC Chelsea. Der revolvierende Kredit dient eher als Betriebskapital, etwa für Spielerkäufe. Beteiligte Banken sind offenbar die Bank of America und JPMorgan.

Laut Medienberichten war das Investitionsversprechen über 1,75 Mrd. Pfund entscheidend für den Rückzug Abramowitschs. Aber auch Auflagen hätten etwas damit tun, die den Verein vor Überschuldung schützen sollen. Den Club drücken derzeit rund 1,5 Mrd. Pfund Verbindlichkeiten, der Vereinswert wird auf circa 2 Mrd. Pfund geschätzt. Diese Differenz soll und muss sich in den kommenden Jahren vergrößern, meinen Experten. Hierfür machten Boehly und Clearlake umfangreiche Zusagen. So trägt der Verein keinerlei Zinskosten aus dem 800 Mio.-Kredit und alle Erlöse fließen in das Geschäft. Außerdem hinterlegten die neuen Eigentümer keine Clubwerte bei der Bank, um die neuen Kredite zu erhalten. Sie tragen somit das volle Risiko.

Offene Personalstellen

Mit dem Geld wollen Boehly und Co. vor allem sportlich vorankommen. Hierfür wurden in den vergangenen Wochen etliche Personalentscheidungen getroffen – zunächst aber vor allem im Vorstand. So ist etwa Bruce Buck als Vorsitzender zurückgetreten, der bereits den Kauf durch Abramowitsch 2004 mit einfädelte. Außerdem bestätigte Chelsea den Weggang von Managerin Marina Granovskaja, die bislang eine Schlüsselrolle bei Spielertransfers einnahm.

Die Aufgaben von Granovskaja übernimmt derzeit Boehly selbst, der etwa den Transfer von Raheem Sterling von Manchester City eingefädelt hat. Abseits davon verkündeten die Verantwortlichen in der vergangenen Woche, dass Tom Glick neuer „President of Business“ wird. Er soll sich um den zweiten großen Baustein kümmern: Die Entwicklung des Geschäftsmodells. Zwar sind die Londoner auf allen Kontinenten aktiv, liegen bei der globalen Vermarktung aber deutlich hinter den Rivalen Real Madrid, FC Barcelona oder Manchester United. In den kommenden Jahren soll daher noch stärker international expandiert werden, auch im Frauenfußball. Außerdem wird das Stadion an der Stamford Bridge ausgebaut, was letztlich Mehreinnahmen im zweistelligen Millionenbereich bringen könnte.

Die wichtigste Frage wird jedoch sein, wie Boehly die sportlichen und wirtschaftlichen Ansprüche miteinander vereinen kann. Unter Abramowitsch war der letzte Punkt faktisch egal. Der Oligarch investierte knapp 1,5 Mrd. Pfund in den Verein, ohne je einen Cent Rendite entnommen zu haben. Bei ihm stand der sportliche Erfolg an erster Stelle – eine Tendenz, die sich aber auch aus den Aussagen von Boehly ableiten lässt. „Die Fans wollen eine Mannschaft, die gewinnt”, sagte der 49-Jährige. „Und wenn der Weihnachtsmann das Team besitzen würde, dann wüsste er, was er verschenken kann.“

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