Covid-19Hinter den Kulissen von Trumps Corona-Debakel

Besuch des amerikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention: Präsident Donald Trump spricht zur Presse.
Besuch des amerikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention: Präsident Donald Trump spricht zur Presse.imago images / ZUMA Wire / Shealah Craighead / White House

Wenn die Geschichtsbücher darüber geschrieben werden, wie Amerika mit der ersten wirklichen Pandemie im globalen Zeitalter umgegangen ist, wird der 6. März ein denkwürdiger Tag sein. Es ist der Tag, an dem Donald Trump das US-Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention (CDC) in Atlanta besuchte. Seine Stippvisite bei den weltbesten Forschern der Gesundheitsbehörde sollte demonstrieren, dass Amerika alles unter Kontrolle hat. Trumps Besuch lag irgendwo in der Mitte der Zeit, als er noch leugnete, dass das Coronavirus eine Bedrohung darstelle, und dem Moment, wo er stets gewusst haben wollte, dass es in Amerika grassieren würde.

„In ein paar Tagen [werden die Infektionen] auf nahezu Null zurückgehen“, sagte Trump kurz vor dem CDC-Besuch. Die USA hatten damals 15 bestätigte Fälle. „Eines Tages, es ist wie ein Wunder, wird es verschwinden.“ Wenige Tage später behauptete er: „Mir war klar, es würde eine Pandemie, lange bevor man es Pandemie nannte.“ Dieser Nachmittag im CDC liefert eine Momentaufnahme von Trumps Haltung auf halber Strecke zwischen Verleugnung und Akzeptanz.

Wir wissen heute, dass Covid-19 zu der Zeit bereits ausgebrochen war. Das Virus hatte sich seit Wochen in New York, im Bundesstaat Washington und in anderen Clustern ausgebreitet. Die Infektionskurve zeigte steil nach oben. Trumps Ziel in Atlanta war es, das Gegenteil zu behaupten.

Der US-Präsident trug seine „Keep America Great“-Baseballmütze und wurde von CDC-Chef Robert Redfield, Gesundheitsminister Alex Azar und Georgias Gouverneur Brian Kemp begleitet. In seiner 47-minütigen Begegnung mit der Presse rasselte Trump seine Hitparade herunter.

Er brandmarkte den Sender CNN als „Fake News“, prahlte mit seiner Einschaltquote bei Fox News, zitierte die jüngsten Höchststände der Wall Street, nannte den demokratischen Gouverneur des Bundesstaates Washington eine „Schlange“ und räumte sein Unwissen darüber ein, dass eine Vielzahl von Menschen an einer gewöhnlichen Grippe sterben kann. Er missverstand auch eine Frage, ob er Wahlkampfereignisse aus Rücksicht auf die öffentliche Gesundheit nicht besser absagen sollte: „Ich habe keine Probleme, [die Stadien] zu füllen.“

In den Medien wurden vor allem zwei Kommentare über die Seuche aufgegriffen. Binnen einer Woche würden vier Millionen Testkits zur Verfügung stehen. „Die Tests sind wunderbar“, sagte er. „Jeder, der einen Test braucht, bekommt einen Test.“ Zehn Wochen später ist das nicht annähernd der Fall. Bis Mitte Mai waren weniger als drei Prozent der US-Amerikaner getestet.

Trump prahlte auch mit seinem wissenschaftlichen Verständnis. Er habe diesen „supergenialen“ Onkel John Trump, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehre, und suggerierte, er habe seinen Intellekt geerbt. „Ich verstehe es wirklich“, sagte er. „Jeder dieser Ärzte fragt: Woher wissen Sie so viel darüber? Vielleicht habe ich eine natürliche Fähigkeit.“ Historiker werden auch an dieser Beobachtung hängen bleiben.

Amerika bleibt Nummer eins

Was es nicht in die Schlagzeilen schaffte, war eine Prahlerei, die die Nachwelt noch ernster nehmen wird als Trumps gefühlten IQ oder die überzogene Testkapazität (die wahre Zahl der CDC-Kits betrug im März 75.000). Trump verkündete, Amerika sei weltweit führend. Südkorea, das seine erste Infektion am 20. Januar meldete – am selben Tag wie die USA – , rufe Amerika um Hilfe, sagte der Präsident. „Sie haben viele Infizierte; wir nicht.“ Und er fügte hinzu: „Ich sage nur: Bleiben Sie ruhig.“… „Alle verlassen sich auf uns. Die Welt verlässt sich auf uns.“

„Amerika führt bei den Todesfällen, bei den weltweiten Infektionen, und wir steigen zum Sinnbild globaler Inkompetenz auf“

William Burns

Genauso gut hätte er sagen können, dass Baseball beliebt ist, oder Ausländer New York lieben. Seit Jahrzehnten ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Amerika die Führung in jedem Katastrophenfall übernimmt – sei es ein Tsunami oder ein Ebola-Ausbruch. Es gehört zu Amerikas Ruf, dass es anderen in einer Notsituation beisteht.

Rückblickend sticht Trumps Anspruch auf eine globale Führungsrolle heraus. Covid-19 wird als erste Heimsuchung in die Geschichte eingehen, wo dies nicht mehr zutrifft. Es gab keine US-Lufttransporte von Schutzausrüstung. Amerika kann sich nicht einmal selbst versorgen.

Südkorea hat in unmittelbarer Nachbarschaft zu China und mit einer 15-mal höheren Bevölkerungsdichte insgesamt 259 Sterbefälle zu beklagen. An manchen Tagen verlor Amerika zehnmal so viele Menschenleben. Die Zahl der Toten läuft in den USA derzeit auf 90.000 zu.

Was ist da schiefgelaufen? Ich habe mit Dutzenden Personen gesprochen, darunter Außenseiter, die Trump regelmäßig konsultiert, ehemalige Spitzenberater, Beamte der Weltgesundheitsorganisation, führende Wissenschaftler und Diplomaten sowie Persönlichkeiten im Weißen Haus. Einige wollten nicht zitiert werden.

Was sich herauskristallisiert, ist die Geschichte eines Präsidenten, der die dringlicher werdenden Geheimdienstwarnungen vom Januar ignorierte, der jeden abprallen lässt, der behauptet, mehr zu wissen als er, und der keinem traut außer einem winzigen Kreis, der von seiner Tochter Ivanka und deren Ehemann Jared Kushner angeführt wird – dem Immobilienentwickler, dem Trump zudem gestattete, die bestfinanzierte Katastrophenschutzverwaltung der Welt an den Rand zu drängen.

In den ersten drei Amtsjahren hat Trump noch keine Krise meistern müssen. Covid-19 ist jedoch viel mehr als ein Test. „Schmerzlicher als alles andere hat Trumps Umgang mit der Pandemie im In- und Ausland die Bedeutung von America First offenbart“, sagt William Burns, einst ranghöchster US-Diplomat und heute Leiter der Carnegie-Stiftung. „Amerika führt bei den Todesfällen, bei den weltweiten Infektionen, und wir steigen zum Sinnbild globaler Inkompetenz auf. Der Schaden, den Einfluss und Ruf Amerikas nehmen, wird sehr schwer wieder gutzumachen sein.“