KolumneWarum Gründer intellektuelle Demut brauchen

Uwe Horstmann
Uwe Horstmann

Berlin ist in den letzten Jahren zur wichtigsten Gründermetropole Kontinentaleuropas aufgestiegen. Von der Rekordsumme von 4,6 Mrd. Euro flossen 2018 etwa 2,6 Mrd. Euro auf die Konten von Berliner Start-ups. Immer mehr Kapital von immer mehr Investoren befeuert den Hype. Zuletzt gab es Börsengänge, Tech-Riesen wie Softbank oder Alibaba investierten in der Hauptstadt. Die Szene wird professioneller. Einerseits. Andererseits treibt die Hoffnung auf das nächste Einhorn nicht selten seltsame Blüten, verbindet Gründer, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, mit Geldgebern, die nicht immer genau hinsehen. Grund genug für das „Manager-Magazin“ im Januar von „Berliner Blendern“ zu titeln. Für mich ein Grund, mich in den nächsten Kolumnen genauer mit der Frage zu beschäftigen, was einen guten Gründer tatsächlich ausmacht.

Wer eine Geschäftsidee hat und dafür ein Unternehmen gründet, der beginnt in diesem Moment seine Reise durch den „Business Lifecycle“, ein Trip, der mit der Idee beginnt und sich entfaltet über das Start-up, die Wachstumsphase bis hin zur Reife oder dem Scheitern einer Unternehmung. 90 Prozent der Gründer beenden diese Reise nicht, sie scheitern in den allermeisten Fällen an der Selbstzerstörung, weil sie irgendwann auf diesem Weg falsche Entscheidungen getroffen haben.

Was aber muss ein Gründer können auf dieser Reise, auf der er operativ arbeitet, eine Vision braucht, er die junge Firma strategisch aufbauen, dafür das beste Personal gewinnen und immer schauen muss, dass ihm das Geld dafür nicht ausgeht? Das sind seine vier Hauptaufgaben und jede erfordert ein anderes Talent. Wie aber muss er diese weiterentwickeln, wenn sein Start-up anfangs kaum Mitarbeiter hat, es später auf 50 wächst und erst recht, wenn es irgendwann 150 Leute beschäftigt?

Phase 1 – Die Infektion

Es ist die Zeit vor der Gründung, die Zeit der besten Idee der Welt, auf die die Welt nur so gewartet hat. Der Bald-Gründer hat seine Buddies mit seiner Idee infiziert. Für die Firma, die noch keine ist, arbeiten nicht mehr als sieben Mitarbeiter. Es ist die Zeit, in der jeder alles macht, Hierarchie Fehlanzeige, es wird keine Politik veranstaltet, weil jeder jeden kennt, jeder noch alles weiß und jeder noch über dieselben Witze lacht. In der jeder noch den Müll rausbringt. Kein Job ist zu klein.

Strategisch hat der Gründer in dieser Zeit vor allem eine Aufgabe: Er muss sicherstellen, dass es überhaupt ein Unternehmen geben wird. Und dieses mit einer Kultur zu impfen, die zu seinen Werten passt. Gut zu sein und trotzdem den unbedingten Willen haben, dazu lernen zu wollen, danach suche ich, wenn ich mit Gründern in dieser frühen Phase spreche. Kann mich der Gründer von der Idee begeistern? Kann er mich „abholen“, auch wenn sein Thema kompliziert ist und meine Vorkenntnisse gering? Kann er die Geschäftsidee fast schon kindgerecht, bestechend einfach und mitreißend darstellen? Ronnie Vuine zum Beispiel, der Gründer von Micropsi Industries, hat mir komplizierteste Robotikprobleme ganz einfach erklären können, bevor er mir seine Lösung dafür präsentierte.

Es ist die Zeit der Selbstfindung, in der Gründer bereit sein müssen, ihre Geschäftsidee immer wieder auf ihre Machbarkeit zu überprüfen. Sie müssen sich klar darüber sein, welche Leistung sie versprechen, wie sie den Markt dafür finden und wie sie dafür ein großartiges Produkt bauen, dass sie im Verkauf mithilfe ihrer ersten Kunden immer wieder testen und verbessern.

Vor allem aber muss er seine Unternehmung so erklären können, dass sie sowohl Laien verstehen, als auch Investoren und jene Top-Talente, die für ihn arbeiten sollen. Kann er ihnen mit Hilfe der richtigen Daten zeigen, wie wertvoll die einzelne Transaktion mit seinem Start-up ist? Kann er potenziellen Kunden klar machen, wie groß der Schmerz ist, den er mit seinem Produkt zu lindern gedenkt? Empfindet der Gründer unsere Prüfung als Prüfung? Oder als Möglichkeit selbst etwas zu lernen? Die besten Gründer beantworten meine Fragen und drehen dann den Spieß einfach rum. „Was denkst Du denn? Was sollten wir Deiner Meinung nach machen?“, das sind Fragen, die ich gerne höre, wenn darauf nicht blinde Akzeptanz folgt, sondern sorgfältiges Abwägen. Intellektuelle Demut ist die dafür genau die richtige Eigenschaft.

In der nächsten Kolumne geht es um Phase 2, das eigentliche Start-up, und die Frage, welchen Typ Gründer es braucht, um aus einer Idee eine echte Unternehmung zu machen.