CoronakriseWeihnachtsmärkte: Schausteller bangen um ihre wichtigste Einnahmequelle

Der Essener Kennedyplatz: Panoramablick auf das Lichtermeer des Weihnachtsmarktes.
Der Essener Kennedyplatz: Panoramablick auf das Lichtermeer des Weihnachtsmarktes.Peter Prengel/Stadt Essen

Es ist ihre Hochsaison, die beste Zeit des Jahres: vier bis fünf Wochen in der Innenstadt, statt wie bei einer Kirmes irgendwo in der Peripherie. Nun droht den Schaustellern im zweiten Jahr in Folge ein Fiasko in der Vorweihnachtszeit. Wegen explodierender Covid-19-Inzidenzen wurden Weihnachtsmärkte in Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Brandenburg kurzerhand abgesagt. In anderen Bundesländern haben Kommunen vereinzelt reagiert. Dabei sind die Buden und Verkaufsstände teilweise schon aufgebaut – und weit mehr als die Standgebühr wurde bezahlt.

So wie in der Essener Innenstadt, wo der Internationale Weihnachtsmarkt am 12. November die Lichter angezündet hat. Mehr als 150 Stände bezogen in diesem Jahr vorsorglich eine größere Fläche, damit zwischen Buden und Besuchern die Abstandsregeln eingehalten werden können. Auf dem sonst frei zugänglichen Areal wurden Einbahnstraßen geplant und die Hauptpublikumsadern auf 16 Meter Breite verdoppelt. Mitarbeiter müssen ihren Impfstatus offenlegen. „So gibt es Sicherheit schon aus den Verkaufshäuschen heraus“, sagt Albert Ritter. Sein Glühweinstand stellt sich darauf ein, dass die Regeln auf 2G verschärft werden – also nur noch Geimpfte und Genesene bedient werden dürfen.

Dann muss Ritter, 68 Jahre alt, Schausteller in fünfter Generation und seit 2003 Präsident des Deutschen Schaustellerbunds, sein Schild korrigieren, auf dem noch steht: „Kein Verkauf und Verzehr ohne 3G-Nachweis“. Er hofft, dass Nordrhein-Westfalen das „plus“ hinter 2G erspart bleibt. „Für Bratwurst und Glühwein lässt sich doch niemand testen.“ Der Stand am Kennedyplatz, von wo der Markt sich über Flachsmarkt und Burgplatz zum Willy-Brandt-Platz erstreckt, ist mit Plexiglas und Handdesinfektion gerüstet. Über flatternde Drängelbänder blickt Ritter auf ein Kinderkarussell mit handgeschnitzten Holzpferden von 1884, weiter rechts auf den Dom und dahinter auf ein Riesenrad.

Landaus landein bespielt sein Gewerbe die Freizeitparks, Kirmesfeiern und Weihnachtsmärkte. Rund 5300 Betriebe – fast ausschließlich Familienunternehmen – machen mit der Gastronomie bei einem kleinen Imbissbetrieb Umsätze von jährlich etwa 50.000 Euro  und bis zu 1,5 Mio. Euro bei einem großen Zeltbetrieb. Der Durchschnitt liegt bei 600.000 Euro. Fahrgeschäfte nehmen zwischen 50.000 Euro und 3 Mio. Euro jährlich ein – im Schnitt 530.000 Euro. So genannte Ausspielungen, Schießbuden, Schau-, Belustigungs- und Verkaufsgeschäfte setzen durchschnittlich 213.000 Euro um.

Wichtigste Einnahmequelle

Diese Familienunternehmen samt ihrer 32.000 internen und externen festen Kräfte sind laut Ritter aber „seit nunmehr fast zwei Jahren mit einem Berufsverbot belegt und finanziell am Ende“. Daher schlug er unlängst in einem offenen Brief Alarm. Die etwa 3000 Weihnachtsmärkte in Deutschland, mit 160 Millionen Besuchern und knapp 3 Mrd. Euro Vor-Corona-Umsatz sind wirtschaftlich zunehmend überlebenswichtig für die Branche. Sie sollten der erhoffte Neustart sein. Sämtliche Bundesländer hatten zunächst unter unterschiedlichen Maßgaben (2G/3G/flächendeckende Kontrollen/Stichproben) grünes Licht für das Wintervergnügen unter freiem Himmel gegeben.

