Exklusiv„Trump will die Wahrheit an sich loswerden“

Yale-Historiker Timothy SnyderMaximilian Virgili

Timothy Snyder, Historiker an der Universität Yale rechnet mit den populistischen Regierungen dieser Zeit ab. „Die populistischen Regierungen schaffen erfundene Katastrophen, für die sie erfundene Lösungen präsentieren“, sagte Snyder im Capital-Interview (Ausgabe 3/2019, EVT 21. Februar). „Die USA sind in dieser Hinsicht schon weiter fortgeschritten als Deutschland und Russland noch weiter als die USA“, so Snyder weiter.

Die neue Capital erscheint am 21. Februar
Die neue Capital erscheint am 21. Februar

Eindeutig sei, dass die Regierung nichts für ihre Bürger tue, sondern ein Spektakel nach dem anderen kreiere. Als gutes Beispiel führt der Yale-Professor den Streit um die Mauer in Mexiko an: „Es wird niemals eine Mauer geben, und in Wirklichkeit ist es auch allen herzlich egal.“

US-Präsident Trump gehöre zu denen, „die die Wahrheit an sich loswerden wollen“. Es klinge, als hätte diese Idee eine befreiende Wirkung, doch es ist eine „furchtbare, autoritäre Idee“. Wenn es keine Wahrheit gibt, dann funktioniert auch Pluralismus nicht. „Wir brauchen ein Ethos der Wahrheit. Derzeit haben wir ein Vakuum, das erst vom Fernsehen und jetzt von Facebook gefüllt wird.“ Deshalb gelange heute „derjenige an die Macht, der Emotionen am besten manipulieren“ könne.

Große Sorgen bereitet Snyder die Entwicklung in Russland. „Weil Russland keine Zukunft hat, muss es uns die Zukunft nehmen“, sagte er Capital. Da es der russischen Führung nicht gelänge, ein Land zu schaffen, in dem Menschen wirklich leben wollen, ist die Wirklichkeit auch deren größte Schwachstelle.