GastkommentarDie Venture-Capital-Branche wird sich ändern müssen

Shmuel Chafets, General Partner & Vice-Chairman at Target GlobalPR

Schon jetzt ist klar, dass wir uns am Ende des elfjährigen Bullenmarktes in der VC-Welt befinden. Ein positiver Aspekt dieser Krise ist, dass sie die Debatte darüber beendet, ob wir uns „in einer Blase“ befinden. Ein weiterer Aspekt ist, dass sie es der Venture-Capital-Branche ermöglicht, zu ihren Wurzeln zurückzukehren.

In letzter Zeit habe ich viele Gespräche mit Portfoliounternehmen, Co-Investoren und Start-up-Gründern geführt. Und mir ist aufgefallen, dass ein großer Teil der VC-Branche noch nie einen Einbruch erlebt hat. Das Alter der heutigen Investmentexperten, selbst auf Partnerebene, ist deutlich gesunken. Die Jagd nach dem nächsten „Zuk“ hat dazu geführt, dass es in VC-Portfolios nur so wimmelt von gefühlt 20-jährigen Unternehmern, die den Börsen-Crash von 2008 nur aus dem Film „The Big Short“ kennen.

Viele andere Investoren sind alte Hasen, die aus der Finanzbranche gewechselt sind, um bei der vermeintlich besten Party der Stadt dabei zu sein. Viele dieser Neueinsteiger sehen die letzten Jahre in der VC-Branche als die Norm an und haben nun Schwierigkeiten, die neue Situation zu verstehen und sich anzupassen.

Es muss sich etwas ändern

Eine Anpassung braucht es aber ganz eindeutig. Und das ist auch gar nicht schlecht so. Denn das Machtgleichgewicht in der Venture-Welt hat sich in den letzten Jahren grundlegend verschoben – durch die lange Hochphase hat sich ein Verkäufer-Markt entwickelt. Dies zeigt sich sowohl bei den Aufsichtsorganen von Start-ups als auch bei Sekundär-Transaktionen. Das prominenteste Beispiel dafür: Der waghalsige Aufstieg und Fall von Wework. Der Fairness halber muss ich hinzufügen: Wir alle waren in der ein oder anderen Weise von diesem Zeitgeist beseelt.

Early-Stage- und Late-Stage-Bewertungen sind gestiegen, ein Trend, der sich aus dem anhaltenden Wachstum von Finanzierungsrunden und Start-up-Bewertungen entwickelt hat. Eine Series A im Jahr 2019 wurde um zehn Prozent höher bewertet als eine Series B aus dem Jahr 2012, im gleichen Zeitraum haben sich die Series B-Bewertungen fast verdoppelt. Finanzierungsrunden wurden aufgebläht durch höhere Gehälter, höhere Ausgaben und den „Wachstum um jeden Preis“-Spirit.

Es muss sich etwas ändern. VC-Investoren müssen Instanzen bei den Start-ups Aufsichtsgremien installieren, die tatsächlich Kontrolle ausüben und Exzesse verhindern. Der wahnsinnige Wettbewerb hat „gründerfreundlich“ zu einem Schlagwort gemacht. Hier muss Klartext gesprochen werden. Dem Gründer eines Unternehmens mit massiven Verlusten zu sagen, er solle keine Privatflüge mehr buchen, mag nicht „freundlich“ sein, ist aber unerlässlich.

Massive Missbräuche

Ein weiterer reformbedürftiger Bereich sind Secondaries (Anm. d. Redaktion: Bei sogenannten Secondaries veräußern Gründer bei einer Finanzierungsrunde einen Teil ihrer Unternehmensanteile – und nicht erst, wenn sie ihr Unternehmen komplett verkaufen. Sie können auf diesem Weg schon Millionen-Gewinne machen, bevor klar ist, ob ihre Firma langfristig Erfolg haben wird). Als ich vor über zehn Jahren in der VC-Branche anfing, bestand der Zweck von Secondaries darin, den Gründern bereits auf dem Weg zum Exit ein kleines Stück vom Kuchen abzugeben. Und das ist richtig so. Ein Gründer im fünften oder sechsten Jahr seiner unternehmerischen Entwicklung, der drei bis fünf Jahre vor dem Börsengang steht, sollte schon mal die Möglichkeit haben, ein wenig Geld aus seiner Firma herauszuziehen und einen kleinen Teil des aufgebauten Wertes abzuziehen.

In den vergangenen Jahren sind Secondaries allerdings zu einem Instrument geworden, Vermögen anzuhäufen, wodurch das Gleichgewicht zwischen Investoren und Gründern durcheinandergebracht wird. Wir haben massive Missbräuche erlebt: Private Secondaries, verlustreiche Unternehmen, deren Gründer Vermögen angehäuft haben und CEOs, deren persönliche Anlageportfolios wesentlich mehr Wert hatten als die von ihnen geführte Unternehmen. Auch hier liefert Wework ein anschauliches Beispiel.

Wir befinden uns in einer grundlegenden Krise. Es wird Zeit brauchen, bis wir uns davon erholen – Pessimisten sprechen von Jahren, Optimisten von Monaten. Wie üblich wird die Realität irgendwo dazwischen liegen. Damit unsere Branche gestärkt aus dieser Krise hervorgeht, ist es nun entscheidend, dass wir die neue Situation mit klarem Blick betrachten und unsere Geschäftspraktiken und Erwartungen korrigieren.


Shmuel Chafets ist General Partner & Vice-Chairman der Venture Capital-Fonds Target Global, der zu den größten VC-Funds in Europa zählt. Zuvor war er unter anderem bei Hasso Plattner Ventures tätig.