GastkommentarStunde der Wahrheit für Griechenland

Alexis Tsipras
Auf ihn kommt es an: Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat den Gläubigern eine neue Reformliste übermittelt – Foto: Getty Images

Carsten Klude ist Chefvolkswirt der Privatbank M.M. Warburg


Seit Wochen dreht sich alles um dieses eine Thema: Bleibt Griechenland Mitglied der Eurozone oder nicht? Mittlerweile sind eine Vielzahl von „roten Linien“ und „letzten Fristen“ verstrichen, ohne dass bislang eine Entscheidung gefallen ist. Nun heißt es, dass der nächste Sonntag der wirklich „allerletzte“ Termin sein wird, an dem sich das Schicksal der Hellenen entscheiden wird.

Dass die griechische Regierung sowohl willens als auch in der Lage ist einen Hilfsantrag zu stellen, der den Bedingungen der Gläubiger soweit entgegenkommt, dass diese neue Kredite gewähren, ist unseres Erachtens immer noch unwahrscheinlich. Zudem ist bis jetzt gar nicht klar, über wie viel Geld man wirklich spricht. Der IWF schätzt, dass Griechenland allein bis 2018 einen Finanzbedarf von rund 50 Mrd. Euro hat; hinzu kommen könnte ein Betrag in ähnlicher Größenordnung, um die griechischen Banken zu rekapitalisieren.

Doch reicht es aus, Griechenland neue Kredite zu gewähren? Es dürfte inzwischen jedem klar sein, dass es nicht mehr darum geht, nur eine kurzfristige Durststrecke zu überwinden, sondern dass ein Konzept gefragt ist, das Griechenland dauerhaft hilft, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Wachstum ist kein Garant für solides Haushalten

Neues Geld in Verbindung mit einem erneuten Schuldenschnitt kann aber allein nicht die Lösung sein. Immerhin liegt der letzte Schuldenschnitt erst gerade einmal drei Jahre zurück. Doch trotz des „freiwilligen“ Forderungsverzichtes der privaten Gläubiger ist die Schuldenquote, also das Verhältnis der Schulden zur eigenen Wirtschaftsleistung, wegen der anhaltenden Rezession in dieser Zeit von 170 auf 180 Prozent angestiegen.

Deswegen ist es genauso wichtig, dass das Land mit Hilfe von Reformen wieder zu mehr Wachstum zurückfindet. Aber die griechische Vergangenheit zeigt leider auch, dass selbst in Phasen mit einem starken Wirtschaftswachstum die Staatsschulden nicht gesunken sind sondern zugenommen haben. Betrachtet man beispielsweise den Zeitraum von 1998 bis zum Jahr 2007, so ist die griechische Wirtschaft in diesem Zeitraum im Durchschnitt nominal um mehr als sieben Prozent pro Jahr gewachsen. Gleichzeitig haben sich die Zinsen für eine 10-jährige Staatsanleihe auf vier Prozent halbiert. Bessere Voraussetzungen für eine Verringerung der Schulden(quote) kann es eigentlich nicht geben.

Doch während andere Länder in Europa mit vergleichbaren Voraussetzungen, wie Irland, Spanien und Italien, es geschafft haben, ihre Schuldenquoten zu reduzieren, ist sie in Griechenland angestiegen. Das zeigt: Auch Wachstum ist kein Garant für solides Haushalten!

komplettes Staats- und Politikversagen

Was bedeutet das? Eine mögliche politische Entscheidung der EU-Länder am kommenden Sonntag, Griechenland vor dem Zusammenbruch zu bewahren, wird kontinuierliche Zuwendungen in Form von Subventionen und Umschuldungen nach sich ziehen. Damit übernehmen die Bürger der Eurozone als Steuerzahler die Haftung für die Konsequenzen einer gescheiterten griechischen Politik. Die Währungsunion würde sich in eine Transferunion verwandeln.

Käme es hingegen zum „Grexit“ würde sich das ökonomische Desaster des Landes noch weiter verschlimmern. Würde Griechenland aus der Eurozone ausscheiden, besteht das Risiko, dass das Land auf einen Zustand zusteuert, den man als „failed state“ bezeichnet und der sich durch eine fehlende operative Fähigkeit und Bereitschaft auszeichnet, seine Probleme selbst wieder in den Griff zu bekommen. Genau hierin liegt das Hauptproblem: In Griechenland ist ein dauerhaftes und komplettes Staats- und Politikversagen festzustellen. Insofern mutet es ein wenig naiv an, wenn einige Politiker und Ökonomen die These vertreten, man müsse Griechenland nur seine Schulden erlassen und vom Austeritätskurs abrücken, und schon wären alle Probleme gelöst.

Griechenland muss sich selbst helfen

Unser Fazit: Egal, welche Entscheidung am Sonntag getroffen wird, ob Griechenland also mit neuen Hilfsgeldern Mitglied der Eurozone bleibt oder ob es zum „Grexit“ kommt: Die Probleme des Landes werden damit nicht gelöst sein. Gibt es neue Kredite, dürften die Anreize, die damit verbundenen Bedingungen zu erfüllen, wie schon in der Vergangenheit gering sein. Im Falle eines “Grexits“ müsste das Land ebenfalls weiterhin finanziell von Europa unterstützt werden, um die Konsequenzen des damit verbundenen wirtschaftlichen Absturzes zumindest etwas abzumildern.

Letztendlich dürfte diese Variante zunächst kaum weniger Geld kosten. Dennoch bestünde zumindest die Hoffnung, dass sich das Land langfristig wirtschaftlich erholen kann. Allen Beteiligten sollte klar sein: Griechenland muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und für die zwingend notwendigen Veränderungen im eigenen Land sorgen. Hilfe von außen kann die Situation im Land nur vorübergehend stabilisieren.