KolumneUnredliche Argumente der Pro-China-Lobby

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn es um China geht, verhalten sich viele deutsche Konzerne so wie Charles Prince vor der großen Finanzkrise 2008. Der damalige Chef der Citi-Group setzte vor dem Zusammenbruch des Markts viel Geld auf hochspekulative Derivate und verteidigte sich mit einem häufig zitierten Spruch: „So lange die Musik spielt, müssen wir tanzen.“ Seine Bank brachte Prince damit an den Rand des Ruins.

In den letzten zwölf Monaten haben sich die politischen Beziehungen zwischen den USA und China massiv verschlechtert – und die Europäische Union (EU) zieht, wohl oder übel, schrittweise nach. Nichts spricht dafür, dass sich die zunehmende Verhärtung wieder auflöst. Auch nicht nach einem politischen Wechsel in den USA. Schuld daran ist China selbst. Präsident Xi Jinping reagiert immer aggressiver nach außen und immer repressiver nach innen. Viele deutsche Konzerne aber tun so, als ob in den letzten Monaten nichts passiert wäre. Gerade diejenigen Unternehmen, die schon jetzt stark vom chinesischen Markt abhängen, zeigen keine erhöhte Vorsicht. Das gilt vor allem für die beiden Branchen mit dem größten Engagement in der kommunistischen Volksrepublik: die Autoindustrie und die deutsche Chemie.

Die Argumente, die man aus dieser Ecke zu hören bekommt, sind sehr dünn. China sei nun einmal ihr größter Markt, deshalb gebe es nun einmal gar keine Alternative, als alles mitzumachen, was die Führung der KP Chinas von Investoren aus dem Ausland verlangt. Aber gehört es nicht zu den wichtigsten Aufgaben verantwortlicher Konzernchefs, Risiken fortlaufend neu zu bewerten und sich auf mögliche Krisen einzustellen statt sich einfach wie Charles Prince zu verhalten? Was tun BMW, Daimler, VW, BASF und andere, um sich auf das Risiko eines heftigen Einbruchs in China vorzubereiten? Offenbar nicht viel.

Manche Argumente der Pro-China-Lobby in der deutschen Wirtschaft entbehren jeder intellektuellen Redlichkeit. Der Chef des Chemiekonzerns Lanxess lieferte in der vergangenen Woche im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein schönes Beispiel dafür. Matthias Zachert ließ sich mit dem schönen Satz zitieren, man dürfe den Chinesen „keine Vorgaben“ machen. In Wahrheit beobachten wir unter Xi Jinping seit mehreren Jahren genau das Gegenteil: China macht aller Welt immer neue „Vorgaben“ und erzwingt politisches Wohlverhalten durch eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Jedes Land, jedes Unternehmen wird bestraft, wenn es sich nicht an die Forderungen aus Peking hält. Es genügt, irgendwo eine Taiwan-Fahne aufzuhängen, und schon hagelt es nur so „harte Maßnahmen“.

In Hongkong zeigt die KP Chinas, dass sie sich nicht an internationale Verträge hält. Warum sollten sich die Staatsbetriebe an Verträge halten, die sie mit westlichen Unternehmen abgeschlossen haben, wenn es hart auf hart kommt? China weicht nicht einmal davor zurück, Geiseln zu nehmen, wenn es den eigenen Machtinteressen dient – sowohl Menschen als auch Unternehmen. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Es kann nicht darum gehen, den Handel mit China in Frage zu stellen. Wohl aber müssen wir uns weniger erpressbar machen. Das gilt nicht nur für die europäischen Staaten, sondern auch für die europäischen Konzerne.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.