GastkommentarOhne Partner scheidet man aus


Klaus Burmeister ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Z_punkt. Burmeister war nach seinem Studium der Politologie als Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin, am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung sowie am Sekretariat für Zukunftsforschung tätigKlaus Burmeister ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Z_punkt. Burmeister war nach seinem Studium der Politologie als Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin, am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung sowie am Sekretariat für Zukunftsforschung tätig


Der Mähdrescher der Zukunft kommuniziert mit Traktoren und Silos, steuert die Ernte und sorgt für höhere Erträge in kürzerer Zeit. Der Landmaschinenhersteller Claas und die Telekom-Tochter T-Systems arbeiten daran. Eine intelligente Kontaktlinse wollen Novartis und Google entwickeln. Sie ist mit Mikrochips und miniaturisierten Elektronikkomponenten ausgestattet und soll die Augenheilkunde revolutionieren. Auch Continental und IBM kooperieren. Die Partner wollen eine Daten-Infrastruktur schaffen, die eine reibungslose Kommunikation zwischen selbstfahrenden Fahrzeugen ermöglicht. Nike kooperiert mit Apple, Adidas hat sich mit Google zusammengetan. Es geht um den Laufschuh der Zukunft, und um viel Geld.

Ob Pharmaunternehmen oder Maschinenbauer, ob Automobilzulieferer oder Sportartikelhersteller: Alle wollen sich mit Hilfe der IT-Branche neu erfinden. Neue Absatzmärkte für die IT-Konzerne sollen entstehen. Ihre Kooperationspartner hoffen auf entscheidende Wachstumsimpulse. Die Leitthemen sind Intelligenz durch Vernetzung, ubiquitäre Sensorik und autonome Steuerung.

Vision von der “Industrie 4.0”

Wohin das führt, ahnt der Verbraucher schon heute. Der Computer ist vom Schreibtisch über den Aktenkoffer in die Hosentasche gewandert: Desktop-PC, Laptop, Smartphone. Die ersten Mutigen tragen ihn bereits am Handgelenk. In zehn Jahren wird es selbstverständlich sein, dass Chips und Sensoren in T-Shirts integriert sind, oder eben in der Kontaktlinse. Die Technik rückt dem Menschen buchstäblich auf die Pelle. In Form von Implantaten geht sie ihm sogar unter die Haut. Zu “Cyborgs” werden wir dadurch (noch) nicht. Eine Revolution ist es trotzdem.

Wohin bewegt sich die digitale Transformation? Die IT-Infrastruktur der Zukunft ist ein “Internet of Everything”, in dem Menschen, Maschinen, Fahrzeuge und Alltagsgegenstände in allen denkbaren Kombinationen vernetzt sind. In dem “Smart Objects” nicht nur Daten aufsaugen und über drahtlose Netze weiterspielen, sondern auch teilautonom agieren. Produktionsaufträge sind dann in der Lage, sich selbständig durch die Wertschöpfungskette zu steuern — die Vision von der “Industrie 4.0”, einer neuen industriellen Revolution, nach den drei Innovationsschüben, die im 19. und 20. Jahrhundert nacheinander von der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der elektronischen Steuerung von Fertigungsprozessen ausgingen.

Aber es geht um mehr als konkrete Anwendungsszenarien. Was wir früher “Cyberspace” nannten, ist künftig von unserer physisch-anfassbaren Umgebung nicht mehr zu unterscheiden. Virtualität und Realität verschmelzen. Mit der nächsten Welle der digitalen Transformation wird unsere Lebenswelt zur “Connected Reality” — so die zentrale Aussage einer vor kurzem erschienenen Studie von Z_punkt. Gemeint ist eine Super-Konvergenz aus vernetzten Alltagsgegenständen, intelligenten Sensoren, autonomen Maschinen und adaptiver Logistik.

Für den Kunden mitdenken

„Connected Reality“ verändert die Logik, nach der Unternehmen, Branchen und Märkte funktionieren. Die entstehenden Märkte sind Querschnittsmärkte nach dem Muster “Informationstechnologie plus X”, wobei für die Variable X künftig nahezu beliebige Branchen und Branchen-Cluster eingesetzt werden können. Das einzelne Unternehmen wird nicht mehr im Zentrum der betriebswirtschaftlichen Betrachtung stehen. In Konkurrenz zueinander stehen künftig Business-Ökosysteme, die über kompatible Datenschnittstellen in der Lage sind Produkte und Services intelligent zu verknüpfen. Die Machtverhältnisse verschieben sich, zugunsten der jeweiligen “Spinne im Netz”, die das Ökosystem orchestriert — eine Entwicklung, die aus der heutigen Internet-Branche hinlänglich bekannt ist.

Ein immer größerer Teil der Wertschöpfung beruht in Zukunft auf der Intelligenz, mit der Unternehmen Daten gewinnen und analysieren. Amazon spielt mit dem Gedanken, künftig Pakete auf den begründeten Verdacht hin zu versenden, dass ein Kunde ein bestimmtes Produkt gerade benötigen könnte. Das ist keine Randnotiz: Antizipative Echtzeit-Interaktion ist der Schlüssel für die Kundenbeziehung der Zukunft. Das bedeutet: Für den Kunden mitdenken und seine Bedürfnisse proaktiv befriedigen, friktionslos und ohne Zeitverlust. Dazu bedarf es einer tiefen Integration von Produkten und Services. Der Charakter von Dienstleistungen verändert sich entsprechend: von der additiv erbrachten After-Sales-Leistung zum elementaren Leistungsbestandteil.

Die Märkte von morgen liegen quer zu den Branchen von heute. Kaum ein Unternehmen wird sich dem strategischen Imperativ kooperativer Wertschöpfungsprozesse entziehen können. Unternehmen haben ihre Identität, sind mit ihrer Branche verwachsen und ihrem existierenden Kundenstamm verpflichtet. Gleichzeitig müssen sie über ihre Branche hinauswachsen, um auf den Zukunftsmärkten zu bestehen. Alleine ist das nicht zu schaffen. Es ist eine Variante der “Reise nach Jerusalem”: Wer keinen Partner findet, scheidet aus.