GastbeitragGrundeinkommen: Warum der Wandel der Arbeit eine Chance ist

Götz Werner
Götz Werner ist Gründer und Aufsichtsratsmitglied der Drogeriemarktkette dm. Außerdem ist er ein Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommensdpa

„Sozial ist, was Arbeit schafft.“ Unter dieser Maxime versucht die Politik uns immer noch vorzugaukeln, die „fehlenden“ Arbeitsplätze ließen sich am Ende wieder herbeizaubern, wenn nur die „Rahmenbedingungen“ endlich wieder stimmen würden. Und dann folgt der seit vier Dekaden immer gleiche Maßnahmenkatalog: Lohnzurückhaltung, Senkung der Lohnnebenkosten, Steuersenkung, Förderung von Innovationen und Investitionen, Privatisierung und Marktöffnung, Abbau von Handelsschranken, Liberalisierung des Kapitalverkehrs. Nebenbei werden unrentable Branchen und Unternehmen mit Subventionen künstlich durchgefüttert – um die dortigen „Arbeitsplätze zu erhalten“. Auf einige dieser Punkte komme ich noch zu sprechen.

Das Hauptproblem ist ein ganz anderes. Wenn Wirtschaft und Politik „Arbeit schaffen“ wollen, dann denken sie in erster Linie nicht an Arbeits-, sondern an Einkommensplätze. Und was noch fataler ist, sie schlagen zwei völlig verschiedene Kategorien von Arbeit über einen Leisten: Arbeit an der Natur und Arbeit am Menschen, stoffliche Arbeit und ideelle Arbeit, Produktionsarbeit und Kulturarbeit im weiteren Sinne. Kurz gesagt: Die vorherrschende Denkschule will ständig „alte Arbeit“ schaffen. Sie denkt, selbst wenn sie von Läden oder Büros spricht, eigentlich immer noch an Fabriken. Ganz gleich, ob sie „Investitionen fördern“ oder doch lieber den „Konsum beleben“ will – sie stellt sich die Gesellschaft weiterhin als ideelle Gesamtwerkshalle vor, in der Arbeiter mithilfe von Maschinen aus Rohstoffen Güter produzieren, die dann ein Heer von dienstleistenden Hilfskräften in der Welt verteilt.

Befürworter eines Grundeinkommens gelten in dieser Kirche entweder (sozusagen bei den wirtschaftsnahen Benediktinern des Ordens der Neuen Sozialen Marktwirtschaft) als Umverteiler in neuem Gewand, denen es, anders als Altlinken, nicht mal mehr genüge, die „Profite“ zu vergesellschaften, sondern die nur noch Kuchen verteilen und überhaupt keine Kuchen mehr backen wollten. Oder sie gelten (sozusagen bei den gewerkschaftsnahen Augustinern der strengen Tarifobservanz) als getarnte Agenten des Kapitals, die alle bislang hart und ehrlich arbeitenden, nun aber wegrationalisierten Menschen per „Stilllegungsprämie“ aus dem Wirtschaftskreislauf entfernen wollten, um sie sodann in ein Abseits aus Nichtstun, Billigstkonsum, sozialer Isolation und politischer Rechtlosigkeit zu stoßen. Oder um sie als staatlich subventionierte Billigkräfte erst recht allen Launen der Lohndrückerei auszuliefern.

Richtig ist an diesen Suaden nur eines: Seit Kindertagen war es das Bestreben des „Kapitalismus“, menschliche Arbeit durch Maschinenarbeit zu ersetzen. Dabei war er so außerordentlich erfolgreich, dass er nicht nur die Vielfalt und die Menge verfügbarer Güter ins beinahe Unermessliche gesteigert hat. Zugleich hat er es geschafft, dass heute – und hier steht Deutschland mit seinem traditionell starken industriellen Sektor noch sehr gut da – nur noch jeder fünfte Beschäftigte damit beschäftigt ist, etwas im weitesten Sinne Stoffliches oder Gegenständliches herzustellen. Sehr erfolgreich war der Kapitalismus bisher auch darin, für jeden verschwundenen Industriearbeitsplatz mindestens einen Arbeitsplatz in mehr oder minder industrienahen Dienstleistungsbereichen zu schaffen. Sprich: Arbeit zu erfinden, die die Arbeit an der Natur verwaltet und logistisch begleitet. Und ja: Selbst wenn unter Abgesang der Choräle „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ nun auch im Bereich der Dienstleistungen immer mehr und immer schlauere Maschinen die Arbeit von Menschen übernehmen werden, so werden auch in Zukunft neue Dinge hergestellt und damit einhergehend neue „Arbeitsplätze“ erfunden werden. Aber das gesamte Volumen an Arbeit, das unsere Gesellschaft in die stoffliche Produktion, in ihr Management und in ihre räumliche Verteilung stecken muss – es wird unweigerlich weiter sinken.

Nur dass das eben überhaupt kein Problem darstellt. Sondern im Gegenteil die Lösung für all das ist, was an Arbeit unschön ist: dass sie körperlich anstrengend, schmutzig, eklig und gesundheitlich belastend sein kann; dass sie monoton, langweilig, geistlos und wenig inspirierend sein kann; dass sie darum in vielen Bereichen immer noch nach den Prinzipien von Stechuhr, misstrauischer Kontrolle und quasi militärischer Hierarchie organisiert werden muss; dass immer noch Menschen der Logik fremdbestimmter Prozesse unterworfen werden, statt selbst den Sinn und die Struktur ihrer Arbeit bestimmen zu können; und dass inzwischen – Hauptsache Arbeitsplätze! – auch eine ganze Menge „Arbeit“ verrichtet wird, deren Sinn und sozialer Nutzen sich nicht jedem sofort offenbaren (über solche bullshit jobs gibt es einen schönen Aufsatz von David Graeber). All das: Arbeiten, die wir besser heute als morgen „wegrationalisieren“ sollten!

Sie nervt es, täglich fünf Mal nach ihrer Payback-Karte gefragt zu werden. Was glauben Sie, wie nervig es ist, diese Frage 500 Mal am Tag zu stellen?

Götz Werner

Um uns stattdessen mit all jenen Dingen zu beschäftigen, die sich aus Prinzip niemals rationalisieren lassen: nämlich mit all jenen Tätigkeiten, die Menschen unmittelbar für andere Menschen erbringen. Damit meine ich ersichtlich nicht das meiste von dem, was normalerweise so als „Dienstleistung“ firmiert. Davon nämlich haben wir in den letzten Jahrzehnten erstaunlich viel überflüssig gemacht, vor allem dort, wo sich Menschen entweder gegenseitig Papier (einschließlich Papiergeld) oder eben Waren zugeschoben haben.

Als jemand, der aus dem Handel kommt, sage ich Ihnen ganz offen: Ich ersehne nicht nur den Tag, an dem es in unseren Läden keine Kassen mehr gibt, wir arbeiten auch sehr konsequent daran, dass dieser Tag nicht mehr fern ist. Denn das, was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da jeden Tag machen müssen, ist Ödnis in Reinkultur. Sie nervt es, täglich fünf Mal nach ihrer Payback-Karte gefragt zu werden. Was glauben Sie, wie nervig es ist, diese Frage 500 Mal am Tag zu stellen? Genauso wie wir die Ersten wären, die auf automatische Regalbefüllung umstellen würden, wenn das im Einzelhandel genauso gut zu realisieren wäre wie heute schon in vielen Hochregalhallen des Großhandels. Allein die Tausende Kilometer, die Menschen bei dm jeden Tag latschen müssen, um ständig Toilettenpapier nachzufüllen, schaffen ja viele, viele Arbeitsplätze.

Aber glauben Sie mir, noch froher als das Management wären die Mitarbeiter, wenn das Maschinen übernähmen. Dann könnten Sie nämlich viel sinnvollere Dinge tun: unsere Kunden mehr und ausführlicher beraten; deren Einkaufserlebnis verbessern – vorzugsweise bei all jenen Produkten, denen unsere Kunden weit größeres Interesse entgegenbringen als den Hygienepapieren. Und ganz ehrlich: Ich würde es sogar begrüßen, wenn die irgendwann von kleinen 3-D-Druckern in Ihrer heimischen Wand produziert würden. Zu allem Überfluss verdienen wir nämlich am Klopapier auch keinen Pfennig.

Aus: Götz W. Werner „Einkommen für alle. Bedingungsloses Grundeinkommen – die Zeit ist reif“, © 2018 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln