Start-upsRelayr - eine Start-up-Erfolgsgeschichte aus Deutschland

Harald Zapp gründete Relayr 2013. Drei Jahre später verließ er das Start-up wieder
Harald Zapp gründete Relayr 2013. Drei Jahre später verließ er das Start-up wieder Hannes Jung

Eigentlich müsste sich Harald Zapp das nicht mehr antun. Es ist Oktober 2013, Zapp ist 51, er hat eine respektable Karriere in der IT-Industrie hinter sich, zwei erwachsene Kinder und ein Haus im Taunus. Doch statt all das zu genießen, ist Zapp auf dem Weg nach Amsterdam, um mit zwei Mitgründern, die er kaum kennt, drei Monate zusammenzuwohnen und an einem Start-up-Accelerator teilzunehmen. Mit seiner Vorliebe für gemusterte Hemden wirkt der leutselige Hesse unter den hippen Junggründern wie ein Fremdkörper.

Doch Zapp ist auf einer Mission. Der gelernte Fernmeldeelektroniker hat 15 Jahre für den Netzwerkausrüster Cisco gearbeitet, er hat erlebt, wie die US-Webgiganten immer dominanter wurden, während die Europäer im Internet wenig zustande brachten. Das treibt ihn um. „Internet und Technologie verändern unser Leben“, sagt er heute im Rückblick. „Entweder kümmert man sich darum, dann kann man gestalten – oder man ist nur Passagier.“ Da muss sich etwas ändern, und 2013 will Zapp seinen Beitrag leisten. Er sagt sich: „Lass uns etwas für den Standort Deutschland tun.“

Autos und Rauchmelder

Die Chance dafür sieht er im damals aufkommenden Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) – der Vernetzung von Thermostaten, Fernsehern, Fitnessarmbändern und Tausenden anderen Geräten über das Netz. Die Chipindustrie investiert, die Hardwarepreise purzeln. Nur eine Plattform, über die die smarten Rauchmelder oder Autos interagieren können, hat sich noch nicht durchgesetzt. Das soll die Marktlücke sein für Zapp.

In den fünf Jahren seit diesem Herbst in Amsterdam ist Zapps Idee zu einer der spannendsten Start-up-Erfolgsgeschichten Deutschlands geworden. Relayr heißt die Firma heute, sie hat 200 Mitarbeiter, fast 70 Mio. Dollar Funding, prominente Industriekunden wie GE oder Lanxess.

Anfang September hat HSB, eine US-Tochterfirma der Munich Re, sie zu einer Bewertung von 300 Mio. Dollar übernommen. Es ist einer der größten Exits, den die deutsche Szene je gesehen hat, es scheint der Beweis dafür zu sein, dass deutsche Start-ups mehr können als Schuhe übers Internet verkaufen. Und trotzdem stellen manche die Frage: Wäre da nicht noch mehr drin gewesen?

„Hätten wir daraus vielleicht auch ein größeres Start-up machen können?“, fragt der Investor Christian Miele. „Hätten die Amerikaner auch verkauft?“ Vielleicht nicht. Vielleicht wäre es ihnen gelungen, aus Relayr nicht nur einen soliden Marktführer, sondern einen globalen Tech-Player zu machen, ein nächstes Google oder wenigstens ein neues SAP. Und so ist der Aufstieg und Verkauf von Relayr ein Lehrstück, das zeigt, wie gut das deutsche Start-up-Ökosystem schon ist – und wo immer noch die Grenzen liegen.

Zapps Vision ist mutig, die Anfänge sind schwierig. Er geht nach Berlin, braucht Monate, um mit den Start-up-Veteranen Jackson Bond und Paul Hopton zwei fähige Mitgründer an Bord zu bekommen. Ständig spricht er Investoren an, doch die Resonanz ist verhalten. Manche fragen: Seid ihr nicht zu früh? Andere: Seid ihr nicht zu spät? Im Herbst 2013 gehen die Gründer nach Amsterdam. Der Accelerator bringt das Start-up entscheidend weiter. Sie realisieren dort, dass ihre Idee von der IoT-Plattform schwer zu verstehen ist. Sie brauchen ein Anschauungsobjekt. Die „Wunderbar“ wird erfunden – ein kleines Sensorenpaket, das wie ein Schokoriegel aussieht. Die einzelnen Module messen etwa Temperatur, Feuchtigkeit oder Umgebungslärm, die mitgelieferte Software verknüpft sie, und es lassen sich eigene Apps entwickeln – eine Fernsteuerung für den smarten Fernseher etwa oder auch ein Warnsystem für volle Windeln. Es ist eine spielerische Annäherung an IoT – die voll einschlägt.

Über Crowdfunding spielt die Wunderbar über 100.000 Dollar ein, vor allem gibt es Aufmerksamkeit unter Entwicklern. Die beginnen begeistert, Anwendungen für die Relayr-Plattform zu basteln. „Wir wollten eine Community aufbauen“, sagt Zapp. Nur wie mit dem Business-to-Developer-Modell Geld verdient werden soll, weiß noch niemand. „Am Ende hatten wir 6500 Entwickler auf der Plattform – aber auch ein Cashflowproblem“, sagt Paul Hopton-. Es braucht Investoren. Für Zapp, der als CEO das Geld reinholen soll, eine schier unlösbare Aufgabe. Er erinnert sich: „Ich habe alle Klinken geputzt, die es in Deutschland gibt, jeden Fonds, hoch und runter.“