GastbeitragWem gehört der Fußball?

Lars Windhorst
Der Einfluss von Fremdkapitalgebern im Fußball wächst – wie zuletzt etwa durch den Einstieg von Investor Lars Windhorst (r.) bei Hertha BSCGetty Images

Jörn Quitzau
Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de

Die „grüne Welle“ an den Finanzmärkten und in der Politik signalisiert auch eine Abkehr vom Shareholder-Kapitalismus. Seit den 1980er-Jahren dominierte an den Aktienmärkten das Leitbild des Shareholder Value, also die primäre oder ausschließliche Ausrichtung der Unternehmenspolitik an den Interessen der Unternehmens- oder Anteilseigner (Shareholder). Im Kern geht es darum, den Unternehmensgewinn zu maximieren und damit den Wert der Aktienanteile zu steigern. Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman trug mit seiner These „The social responsibility of business is to increase its profits“ bereits im Jahr 1970 maßgeblich zu diesem Leitbild bei.

Für Kritiker war das Shareholder-Value-Konzept allerdings schon immer Ausdruck eines kalten, rigorosen Kapitalismus, der mit einem verengten Fokus auf den Unternehmensgewinn die Interessen aller anderen gesellschaftlichen Gruppen ignoriert oder gar mit Füßen tritt. Aktuell rückt wieder ein Konzept in den Fokus, das als Gegenstück zur Shareholder-Orientierung gilt: der Stakeholder-Kapitalismus. Hierbei geht es darum, nicht nur die Interessen der Anteilseigner, sondern auch die der übrigen Stakeholder zu berücksichtigen: dies sind vor allem die Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, die Gesellschaft, in der das jeweilige Unternehmen tätig ist, aber auch die Umwelt.

In Deutschland bilden mittelständische Unternehmen das Rückgrat der Wirtschaft – über 99 Prozent aller Unternehmen sind kleine und mittelgroße Unternehmen, bei denen rund 60 Prozent aller Beschäftigten arbeiten. Für sie ist es mehrheitlich wohl selbstverständlich und ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft, die Interessen ihrer Mitarbeiter, Kunden und des gesellschaftlichen Umfelds zu berücksichtigen. Langfristig orientierte Unternehmen sorgen aus eigenem Antrieb für einen Ausgleich der Interessen.

Insofern betrifft die Debatte über Shareholder- vs. Stakeholder-Kapitalismus eigentlich nur einen Teil der deutschen Wirtschaft. Im Unterschied zu kleineren und mittleren Unternehmen unterliegen börsennotierte Gesellschaften Anreizstrukturen, die eher auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet sind. In einer Welt der Quartals- und Jahreszahlen ist nicht immer Platz für langfristiges Denken und Handeln. Der Druck der internationalen Finanzmärkte tut ein Übriges.

Investoren bauen Einfluss aus

Auch im Profifußball werden immer öfter Diskussionen über das Verhältnis von Shareholdern zu Stakeholdern geführt – nur mit anderen Worten. Die Frage lautet ganz bodenständig: Wem gehört der Fußball? Vor allem der Fan droht ins Hintertreffen zu geraten. Wo die Einnahmen aus Ticketing und Merchandising relativ an Bedeutung verlieren, verlieren auch die Fans an Einfluss. Gleichwohl ist gar nicht mehr so klar, wer eigentlich der Fan ist, dessen Interessen gewahrt werden sollen: Sind es die Ultras? Ist es der traditionelle Kurven-Fan aus der Region? Sind es die Zuschauer auf den Business Seats und in den Logen? Oder sind es auch die „neuen“ Fans in Fernost oder in Südamerika? In einer globalisierten, ausdifferenzierten Welt ist es nicht mehr einfach, den Kreis der Stakeholder und deren sehr unterschiedlichen Interessen zu definieren.

Während der Einfluss der Fans sinkt, sind Eigenkapitalgeber im Kommen – wie etwa im Fall des Finanzinvestors Lars Windhorst, der 2019 für 224 Mio. Euro 49,9 Prozent der Anteile bei Hertha BSC übernommen hat. Letztlich läuft es heute meist auf die Frage hinaus, welchen Einfluss Investoren für ihr finanzielles Engagement erhalten sollen. Dabei spielt der Kapitalmarkt nur eine untergeordnete Rolle. So ist in Deutschland mit Borussia Dortmund nur ein einziger Bundesligist an der Börse notiert.