US-WahlTrump tut alles für seine eigene Niederlage

US-Präsident Donald Trump könnte in den letzten Monaten vor der Präsidentschaftswahl seine Chancen auf den Sieg verspielen
US-Präsident Donald Trump könnte in den letzten Monaten vor der Präsidentschaftswahl seine Chancen auf den Sieg verspielenimago images / MediaPunch

Donald Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 hat die meisten Menschen überrascht – auch ihn selbst. Es galt seitdem als ausgemacht, dass er wieder gewinnen würde. Aber es gibt einen Moment, an dem aus der Haltung ,gebranntes Kind scheut das Feuer‘ eine intellektuelle Abdankung wird.

Die meisten Zahlen, einschließlich der Umfragen der Trump-Kampagne, zeigen, dass er im November auf eine Niederlage zusteuert. Der gesunde Menschenverstand weist in die gleiche Richtung. Es war das eine, gegen Hillary Clinton – damals Amerikas polarisierendste Figur – zu gewinnen. Das andere wäre es für ihn, den allgemein beliebten Joe Biden zu schlagen, der Präsident spaltet die Naton längst stärker als Clinton es getan hat.

Trumps schwindende Chancen lassen sich auch an seiner zunehmenden Panik ablesen. Das einfachste Maß sind seine Tweets, die er jetzt im Durchschnitt viermal so häufig pro Tag wie in seinem ersten Amtsjahr und fast dreimal so häufig wie im zweiten Jahr absetzt. Zweimal in diesem Jahr, einschließlich am Muttertag, postete Trump mehr als hundert Tweets, während der Großteil Amerikas schlief.

Falsche Behauptungen

Obwohl es kaum möglich schien, hat er auch inhaltlich nachgelassen. Zu den jüngsten Tiefpunkten gehört die wiederkehrende Behauptung, dass Joe Scarborough, der Co-Moderator der MSNBC-Sendung „Morning Joe“, im Jahr 2001 einen Mitarbeiter ermordet habe. Selbst Pro-Trump-Publikationen fühlten sich verpflichtet, diese karikierend böse Behauptung zurückzuweisen.

Doch am meisten reitet Trump darauf herum – in den sozialen Medien aber auch außerhalb – dass seine Gegner versuchten, ihm die Wahl im November zu stehlen. Das verdient eine genauere Betrachtung. Ich kann in keinem Land, auch nicht in den USA, ein Beispiel dafür finden, dass ein gewählter Regierungschef behauptet, sein eigenes System sei gegen ihn gerichtet.

Sicher ist, Trump hat diesen Vorwurf als Außenseiter im Jahr 2016 erhoben, weil er von einer Niederlage ausging. Nach seinem Amtsantritt leitete er eine Untersuchung ein, um seine Behauptung zu belegen, dass Millionen illegaler Einwanderer gegen ihn gestimmt hätten. Die Untersuchung verlief im Sande und wurde 2018 eingestellt.

Trump will eine niedrige Wahlbeteiligung

Fast ebenso schwierig ist es, Beispiele für führende Politiker zu finden, die versuchen, die Wahlbeteiligung zu senken. Das ist aber Trumps Ziel für November und zeigt, dass er der Abstimmung pessimistisch entgegensieht. Es gibt keine Belege dafür, dass Briefwahl den Demokraten nützen würde – aber einige, die zeigen, dass sie den Republikanern geholfen hat. Dennoch tut Trump alles was er kann, um den abwesenden Wählern das Leben schwerer zu machen.

In einem normalen Jahr wäre das schon verblüffend genug. In einer Pandemie zeigt es die Absicht, Wählerstimmen zu unterdrücken. Wahllokale gelten als überfüllte Orte, was viele daran hindern wird, ihre Stimme abzugeben. Nicht ohne Grund geht Trump davon aus, dass die demokratische Wählerschaft sich mehr Sorgen um den Erreger machen wird als die Anhänger der Republikaner.

Es gibt jedoch untrügliche Anzeichen dafür, dass Trumps Pandemiebilanz gerade ältere Wähler abschrecken. Ende Februar hatte der US-Präsident unter den über 65-jährigen Wählern einen zweistelligen Vorsprung vor Joe Biden. Umfragen aus der letzten Zeit zeigen dagegen, dass nun Biden zehn Punkte Vorsprung hat.
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Nach Maßstäben der Wahlforschung ist das eine tektonische Verschiebung. Es erklärt, warum in Florida, wo viele Rentner leben und wo Trump seinen Hauptwohnsitz hat, Joe Biden im Durchschnitt der Umfragen mit vier Punkten vorne liegt. Das gleiche gilt für Arizona. Biden hat in Michigan und Pennsylvania einen klaren und in Wisconsin einen knappen Vorsprung – die drei Staaten, die bei der Wahl von 2016 den Ausschlag gaben. Sogar in den tief republikanischen Staaten Georgia und Texas ist Biden Trump auf den Fersen. Würden sich solche Zahlen bis November halten, droht Trump eine Erdrutsch-Niederlage.

Joe Biden lässt kein Fettnäpfchen aus

Zwei Umstände könnten das noch verhindern. Der erste ist Joe Biden. Die Wahl im November wird ein Referendum über Donald Trump sein. Alles, was Biden tun muss, ist, den US-Präsidenten nicht zu unterbrechen, während er seine eigene Niederlage vorantreibt. Das ist allerdings nicht so einfach, wie es sich anhört. Denn Biden tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste. Bisher spielte ihm das Coronavirus in die Karten, weil es seine Wahlkampfauftritte unterband.

Auch die Wahl seiner Vizekandidatin könnte sich als schwierig erweisen. Wenn er sich für eine Politikerin der Mitte wie Amy Klobuchar entscheidet, könnte der Elan der Parteibasis erlahmen. Wählt er eine linksgerichtete Kandidatin wie Elizabeth Warren, könnte er die Wähler aus den Vorstädten verprellen.

Der zweite Umstand wäre eine rasante wirtschaftliche Erholung. Das ist es, was Donald Trump zu erreichen versucht, indem er auf ein Ende der Kontaktbeschränkungen drängt. Er droht auch damit, seinen Nominierungskongress von North Carolina in einen anderen Bundesstaat zu verlegen, es sei denn, der Gouverneur stimmt einer normalen (dicht gedrängten) Veranstaltung zu.

Hier liegt Trumps unlösbares Dilemma. Ein kurzfristiger Rückschlag würde die im Ruhestand befindlichen Amerikaner am meisten gefährden. Die Senioren haben Trump ins Amt geholfen. Ihre Sicherheit jetzt zu gefährden, ist eine seltsame Art, sich zu revanchieren.

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