KolumneDie überfällige Strategiewende bei VW

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Je mehr Marken und Modelle desto besser. Je mehr Umsatz umso höhere Profite. Mindestens 10 Millionen verkaufte Autos und die Welt ist in Ordnung. So kann man die Strategie zusammenfassen, die Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn dem VW-Konzern über lange Jahre immer wieder neu ins Stammbuch geschrieben haben. Nun schlägt der Wind in Wolfsburg offenbar um: VW-Chef Matthias Müller verriet dem „Wall Street Journal“ am letzten Freitag eine kleine Sensation: Der Vorstand bereite gegenwärtig den Verkauf von mehreren Konzernbereichen vor, die zusammen für ein Fünftel des gesamten Umsatzes sorgen.

Diese Strategiewende ist seit langem überfällig. Spätestens seit der Aufdeckung des Dieselbetrugs wissen wir: In seiner jetzigen Gestalt und Größe ist der VW-Konzern schlicht unregierbar geworden. Das Unternehmen muss kleiner werden, bevor es besser werden kann. Es muss die Zahl seiner Marken und technischen Plattformen reduzieren, um seine Profitabilität langfristig zu sichern und zu erhöhen. Es muss weniger auf den Umsatz achten als auf die Gewinne. Und es muss Schluss damit machen, alles von ganz oben administrieren zu wollen.

Erhebliche Widerstände gegen die neue Strategie

Die maßgeblichen Eigentümer des Konzerns – die Familien Porsche und Piëch – haben sich diesen Erkenntnissen bisher verschlossen. Man darf gespannt sein, ob sie die Wende wirklich mitmachen, die Müller jetzt verkündet. Schon vor seinem Interview gab es verschiedenste Gerüchte über eine Verschlankung des Konzerns – beispielsweise durch den Verkauf der Motorradmarke Ducati. Offenbar gibt es aber unter den wichtigen Entscheidern im Konzern erhebliche Widerstände gegen diese Strategie. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, die bei VW eine viel größere Rolle spielen als in allen vergleichbaren Konzernen, halten an der Devise fest: Je größer der Konzern, umso mehr Arbeitsplätze – und umso besser für den Betriebsrat und die IG Metall.

Ob Müller der große Wurf gelingt oder am Schluss doch nur ein paar kleinere Verkäufe bei seiner ganzen Aktion herausspringen, ist nicht ausgemacht. Bisher fällt der VW-Chef nicht durch besondere Reformfreudigkeit auf, auch wenn er in seinen öffentlichen Reden das genaue Gegenteil verkündet. Müller predigt seit seinem Amtsantritt einen radikalen Kulturwandel, in der Praxis ist davon jedoch wenig zu spüren.

Dabei könnte Müller durchaus mutiger sein: In seinem Alter muss der VW-Chef nichts mehr werden – und Kandidaten für seine Nachfolge gibt es eigentlich auch nicht. So gut wie alle, die theoretisch in Frage kamen, sind durch die Dieselaffäre beschädigt. Das gilt selbst für den Neuling Herbert Diess, der mit großen Erwartungen nach Wolfsburg gekommen war. Inzwischen glaubt wohl niemand mehr an einen weiteren Aufstieg des ehemaligen BMW-Vorstands, der zwar ein fähiger Manager ist, aber mit den mächtigen Betriebsräten bei VW über Kreuz liegt. Also richten sich am Ende alle Hoffnungen auf Müller – und seit seinem Interview im „Wall Street Journal“ erst recht.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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