AnalyseValerian - das 180-Millionen-Dollar-Wagnis

Filmszene aus "Valerian - Stadt der Tausend Planeten"
Filmszene aus „Valerian – Stadt der Tausend Planeten“
© dpa

Das neue Science-Fiction-Spektakel „Valerian – die Stadt der Tausend Planeten“ beginnt mit einer denkwürdigen Montage intergalaktischer Gemeinschaften, die zusammenkommen, um eine gigantische Raumkolonie zu bilden – unterlegt von David Bowies „Space Oddity“. Mit „Under Pressure“ hätte es auch funktioniert.

„Valerian“ sorgt schon vor dem Kinostart am 20. Juli für einen ungewöhnlichen Rekord – und einen hohen Einsatz: Der Streifen gilt als der teuerste Film der Geschichte, der nicht von einem der sechs großen Hollywood-Studios produziert wurde. Sein 180-Mio.-Dollar Produktionsbudget bewegt sich in Sphären wie der von „Spider-Man: Homecoming“. Dabei ist die Produktionsgesellschaft EuopaCorp aus Paris nur ein Winzling im Vergleich zu den großen Studios.

Das opulente 3D-Spektakel – eine Kreuzung aus „Avatar und „Star Wars“ – muss sehr viele Hürden überwinden, um Gewinne abzuwerfen. In der besonders hart umkämpften Sommersaison in den USA ist „Valerian“ die einzige Großproduktion, die nicht auf Charakteren oder Geschichten beruht, die das Publikum bereits kennt. Hinzu kommt der fremd klingende Name – „Valerian“ beruht auf einer französischen Comic-Reihe. „Für das US-Publikum ist das ein ungewöhnlicher Name“, räumt EuopaCorp-CEO Marc Shmuger ein.

Kritik an Hauptdarstellern

Obwohl erste Filmausschnitte von Science-Fiction-Blogs begeistert aufgenommen wurden, fielen die Kritiken bislang gemischt aus. Einige Rezensenten lobten zwar die grandiose Optik, sie kritisierten aber auch die beiden Hauptdarsteller Dane DeHaan und Cara Delevingne als Fehlbesetzungen.

Der Film wird zur Fallstudie über die Frage, ob ein Projekt mit weltweiten Ambitionen, das außerhalb eines der großen Hollywood-Studios entstanden ist, sich in einem Umfeld durchsetzen kann, das von Film-Franchises dominiert wird.

Ein Hit würde das kleine von „Valerian“-Regisseur Luc Besson 2000 gegründete EuropaCorp-Studio verändern. Besson, der von Comic-Fans wegen seines Science-Fiction-Klassikers „Das fünfte Element“ geschätzt wird, ist einer der wenigen Regisseure, der über eine ausreichend große Reputation verfügt, ein solches Projekt ohne traditionelle Studio-Unterstützung in Angriff zu nehmen.

„Der erste ‚Star Wars’ war kein Franchise. ‚Avatar“ war kein Franchise“, sagt Besson. Von Zeit zu Zeit brauche die Kino-Leuchtreklame ein paar frische Ideen, fügt er hinzu. „Sonst ist es, als ob man nie das Wasser im Aquarium austauscht.“

Nehmen die Amerikaner „Valerian“ an?

„Valerian“ spielt im 28. Jahrhundert in einem Universum, in dem das Rennen ins All nie aufgehört hat und sich Kolonien in den Galaxien ausgebreitet haben. Der Hauptschauplatz Alpha wirkt wie die Vereinten Nationen, eine Metropole, die bevölkert wird von Wesen, die aussehen wie Stammkunden der Mos Eisley Cantina aus „Star Wars“. DeHaan und Delevingne brillieren als zankende Verbrechensbekämpfer in dieser futuristischen Welt, Heimat von alternierenden Dimensionen, Aliens und eine Stripperin namens Bubble (gespielt von Rihanna).

Besson wurde mit nachdenklichen Thrillern wie „Nikita“ und „Léon – der Profi“ berühmt, die vor seinen Science-Fiction-Filmen in den 90er-Jahren entstanden. Der Regisseur hat zwar eine treue Fangemeinde, Kinoexperten sind jedoch skeptisch, ob „Valerian“ die Amerikaner in Scharen ins Kino lockt. Für einen Film dieser Größenordnung ist das aber notwendig. Bessons letzter Streifen „Lucy“ spielte weltweit 463 Mio. Dollar ein. EuropaCorp kann sich Fortsetzungen von „Valerian“ vorstellen, wenn der Film mehr als 350 Mio. Dollar einspielt, was zwar plausibel erscheint, aber keineswegs sicher ist.

Für EuopaCorp kommt das Timing für den Hochrisiko-Filmstart zu einem gefährlichen Zeitpunkt. Das Studio wies im vergangenen Monat einen Verlust von 119,9 Mio. Euro (136 Mio. Dollar) für das Geschäftsjahr 2017 aus. Obwohl das Unternehmen bereit ist, aus „Valerian“ ein Franchise-Geschäft zu machen, wollen sie auch ihren üblichen Projekte weiterverfolgen: Action-Thriller wie „Taken“ und das „Transporter“-Franchise, die weiterhin die Masse der EuropaCorp-Produktionen ausmachen sollen.

Bessons Lieblingsprojekt

Eine clevere Finanzierung begrenzt das „Valerian“-Risiko für die Firma. Um die 180 Mio. Dollar für den Film aufzutreiben, adaptierte Besson Finanzierungsstrukturen, die bei Independent-Produktionen üblich sind. Er glich die hohen Produktionskosten durch den Verkauf der Vertriebsrechte in mehr als 65 Ländern aus und holte ein Dutzend Geldgeber mit ins Boot. Durch dieses Finanzierungspatchwork musste EuropaCorp nur rund zehn Prozent des Budgets aufbringen. „Für die Kosten eines kleinen, bescheidenen Films [für EuropaCorp] konnte Luc die größte Produktion in der Geschichte Kontinentaleuropas realisieren“, sagt Shmuger.

„Valerian“ war seit Jahren das Lieblingsprojekt des Regisseurs. Besson sagt, er sei seit seiner Kindheit von dem Comic besessen gewesen. Der Blockbuster „Avatar“ aus dem Jahr 2009 mit seinen computergenerierten Na’vi, die neben menschlichen Schauspielern auftauchten, hätten ihn überzeugt, dass die Technik die Storyboards in seinem Kopf eingeholt habe.

Es wird erwartet, dass der Film außerhalb Amerikas besser performt. Vor allem die französischen Kinogänger sehen „Valerian“ erwartungsvoll entgegen. Zwischen 50 und 100 Mio. Dollar soll der Film Prognosen zufolge in Frankreich einspielen. Die bisherige Bestmarke für dieses Jahr liegt bei 33,3 Mio. Dollar, was in etwa den Einnahmen des ersten Tags eines Kinohits wie „Wonder Woman“ in den USA entspricht.

Steuerrabatte für „Valerian“

Frankreich war sehr um seinen Landsmann Besson bemüht: Sogar die Regeln für Steuergutschriften wurden geändert, nachdem der Regisseur gedroht hatte, den Film in Ungarn zu drehen. Steuerrabatte verringerten die Kosten um 30 Mio. Dollar. 

Besson sagt, er sei sich bewusst, dass es auf dem heutigen Markt schwer ist, das Publikum in Filme zu locken, deren Charaktere sie nicht kennen. „Ich hoffe nur, die Leute werden das Risiko eingehen“, sagt er.

Copyright The Wall Street Journal 2017