ReportageTorschlusspanik am Nord-Ostsee-Kanal

Schiffe auf dem Nord-Ostseekanal
Schiffe auf dem Nord-Ostsee-Kanal: Die Fahrt spart Zeit und Geld
© Rüdiger Nehmzow

Es ist der Duft von schwerer Technik, der einem entgegenschlägt. Von reichlich Schmieröl und Kettenfett, von mächtigem Stahl und etwas Deckenholz. „Wenn Besuchergruppen älterer Ingenieure in diesen Raum hereinkommen, sind die immer begeistert von dem Geruch“, erzählt Thomas Fischer vom Wasser- und Schifffahrtsamt an der Schleuse in Brunsbüttel.

In dem Maschinenpavillon aus der Kaiserzeit arbeitet der Elektromotor, der über eine gewaltige Kette eines der Schiebetore der Anlage bewegt. Alles wird sorgsam in Schuss gehalten, ein altes Blecheimerchen von der Größe eines Marmeladentopfs fängt Öltropfen auf. Durch das Fenster geht der Blick weit hinaus auf die Elbmündung und die Nordsee, wo die ganz großen Pötte von und nach Hamburg vorbeiziehen. Und wo die mittelgroßen oft einbiegen, um die Abkürzung zur Ostsee zu nehmen.

Die beiden Schleusenpaare in Brunsbüttel – und die beiden anderen gut 100 Kilometer weiter nordöstlich in Kiel – sind die Pforten des Nord-Ostsee-Kanals. Der einst in einem technischen Kraftakt ausgeschaufelte Querweg durch Schleswig-Holstein macht den Verkehr zwischen Nordeuropas Meeren schneller, billiger und sicherer. Der Kanal ist die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt und spart Kapitänen einen Umweg von mindestens 340 Kilometer durch Skagerrak und Kattegat. Das ist den Reedern pro Durchfahrt bis zu 5729 Euro an Kanalgebühren, Lotsen- und Kanalsteurergeld wert.

Antrieb aus den 30er-Jahren

Schon kurz nach der Eröffnung 1895 reichten die jeweils zwei Schleusen an den Kanaleingängen nicht mehr für den Verkehr. Größere Kammernpaare wurden danebengebaut. 2014 werden sie 100 Jahre alt.

Das Problem ist, dass ihre Technik immer öfter streikt. Nicht weil die tschechischen Elektroantriebe aus den späten 30er-Jahren schlapp ­machen würden. Sondern weil die Schienenführung der Tore, tief unten auf dem Schleusenboden, völlig verbogen und zerbröselt ist. Um die 1500 Tonnen­ wiegt so ein Schiebetor, etwa so viel wie 18 Intercity-Loks. „Wenn da was hoppelt, schlägt das durch auf die ganze Anlage“, erklärt Thomas Fischer.

Karte des Nord-Ostsee-Kanals
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Am 7. März 2013 hat es wieder mal zu heftig gehoppelt: Beide großen Schleusen in Brunsbüttel fielen aus, der Nord-Ostsee-Kanal, den die Seeleute nur kurz Kiel-Kanal nennen, war zum ersten Mal in seiner Geschichte komplett havariert. Über eine Woche lang war der Verkehr gesperrt. Hunderte Schiffe mussten warten oder Kurs nehmen auf die Nordspitze Dänemarks.

Spätestens seit diesem Super-GAU ist der Kanal ein nationales Politikum. Von „Scham“ über die historische Blamage hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig gesprochen.

Die große Klemme von Brunsbüttel ist das bislang drastischste Beispiel dafür, wie die Infrastruktur der Republik auf Verschleiß gefahren wird. Wie Instandhaltung und Grundsanierung immer weiter aufgeschoben werden – bis am Ende gar nichts mehr geht.