KolumneWarum der Umgang mit Chinas Wirtschaftsdaten so schwierig ist

Autoproduktion bei Jaguar in China
Autoproduktion bei Jaguar in ChinaGetty Images

Die Weltwirtschaft schwächelt mal wieder, der Welthandel kühlt sich ab. Und alle schauen nach China. Dort kündigt die Regierung in schöner Regelmäßigkeit neue Sonderprogramme an, die Fragen provozieren: Wirkt das? Wann? Und in welchem Umfang?

Erwartet wird dann eine möglichst akribische Antwort, am besten auf die zweite Nachkommastelle und mit genauer monatlicher Zuordnung. Warum hier eher mit einem sehr breiten Pinsel statt mit einer Pinzette die Antwort gezeichnet werden sollte, erklärt ein kurzer Blick auf die spezifischen „chinesischen Charakteristika“ der wirtschaftlichen Kennzahlen.

Zunächst einmal wechselt die chinesische Wirtschaftspolitik seit 2010 ständig zwischen Gaspedal und Bremse hin und her. Der Hintergrund hierfür ist, dass sich die Verantwortlichen zwar einerseits der Notwendigkeit bewusst sind, das Wirtschaftsmodell durch Strukturreformen vom Exportmodell zu mehr Binnennachfrage umzubauen und die Zahl ineffizienter Staatsunternehmen zu reduzieren. Andererseits sind sie aber nicht gewillt, die damit verbundene vorübergehende Wachstumsverlangsamung in Kauf zu nehmen. Oder anders gewendet: Einerseits muss die zentrale Steuerung reduziert werden, aber andererseits ist der damit verbundene Kontrollverlust für die regierenden Kommunisten nur schwer zu ertragen.

Chinesische BIP-Wachstum (jährliche Wachstumsrate in %)


source: tradingeconomics.com

Das Wirtschaftswachstum folgt der KP

Zweitens funktioniert Wirtschaftspolitik in China häufig ganz anders als in den USA und Europa. Nehmen wir die Wachstumsverlangsamung in den Jahren 2015 und 2016 als Beispiel: Das chinesische Konjunkturprogramm bestand in wesentlichen Teilen darin, die Staatsunternehmen vermehrt investieren zu lassen, die Staatsbanken zur Kreditvergabe zu drängen und die Kommunen die Infrastruktur über Schattenhaushalte ausbauen zu lassen. Entsprechend schwer lässt sich selbst in der Rückschau beziffern, in welchem Umfang hier staatliche Mittel in Bewegung gesetzt worden sind.

Drittens weist die chinesische Wirtschaftsstatistik als Besonderheit so wenig Bewegung auf wie sonst nirgendwo auf der Welt. Erstaunlich ist dabei, dass etwa Daten zum Stromverbrauch oder dem Warentransport deutlich mehr schwanken. Für unsere hausinternen China-Analysen sind wir daher dazu übergegangen, über den Abgleich verschiedener Indikatorenbündel einen „alternativen Wachstumsmaßstab“ zu generieren. Die „offiziellen Wachstumszahlen“ scheinen sich zu stark nach den Vorgaben der kommunistischen Führung Chinas zu richten. Nach einem weitgehenden Gleichlauf im Jahr 2017 hat sich der alternative Maßstab im Verlauf von 2018 wieder deutlich schwächer entwickelt als die offizielle Wirtschaftsentwicklung. Das war auch schon 2015/16 der Fall. Im Zuge der damaligen Stimulierungsmaßnahmen zog der alternative Maßstab deutlich an, während das offizielle Wachstum kaum verändert bei sieben Prozent lag.

Eine Wirkung wird sich einstellen

Die Schlussfolgerung daraus ist aus unserer Sicht ein recht pragmatischer Umgang sowohl mit der Quantifizierung der Konjunkturmaßnahmen wie auch mit der Abschätzung der Wachstumswirkung. Die chinesische Regierung tut aktuell viel und wird die Dosis voraussichtlich auch so lange erhöhen, bis sich eine Wirkung einstellt. In den offiziellen Zahlen wird das dagegen vermutlich kaum abzulesen sein.

Es herrscht wenig Zweifel daran, dass die chinesischen Konjunkturmaßnahmen Wirkung zeigen werden. Allerdings scheint der Versuch müßig, sie nach westlichen Maßstäben in ihrem Ausmaß und ihrer Wirkung zu beziffern.