Nun dürfe es nicht völlig ausfallen, schiebt der Verstandschef, der zur Weihnachtszeit selbst 50 Leute beschäftigt, entschieden hinterher: Sein Gewerbe wolle nicht den Preis „für die Symbolpolitik mancher Bundesländer“ zahlen. Eine Politik, die die „wissenschaftliche Erkenntnis“ ignoriere, wonach „Veranstaltungen unter freiem Himmel nur in seltensten Fällen ein Infektionsgeschehen begünstigen“.

Wenn nun trotz strenger Hygienekonzepte historische Märkte wie der Nürnberger Christkindlesmarkt abgesagt werden, verlange sein Verband einen Ausgleich. Denn er fürchtet, die Verbote werden sich Richtung Westen und Norden noch ausweiten. Schausteller haben in ihre Einheiten investiert. Sie können nicht Betriebsmittel verkaufen, um Kredite zurückzuzahlen, sagt Ritter. „Wer kauft schon in Corona-Zeiten ein Karussell?“ Also müssten KfW-Kredite gestundet, Überbrückungshilfen verlängert und über Lagerkosten hinaus jetzt auch private Kosten berücksichtigt werden. „Wir brauchen 100 Prozent Entschädigungen – und wir müssen in Richtung nicht zurückzahlbare Subventionen gehen.“

Geld in die Hand genommen

In Essen bestreiten die Schausteller die Durchführung des Weihnachtsmarkts aus einem Topf von 1,2 Mio. Euro. Daraus werden die Kosten für den kommunalen Veranstalter beglichen, in diesem Fall eine städtische Marketinggesellschaft, die von Betonblöcken für die Sicherheit der Besucher bis zur Anschaffung eines neuen Amtsschreibtisches reichen. Hinzu kommt die Versorgung mit grünem Strom oder ein Pfandsystem für Tassen und Gläser – und nun auch ein mobiler Sicherheitsdienst, der neben Standbetreibern stichprobenartig die Nachweise Geimpfter und Genesener kontrolliert.

Eine Einzäunung mit kontrolliertem Einlass ist logistisch in den seltensten Fällen möglich – etwa am Berliner Gendarmenmarkt. Auch dort sind die Schausteller wie in vielen anderen Städten in den Winterzauber gestartet – im Vertrauen auf die Zusicherung der Politik, es werde keinen weiteren flächendeckenden Lockdown geben. Jeder einzelne Betrieb bestellte Ware, warb Personal an, unterschrieb Verträge und bezahlte Standgebühren. Muss der Veranstalter aus Gründen, die er nicht zu verantworten hat, den Stecker ziehen, können die Marktbetreiber nur aus Kulanz auf eine Rückerstattung hoffen.

Rückendeckung bekommen die Schausteller von den Hotel- und Gaststättenverbänden und der Veranstaltungswirtschaft, die selbst unter Absagen von Touristen und Weihnachtsfeiern leiden. Nach Umfragen bummeln sieben von zehn Deutschen gerne unter Lichterketten durch winterliche Weihnachtsbuden. Das belebt die Innenstädte und auch den Einzelhandel. „Alle reden vom Event-Einkauf“, sagt Ritter. „Wir bringen die Atmosphäre, die Bühnen, Krippen und Kasperletheater – und leisten die vorweihnachtliche Inszenierung in den Innenstädten.“ Selbst der Papst habe die Schausteller bei einer Audienz einmal dafür gewürdigt, dass sie „Licht ins Dunkel der Welt bringen“.

 


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