Sanktionen „Wir werden so lange wie möglich in Russland bleiben“

Andre Schulte ist CEO von Weinmann Emergency
Andre Schulte ist CEO von Weinmann Emergency
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Viele Konzerne ziehen sich zurück – das Familienunternehmen Weinmann Emergency will Russland beliefern, so lange es die Sanktionen erlauben. Für CEO André Schulte ist das eine Frage der Menschlichkeit. Sein Unternehmen verkauft Produkte für die Notfallmedizin 

Capital: Herr Schulte, Ihr Unternehmen hat seit vielen Jahren enge Geschäftsbeziehungen nach Russland. Hat Sie der Angriff auf die Ukraine überrascht?

ANDRÉ SCHULTE: Ja, unsere Mitarbeiter in St. Petersburg haben damit ebenso wenig gerechnet wie wir. Wir hatten dafür auch keinen Notfallplan. Trotzdem waren wir in gewisser Weise vorbereitet.

Wie kam das?

Wir haben zwar noch Mitarbeiter in Russland, unsere dortige Niederlassung aber schon Ende vergangenen Jahres geschlossen. Seit der Annexion der Krim 2014 haben wir die Lage sehr genau beobachtet. Damals machte unser Russland-Geschäft ungefähr zehn Prozent des Umsatzes aus. Seitdem ist es durch die Sanktionspolitik immer weiter auf jetzt deutlich unter fünf Prozent gesunken.

Viele internationale Unternehmen haben sich aus Russland zurückgezogen. Werden Sie das auch tun?

Wir werden so lange wie möglich in Russland bleiben. Teil unseres Selbstverständnisses ist: Wir liefern humanitäre Produkte in jedes Land auf der Welt, so lange es uns die Sanktionen ermöglichen. Mit unseren Produkten werden Menschen in der Notfallmedizin in lebensbedrohlichen Situationen gerettet. Das gilt für Luxusartikel des täglichen Konsums nicht.

Zugleich soll Russland durch die Sanktionen und den Rückzug von Unternehmen isoliert werden. Befinden Sie sich in einer Zwickmühle?

Unser Unternehmen und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben einen sehr humanitären Ansatz. Der beinhaltet, dass wir jede Kriegshandlung verurteilen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch die Verpflichtung, jedem Menschen nach diesem humanitären Ansatz zu helfen. Das ist für unsere Mitarbeiter und auch für mich eine schwierige Situation. Ich bin selbst Rettungssanitäter. Wir stehen hinter den Sanktionen. Aber wer sie verhängt, sollte sehr genau über sämtliche Folgen nachdenken.

Wie meinen Sie das?

Die Medizintechnik und die Pharmaindustrie bestehen ja aus verschiedensten Komponenten. Wir machen Notfallmedizin, aber stellen Sie sich vor, wie viele Krebs- oder Herzinfarkt-Patienten jeden Tag technische Produkte benötigen, um zu überleben. Wenn wir Hilfsgüter, Medizin und pharmakologische Produkte in Sanktionen einschließen, dann entscheiden wir damit über Leben und Tod für die Zivilbevölkerung. Deswegen glaube ich, dass Sanktionspolitik immer sehr gut abgewogen sein muss und man gewaltig aufpassen sollte, wen genau man in dem Augenblick damit trifft.

Können Ihre Mitarbeiter in Russland denn Ihre Produkte derzeit weiter vertreiben?

Zurzeit ist das alles nur sehr eingeschränkt möglich. Wir unterliegen verschiedensten Sanktionen, die wir natürlich beachten. Das sind Sanktionen seitens der EU und der USA, aber auch die nationalen russischen Sanktionen. Einen Teil unserer Produkte dürfen wir im Moment liefern, müssen aber auch schauen, inwiefern der Zahlungsverkehr weiter funktioniert und es möglich ist, Geschäfte mit Russland abzuwickeln.

Deutsche Konzerne geraten gerade massiv unter Druck, wenn sie sich nicht aus Russland zurückziehen. Müssen Sie sich für Ihre Aktivitäten dort rechtfertigen?

Ich kann jeden Morgen gut in den Spiegel gucken, weil ich glaube, dass wir als Unternehmen gute Werte haben und Menschen in Notfallsituationen helfen, egal welcher Nationalität. Wer dieser Philosophie folgt, muss sich nicht rechtfertigen.

Sie haben auch in der Ukraine Mitarbeiter, in Kiew und in Lwiw. Wie ist die Situation dort?

Wir haben allen unseren Partnern angeboten, sie in Deutschland unterzubringen und ihnen zu helfen. Vier Familien haben das wahrgenommen und für sie haben wir Wohnungen angemietet. Einige wollen in der Ukraine bleiben, auch diese Menschen beschäftigen wir natürlich weiter. Für viele ist das auch eine Ablenkung, und aus psychologischer Sicht tut es ihnen gut, weiterarbeiten zu können. Aus Lwiw im Westen des Landes, wo wir vor allem Programmierer beschäftigen, sind wir also zum Teil arbeitsfähig. Aktuell geht das in Kiew leider nur begrenzt, hier geht es derzeit vorrangig um die Sicherheit der Mitarbeitenden und darum den Kontakt zu den Kunden in Rettungsdiensten und Ministerien zu halten.

Bedeutet das, dass sie ausgerechnet in die Ukraine nicht mehr liefern können?

Wir sind dabei, andere Wege und Kanäle zu finden. Zum Beispiel übergeben wir Beatmungsgeräte und Notfallkoffer an Hilfsorganisationen, die sie in die Ukraine bringen. Denn gerade dort werden unsere Produkte im Moment besonders dringend gebraucht.


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