KolumneZu viele "abgekühlte" Aufsichtsräte

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Ob Allianz oder Fresenius, Bayer oder die Lufthansa: In vielen großen deutschen Konzernen stehen frühere Vorstandschefs an der Spitze des Aufsichtsrats. In seltenen Fällen wie Daimler kontrollieren auch normale Ex-Vorstände die Arbeit ihrer Nachfolger. Immerhin 13 von 30 Dax-Konzernen arbeiten mit dieser Art der Machtverteilung. In mindestens drei weiteren gibt es konkrete Überlegungen, ebenfalls einen ehemaligen Vorstands- zum Aufsichtsratschef zu machen. Damit wäre dann die magische Schwelle von 50 Prozent überschritten.

Fast wie ein Wunder wirken da die jüngsten Spekulationen über den früheren Adidas-Chef Herbert Hainer. Wenn eine entsprechende Meldung des „Manager Magazins“ stimmt, lehnt der überaus erfolgreiche Macher eine Berufung in den Aufsichtsrat seines Unternehmens ab. Vielleicht hat der erstaunlich jung wirkende 63jährige einfach noch zu viele andere schöne Dinge vor. Nicht ausschließen aber kann man auch die Variante, dass es bei der lancierten Meldung um einen kleinen Machtkampf mit seinem Nachfolger geht. Wie man es auch dreht und wendet: Viele Vorstandschefs sollten sich ein Vorbild an Hainer nehmen, wenn er tatsächlich auf ein Mandat in seinem Unternehmen verzichten sollte.

Natürlich gibt es in einzelnen Fällen durchaus gute Argumente, einen früheren Vorstand später an die Spitze des Aufsichtsrats zu holen. Das beste Beispiel dafür ist SAP, wo der Oberaufseher Hasso Plattner nach wie vor eine überragende Rolle als technologischer Antreiber spielt. Dass der ehemalige SAP-Chef auch das größte Aktienpaket des Unternehmens hält, liefert ebenfalls Argumente für diese Konstellation.

Abkühlungsphase für Ex-Spitzenmanager

Insgesamt gesehen aber ist die Zahl ehemaliger Vorstandschefs in deutschen Aufsichtsräten einfach zu hoch. Eigentlich hatten viele Experten eine ganz andere Entwicklung erwartet. Seit sieben Jahren gilt eine sogenannte Abkühlungsphase für ehemalige Spitzenmanager: Sie müssen mindestens zwei Jahre warten, bevor sie in den Aufsichtsrat ihres Unternehmens zurückkehren können. Nur durch einen Beschluss der Hauptversammlung kann diese Regel ausgesetzt werden. Bei VW ist das mit den Stimmen der Porsche-Piech-Sippe passiert. Aber in den meisten Fällen halten sich die Konzerne an diese Bestimmung des Corporate-Governance-Kodexes.

Viele Befürworter der zweijährigen Auszeit waren davon ausgegangen, dass viele ehemalige Vorstandsvorsitzende nicht warten und ganz auf den Wechsel in den Aufsichtsrat verzichten würden. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Sie sitzen nun „abgekühlt“ und ein bisschen älter als früher in den Aufsichtsräten. Viele Kritiker aber fragen zu Recht: Wieso können Unternehmen in diesen schnelllebigen Zeiten zwei lange Jahre auf die Expertise ihres ehemaligen Chefs oder Vorstands verzichten, müssen ihn danach aber doch noch unbedingt als Aufseher holen?

Eine Begründung dafür zu suchen, fällt nicht leicht. In Wahrheit sind es oft eher die persönlichen Ambitionen der Betroffenen, die zählen. Männer wie Wolfgang Reitzle bei Linde halten ihre Karriere erst dann für komplett, wenn sie nach der aktiven Managerzeit noch viele Jahre als eine Art Ober-Chef ihres Nachfolgers walten können. Gut für die Unternehmen ist das aber nicht.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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