Streamingdienst Warum sich Spotify Neil Youngs Abschied leisten kann

Neil Young ist mit seiner Musik künftig nicht mehr auf Spotify zu finden
Neil Young ist mit seiner Musik künftig nicht mehr auf Spotify zu finden
© APress / IMAGO
Im Streit um den umstrittenen Podcast von Joe Rogan hat sich Spotify gegen Neil Youngs Ultimatum entschieden. Der Musiker verlässt den Streaminganbieter. Wirtschaftlich ist der umstrittene Comedian interessanter für die Audio-Plattform

Neil Young und Spotify gehen künftig getrennte Wege. Nachdem sich der Streaminganbieter im Streit um den kontroversen Podcast „The Joe Rogan Experience“ dafür entschieden hat, die Show zu behalten, hat der kanadisch-amerikanische Folkrocker seine Musik zusammen mit seinem Label Warner Brothers von der Musikplattform entfernt.

„The Joe Rogan Experience“ ist schon seit 2021 auf Spotify zu finden. Zu den Gästen zählen neben Schauspielern wie Robert Downey Jr. oder Unternehmergrößen wie Elon Musk auch immer wieder kontroverse Persönlichkeiten, etwa der Verschwörungstheoretiker Alex Jones.

Ende Dezember sprach schließlich der US-Virologe und prominente Vertreter der amerikanischen Impfgegnerbewegung Joe Malone in dem Podcast vor. Für Neil Young ein rotes Tuch. Er wolle nicht auf einer Plattform präsent sein, auf der Desinformationen zum Coronavirus und zu Impfungen verbreitet werden, teilte Young mit und stellte Spotify vor die Wahl: „Sie können Rogan oder Young haben. Nicht beide.“

48 Stunden später war die Entscheidung gefallen: „Wir bedauern Neils Entscheidung, seine Musik von Spotify zu entfernen, hoffen aber, ihn bald wieder begrüßen zu können“, teilte der Streamingdienst US-Medien zufolge in einer Erklärung mit. Young hielt Wort: Am Donnerstag waren nur noch wenige seiner Lieder auf Spotify zu finden. Erste Nutzer taten es Young gleich und kündigten in den sozialen Medien an, Spotify künftig nicht mehr zu nutzen.

Mehr Hörer und mehr Werbeeinnahmen

Während Young gegenüber Rogan, der erst als Stand-up-Comedian und schließlich als Moderator und Talkshowmaster bekannt wurde, einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad und mehr Prestige besitzt, dürften bei der Entscheidung des Streaminganbieters die wirtschaftlichen Beweggründe überwogen haben: Während Neil Young monatlich sechs Millionen Hörer verzeichnet, erreicht Rogans Podcast allein pro Folge fast doppelt so viele Nutzer.

Joe Rogan
Joe Rogan (Foto: Getty Images)
© Michael S. Schwartz / Getty Images

Neben der hohen Anzahl an Nutzern ist Rogans Podcast, für dessen exklusive Vermarktung Spotify 100 Mio. Dollar bezahlt hat, gleichzeitig ein wichtiger Hebel für Werbeeinnahmen. Dem US-Techportal The Verge zufolge gilt für Werbekunden des Podcasts außerdem eine spezielle Regelung. Wer Werbeslots für Rogans Show kaufen will, muss auch Werbung für den Rest des Spotify-Angebots kaufen. Mit „The Joe Rogan Experience“ erreicht Spotify dabei zusätzlich ein junges männliches Publikum, das sich für den Werbemarkt gewöhnlich nur schwer erreichen lässt – und für Werbekunden damit umso attraktiver ist.

Damit ist Rogans Podcast ein wichtiger Beitrag für den Ausbau des Audiobereichs, den Spotify seit Jahren vorantreibt. Ziel ist es, mehr Einnahmen, die beim Musikgeschäft auf Rechteinhaber und Musiker entfallen, direkt über eigene Formate zu generieren. Dafür hat Spotify 2019 bereits knapp 400 Mio. Dollar in die Übernahme von Unternehmen mit den entsprechenden Kompetenzen investiert. Neben Rogans Podcast setzt Spotify dabei auch auf den Podcast der ehemaligen First Lady Michelle Obama, in Deutschland sind es „Gemischtes Hack“ oder „Fest & Flauschig“ mit Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Andere Anbieter werben mit Youngs Musik

Die Verluste durch Youngs Ausscheiden dürften also überschaubar bleiben. Sollten weitere Musiker mit einer deutlich höheren Reichweite Youngs Beispiel folgen und womöglich ihre Fans mobilisieren, könnte der Druck auf Spotify allerdings zunehmen. Denn noch überwiegt das althergebrachte Musikgeschäft: Rund 70 Prozent der Einnahmen gehen an die Musikindustrie.

Bei Young und dem Warner-Music-Label dürfte sich der Schritt deutlich stärker bemerkbar machen. Zwar nutzen andere Anbieter wie Apple Music, Deezer und Tidal den Streit, um prominent auf ihr Angebot von Youngs Songs hinzuweisen. Den Löwen-Anteil aus den Streaming-Einnahmen machte bislang aber Spotify mit 60 Prozent aus.

Viele Beobachter sehen Spotify zudem am Zug, seine Richtlinien für Inhalte noch transparenter zu machen. Gegenüber mehreren Medien hatte die Plattform erklärt, man möchte den Nutzern alle Musik- und Audioinhalte der Welt zur Verfügung stellen. „Das bringt eine große Verantwortung mit sich, wenn es darum geht, ein Gleichgewicht zwischen der Sicherheit der Hörer*innen und der Freiheit der Creator*innen herzustellen“, heißt es weiter. Gegenüber dem Wall Street Journal hatte Spotify außerdem mitgeteilt, man habe bereits 20.000 Podcastfolgen mit Bezug auf Corona wegen Verstößen gegen die eigenen Richtlinien gelöscht. Dazu zählen auch mehrere Folgen von Rogans Podcast, etwa die mit Alex Jones. Die Folge mit Joe Malone ist allerdings noch auf der Plattform zu finden.

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