Exklusiv„Was tun wir, um Wirecard zur Aufklärung zu verpflichten?“

Der bisherige Bafin-Chef Felix Hufeld stolperte über den Wirecard-Skandal. Er verlässt die Behörde in Kürzeimago images / brennweiteffm

Der 28. April 2020 war für Wirecard eine Zäsur. An diesem Tag veröffentlichte der Konzern den Bericht zur Sonderuntersuchung der Prüffirma KPMG. Die hatte ein halbes Jahr versucht, Belege für ein Milliardenvermögen auf Treuhandkonten in Asien zu finden. Ohne Erfolg. Ein „Dokument des Grauens“ nannte der „Spiegel“ den Report – auch wenn darin manches etwas verklausuliert in Prüferdeutsch formuliert wurde.

Dennoch blieben unmittelbare Konsequenzen zunächst aus, zumindest seitens der Behörden. Dabei sorgten die Erkenntnisse der Sonderprüfer von KPMG auch im Bundesfinanzministerium bis hinein in die Spitze für Unruhe – während die Finanzaufsicht Bafin keine Notwendigkeit sah, ernsthaft in einen Notfallmodus zu schalten. Das legen neue Unterlagen und E-Mails nahe, die Capital jetzt einsehen konnte.

Anfang Mai 2020 war Staatssekretär Jörg Kukies, der im Finanzministerium unter anderem für die dem Ressort unterstellte Bafin zuständig ist, auf einen Report der Londoner Analysefirma Autonomous Research aufmerksam geworden. In dem Report mit dem Titel „Unpacking KPMG“ wertete Autonomous den KPMG-Bericht in deutlichen Worten aus. Zudem lieferte die Firma, sie schon früher intensiv mit Wirecard befasst war, zusätzliche Indizien, dass das Geschäft mit Drittpartnern bei dem bayerischen Zahlungsdienstleister nicht sauber sei und viele Kunden womöglich nicht existierten.

„Das liest sich sehr bedenklich“

Am 9. Mai, einem Samstag, schickte Kukies den Bericht von Autonomous morgens um kurz nach sieben Uhr an die zuständige Abteilungsleiterin und einen Referatsleiter im Ministerium sowie an Felix Hufeld, den Präsidenten der Finanzaufsicht. „Das liest sich sehr bedenklich, haben wir das aufgeklärt?“ fragte der Vertraute von Finanzminister Olaf Scholz (SPD). „Was können wir tun, um Wirecard zur Aufklärung zu verpflichten?“ Auf einer der Seiten des Autonomous-Reports findet sich in den Akten zudem eine handschriftliche Notiz, offenbar von Kukies: „Wie genau ist Bafin diesen Punkten nachgegangen. Das muss aufgeklärt werden. Bitte bei Bafin sicherstellen, dass das passiert.“

In der Bafin selbst schien man dagegen eine andere Sicht auf die Brisanz der Angelegenheit zu haben als der Staatssekretär. Am Sonntagabend leitete Behördenchef Hufeld die Mail von Kukies weiter an zwei seiner Direktoriumskollegen: Elisabeth Roegele, die für die Wertpapieraufsicht zuständig ist, und Chef-Bankenaufseher Raimund Röseler. Am Folgetag bat Röseler seine Mitarbeiter, einen Antwortentwurf „zur aufgeworfenen Frage“ des Staatssekretärs vorzubereiten – in Abstimmung mit der Wertpapieraufsicht. Daraufhin meldete eine Bankenaufseherin, die Kollegen hätten zwar die Mail von Kukies zur Kenntnis erhalten – „aber keinen Arbeitsauftrag seitens Frau Roegele“.

In den Tagen darauf feilten dann mehrere Referate aus der Banken- und Wertpapieraufsicht an einem Bericht für Kukies. Man habe geprüft, ob der Autonomous-Report in Verbindung mit den Ergebnissen von KPMG „neue aufsichtsrelevante Anknüpfungspunkte aufzeigt“, hieß es in der Antwort, die die Bafin später nach Berlin übermittelte. Allerdings verwies die Behörde darauf, dass die Wirecard AG selbst nicht unter ihre Aufsicht falle, da diese nicht als Finanzholding eingestuft sei, sondern nur die konzerneigene Wirecard Bank. Aus Sicht der Bankenaufsicht gebe es aber „derzeit keinen akuten Handlungsbedarf“.

Gleichwohl untersuchte die Bafin nach der Veröffentlichung des KPMG-Berichts auch mögliche Verfehlungen von Wirecard, wie sie Kukies mitteilte. Gemessen an den sich verdichtenden Hinweisen, dass eine Milliardensumme womöglich einfach nicht existiert, ging es dabei aber um Kleinigkeiten: mögliche Marktmanipulation im Zusammenhang mit der Ausweisung von Umsätzen in Singapur sowie durch eventuell irreführende Ad-hoc-Mitteilungen, die das Unternehmen vor der Vorlage des KPMG-Berichts veröffentlicht hatte. In dem Schreiben an Kukies war zum letzteren Punkt von einem „gewissen Anfangsverdacht“ die Rede. Allerdings dauerte es noch gut zwei Wochen, bis die Bafin tätig wurde: Am 2. Juni stellte sie bei der Staatsanwaltschaft München Strafanzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation wegen der Ad-hoc-Meldungen.

Die beiden scheidenden Bafin-Spitzen Hufeld und Roegele sagen an diesem Freitag im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags aus – als bislang hochkarätigste Zeugen. Mit Blick auf die Rolle der Behörden sagte der FDP-Abgeordnete Florian Toncar, es habe bei Wirecard nicht nur kritische Zeitungsartikel gegeben, sondern auch detaillierte Hinweise aus allen Richtungen. „Aber wie es scheint, gab es nichts in der Welt, was dem Bundesfinanzministerium und der Bafin ihr Wohlwollen gegenüber Wirecard hätte austreiben können“, sagte Toncar. Sein Kollege Fabio De Masi von der Linken ergänzte: „Herr Hufeld hat bis zuletzt seine schützende Hand über Wirecard gehalten. Allerdings hätte auch für Herrn Kukies weitaus früher Anlass bestanden, kritische Fragen zu stellen.“ Grünen-Ausschussmitglied Danyal Bayaz sagte: „Wenn eine Finanzaufsicht und ihr Präsident nicht in der Lage sind, die Tragweite fehlender Milliarden auf Treuhandkonten zu erkennen, dann ist es um den Finanzplatz nicht gut bestellt.“

Obwohl sich die Entwicklungen bei Wirecard im Frühjahr 2020 überschlugen, blieb die Finanzaufsicht auch bei einem anderen Vorgang bei ihrem Tempo. Anfang Mai liquidierte der Konzern seine nach Gewinn wichtigste Tochterfirma Card Systems Middle East in Dubai. Zeitgleich wurde auch Wirecards wichtiger Geschäftspartner Al Alam abgewickelt – eine der drei Firmen, über die das angeblich so lukrative Geschäft mit externen Drittkunden lief. Dass ein Dax-Konzern mal eben seine wichtigste Tochter liquidiert, kommt sicher nicht häufig vor. Allerdings verzichtete Wirecard darauf, die Börse per Pflichtmitteilung darüber zu informieren, sondern versteckte die Angabe in einem Anleiheprospekt.

Mitte Mai schlug eine Anwaltskanzlei im Auftrag eines Londoner Hedgefonds deshalb Alarm – in Schreiben an Bafin-Exekutivdirektorin Roegele und die Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl, über die Capital bereits im Februar berichtete. Ihre Warnung: Durch die Liquidationen bestehe auch die Gefahr, dass Beweismittel vernichtet werden könnten. Innerhalb der Finanzaufsicht war man aber nicht allzu beunruhigt über die News aus Dubai. Einige Tage nach Eingang des Schreibens meldete eine Abteilungsleiterin an Roegele, man gehe davon aus, dass sich aus der Schließung von Al Alam „keine bedeutsamen Auswirkungen“ für Wirecard ergäben. Dem Konzern entstehe „nach eigener Aussage“ keine Beeinträchtigung bei den Transaktionsvolumina.

Dabei war es zumindest kein Einzelfall, dass Aufseher einfach die Angaben von Wirecard übernahmen. Ende Mai schrieb Roegele deshalb sogar einmal an eine Mitarbeiterin, die einen Vermerk verfasst hatte: Ihr falle auf, dass sich ihre Bewertung in dem Vermerk „ausschließlich auf die öffentlich zugänglichen Angaben des Unternehmens selbst stützen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies angesichts der Gesamtsituation das Unternehmen betreffend ausreichend ist“, schrieb Roegele. Eine „Aufsicht mit Biss“, von der Minister Scholz nun gerne spricht, muss man sich wohl anders vorstellen.

Fragen „für die Aktenlage“

Im Fall Al Alam prüfte die Bafin dann tatsächlich, ob es Wirecard möglicherweise versäumt hat, die Investoren per Pflichtmitteilung für die Börse über die Liquidationen in Dubai zu informieren. Dazu versandten die Aufseher auch ein Anhörungsschreiben mit Fragen an das Unternehmen – am 24. Juni, einen Tag vor der Insolvenz.

In diesen Tagen hatte die Spitze der Behörde aber schon ganz andere Probleme. Sie musste sich bereits mit ihren eigenen Versäumnissen beschäftigen, nachdem am 18. Juni öffentlich bekannt geworden war, dass die Milliardensumme auf Treuhandkonten in Asien wohl nicht existiert. Am 23. Juni schickte Bafin-Chef Hufeld eine Mail an seine drei Direktoriumskollegen Roegele, Röseler und Thorsten Pötzsch. Betreffzeile: „Defizite & Vorgehen Wirecard“. Die zuständige Abteilungsleiterin aus dem Finanzministerium habe ihn gerade angerufen und ihm mitgeteilt, dass sie diese Mail „für die Aktenlage“ schreiben müsse. Offenbar erwartete die Beamtin aus dem Hause von Scholz und Kukies eine Bewertung, was aufseiten der Bafin im Fall Wirecard schiefgelaufen sei.

Hufeld selbst fielen dabei zwei Punkte ein: die „nicht zufriedenstellende“ Zusammenarbeit mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), die bei Bilanzverfahren zunächst eingeschaltet wird. Zudem habe man „nicht zeitgerecht“ erneut überprüft, ob Wirecard als Gesamtkonzern als Finanzholding eingestuft werden müsse – mit entsprechender Zuständigkeit der Bafin. Eingängiger formulierte es eine Aufseherin am gleichen Tag in einer Mail an Röseler: Die zuständige Abteilung in der Bankenaufsicht habe seit einem kritischen Bericht über die Wirecard Bank 2017 „doch gepennt“.


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden