Wintersaison Wie Corona den Wintertourismus trifft

Die Regierungen von Deutschland, Italien und Frankreich fordern eine länderübergreifende Schließung der Skigebiete
Die Regierungen von Deutschland, Italien und Frankreich fordern eine länderübergreifende Schließung der Skigebiete
© Eibner Europa / IMAGO
Nach Italien und Frankreich wird auch in Deutschland über ein mögliches Ski-Verbot oder einen späteren Saisonstart diskutiert. Bei der Wintertourismusbranche kommt die Forderung nicht gut an – für sie könnte der Schritt teuer werden

Schon jetzt stehen die Bergbahnen und Lifte in Bayerns Skigebieten still und bis zum Ende des Lockdowns soll das auch so bleiben. Bis diese Woche hatten viele Betreiber und Gastronomen noch die Hoffnung auf ein Umsatzplus zum Jahresende – wenn die Weihnachtsfeiertage Wintersportler und Ausflüger auf die Skipisten locken. Die Aussicht auf eine Verschiebung der Skisaison über den Lockdown light hinaus bis Anfang Januar sorgt in der Branche deshalb für heftigen Gegenwind .

Man habe in den letzten Monaten umfassende Hygienekonzepte entwickelt, schreiben der Deutsche Skiverband, Snowboard Germany, der Deutsche Skilehrerverband, die Stiftung Sicherheit im Skisport und der Bayerische Skiverband in einem offenen Brief. Wirtschaftlich habe eine Lockdown-Verlängerung spürbare Folgen, heißt es weiter: „Der Wintersport in all seinen Facetten ist ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor für den gesamten Tourismus im Alpenraum.“ Bis zu acht Millionen Deutsche – und damit knapp jeder Zehnte – fährt nach Angaben des Deutschen Skiverbandes regelmäßig Ski.

Schweiz: Buchungsrückstand im Oktober

Neben der einheimischen Wintersportbranche verärgert der Vorstoß aber vor allem die europäischen Nachbarländer Österreich und die Schweiz. Hier ist das Geschäft mit deutschen Ski-Urlaubern noch deutlich größer: Gemessen am Bruttoinlandsprodukt macht der Tourismus etwa 2,9 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Schon ohne die Diskussion um ein Skiverbot während der Weihnachtsfeiertage waren die Aussichten im Wintertourismus-Sektor daher getrübt. Laut einer Umfrage in der Schweizer Hotelbranche war der Buchungsstand in den Skigebieten Ende Oktober knapp ein Fünftel niedriger als im Vorjahr, für Sportferien sogar um mehr als ein Viertel.

Laut einer Schätzung der Marketingagentur und der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich könnten die Übernachtungen in der Wintersaison um 31 Prozent einbrechen. Gerade die Abwesenheit ausländischer Urlauber mache sich spürbar bemerkbar. Deutsche Gäste machten zuletzt die größte Gruppe unter den Winterurlaubern aus: Von den 7,8 Millionen Gästen der vergangenen Wintersaison kam jeder Zehnte aus der Bundesrepublik.

Der Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel erteilten die Schweiz daher eine Absage. Eine Schließung der Skigebiete sei nicht vorgesehen, teilte das Schweizer Bundesamt für Gesundheit mit. Zwei Gründe wurden genannt: So habe man umfassend in Schutzkonzepte investiert, ein Teil der Anlagen wie in Zermatt sei zudem schon in Betrieb. Je nach Erfolg einer EU-weiten Regelung für die vorläufige Verschiebung könnte die Schweiz so für einige Skiurlauber attraktiver werden.

Österreich: Einbußen in Milliardenhöhe erwartet

Noch viel schwerer als für die Schweiz träfe ein Aufschub der Skisaison die österreichische Touristikbranche. Mit einem Anteil am BIP von 7,3 Prozent fällt sie hier wirtschaftlich mehr als doppelt so stark ins Gewicht. Ein nicht unbedeutender Teil entfällt dabei auf die 430 Skigebiete, die sich mit umfassenden Hygiene-Konzepten, darunter auch Teststationen, auf die bevorstehende Saison vorbereitet haben. Bis zuletzt haben viele Betreiber auf deutsche Gäste gehofft. Sie machten in der vergangenen Wintersaison fast ein Drittel aller Urlauber aus.

Der Ort Ischgl war über viele Jahre eine Touristenhochburg mit durchschnittlich 960 Gästeübernachtungen auf 1600 Einwohner. Seit dem Frühjahr hat Ischgl aber auch den Ruf als Corona-Hotspot: Von dort aus verbreitete sich das Virus in ganz Europa. In der Debatte um das Ski-Verbot gilt der Ort als abschreckendes Beispiel. „Ischgl ist nicht vergessen“, begründete auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die harschen Maßnahmen gegenüber der eigenen Skibranche. Um den Tourismus ins Nachbarnland einzudämmen, hat die bayrische Landesregierung den Urlaub im Ausland erschwert. Wer in ein Risikogebiet reist – dazu gehören aktuell auch die Schweiz und Österreich – muss ab Dezember auch bei einem Tagesausflug eine zehntägige Quarantäne antreten.

Einen Vorgeschmack auf die Folgen solcher Reisebeschränkungen hat Österreich im Frühjahr erfahren, als die Skisaison Corona-bedingt verkürzt wurde. Trotz eines Anstiegs der Übernachtungsgäste um fast fünf Prozent in November und Dezember 2019, sanken die Zahlen für das gesamte Winterhalbjahr um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Reisebeschränkungen wie im Frühjahr könnten die Übernachtungen im schlimmsten Fall um bis zu 45 Prozent einbrechen, schätzt die Prodinger-Beratungsgruppe. Das würde für die Alpenrepublik Umsatzverluste bis zu 1 Mrd. Euro bedeuten.

Österreichs Finanzminister Gernot Blümel kalkuliert die Einbußen auf bis zu 2 Mrd. Euro. Sollten Skigebiete europaweit geschlossen werden, müsse die EU für die damit verbundenen Einnahmeverluste aufkommen, lautet deshalb seine Forderung. Bundeskanzler Sebastian Kurz lehnt das ab. Eine Schließung der Ski-Gebiete hänge von den österreichischen Infektionszahlen ab, gab er zu verstehen. Wegen des aktuellen Lockdowns werde der Start der Skisaison auf Mitte Dezember verschoben.

Sportartikelhersteller hoffen auf Outdoor-Begeisterte

Auch die österreichischen Skiproduzenten könnten den Aufschub der Skisaison zu spüren bekommen. Nach Angaben der Branche stammt jeder zweite Ski aus der Alpenrepublik. Allein das internationale Volumen der drei großen Marken Atomic, Blizzard, Fischer und Head beläuft sich durchschnittlich auf 3,5 Millionen verkaufte Paar weltweit. Corona-bedingt ist der Verkauf in diesem Jahr aber um ein Fünftel geringer. Aufgrund der Unsicherheiten rechnen die Hersteller in dieser Saison mit geringeren Erlösen.

Das stärkste Geschäft machen die Hersteller von Februar bis zum Frühjahr. Trotz eines möglichen Aufschubs der Skisaison, besteht daher noch Hoffnung, dass die Branche glimpflich davonkommt. Auch der Trend zu mehr Aktivitäten in der Natur könnte sich noch einmal positiv bemerkbar machen. Bei Tourenskis und Schneeschuhen ist das bereits der Fall .


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