GastkommentarVerfehlte Kritik: Warum die Corona-Maßnahmen wirksam sind

Die Kritik an den Corona-Einschränkungen nimmt zu: Mehrere Tausend Menschen demonstrierten in Stuttgart gegen die Corona-Politikimago images / Arnulf Hettrich

Die Kritik an den Maßnahmen, die von der Bundesregierung und den Landesregierungen gegen eine Verbreitung des Covid-19-Virus beschlossen wurden, wird derzeit lauter. Dabei ist die Gruppe der Kritiker sehr heterogen. Es gibt solche, die nicht an der Gefährlichkeit des Virus zweifeln und auch die gesellschaftlichen Risiken sehen, die etwa mit einer Überlastung des Gesundheitswesens verbunden sind. Gleichzeitig halten sie aber die Spielräume für verantwortungsvolle Lockerungen für größer, als die Regierungen es derzeit tun. Andererseits gibt es aber auch eine Gruppe von Kritikern, die fundamental bestreiten, dass mit der Verbreitung des Covid-19-Virus überhaupt erhebliche Gefahren verbunden sind.

Während die erste Gruppe an einer rationalen Debatte über die Sinnhaftigkeit der noch bestehenden Maßnahmen teilnimmt, gilt dies für die zweite Gruppe kaum. Hier bewegt man sich an der Grenze zu Verschwörungstheorien, oder man überschreitet diese Grenze sogar. Die Expertise von Epidemiologen und Virologen wird von Laien und fachfremden Wissenschaftlern beiseitegeschoben. Soweit die verfügbaren Daten überhaupt zur Kenntnis genommen werden, betrachtet man diese mit einfachsten Mitteln, was zu schweren Fehlern in der Interpretation führt.

Ein Beispiel die Behauptung, die sogenannten Lockdown-Maßnahmen seien völlig wirkungslos. Diese Behauptung wird mit einem Hinweis darauf unterfüttert, dass in der Zeitreihe der Covid-Todesfälle und der Covid-Infektionen in Deutschland kein klarer Bruch im Sinne eines schnellen Absinkens der Zahlen nach Inkrafttreten der Maßnahmen zu sehen sei. Diese reine Beobachtung ist zwar zutreffend, die Schlussfolgerung jedoch durch die Beobachtung nicht gedeckt, da sie zahlreiche weitere Einflussfaktoren ausblendet.

Die Corona-Einschränkungen haben etwas bewirkt

Wir wissen beispielsweise, dass viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ihr Verhalten bereits vor Inkrafttreten der formalen Regeln geändert haben. Sie wuschen sich häufiger die Hände, mieden größere Gruppen, oder bewegten sich eher mit dem PKW als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Solche freiwilligen Verhaltensanpassungen wurden dann vermutlich durch die politischen Maßnahmen verstärkt und vor allem über längere Zeit stabilisiert. Es gab also im tatsächlichen Verhalten keine plötzliche, dramatische Änderung an einem Stichtag, sondern ein schrittweises Einschleichen vorsichtigen Handelns.

Ein anderes Argument der Skeptiker ist, dass alle Verläufe von Epidemien einen logistischen (S-förmigen) Verlauf in der Zeit haben, also die Zahl der Infizierten von selbst irgendwann abflacht. Auch das ist zunächst einmal richtig. Aber die für die Politik relevante Frage ist, ob sie durch kluge Maßnahmen den Wert, gegen den die Zahl der Infizierten konvergiert, senken kann. Es macht einen Unterschied, ob die Zahl der Todesopfer wie in Deutschland bei 7533 Toten (Stand 12.5.2020) steht, oder wie in Italien und Großbritannien bei jeweils über 30.000 Toten.

 


Kennen Sie schon unseren Newsletter „Die Woche“? Jeden Freitag in ihrem Postfach – wenn Sie wollen. Hier können Sie sich anmelden


 

Zwar ist in allen drei Ländern grob der logistische Verlauf zu erkennen, aber die Behauptung, politische Eingriffe und institutionelle Rahmenbedingungen hätten keinen Einfluss auf die Werte, gegen die solche logistischen Verläufe konvergieren, erscheint angesichts der dramatischen Unterschiede im Länderquerschnitt absurd. Man muss also auch hier wieder genauer hinschauen, die jeweils besonderen Bedingungen einzelner Länder berücksichtigen und erst dann überlegen, welchen Effekt die Maßnahmen im Zusammenspiel mit all diesen Bedingungen hatten.

Hat etwa Italien nicht strikte Lockdown-Maßnahmen beschlossen, aber dennoch eine hohe Zahl von Infizierten und Verstorbenen? Durchaus. Aber auch hier steckt der Teufel im Detail. Es ist möglich, dass Italien durch gesellschaftliche und demographische Einflüsse von vornherein gefährdeter war. Dazu zählen etwa das engere Zusammenleben von älteren und jüngeren Familienmitgliedern, sowie generell der höhere Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung.