KolumneStraßenkampf

Ines Zöttl
Ines Zöttl schreibt an dieser Stelle über internationale Wirtschafts- und Politikthemen.
© Trevor Good

„Strassensheriff“ wollte Heinrich Strößenreuther seine App nennen, die Autofahrern die Lust am Parken auf Rad- oder Gehwegen nehmen sollte: „Ein Klick, eine Anzeige“. Der genervte Biker tritt neben dem Hindernis kurz in die Bremse, hält das Smartphone drauf und schon hat das Ordnungsamt ein Foto und einen Bußgeldzahler mehr. Am Ende traute sich Strößenreuther nicht, zum Denunzianten im ADAC-Reich zu werden. Nun heißt seine Android-App harmlos „Wegeheld“ und versucht sich in einer Art öffentlichem „ shaming“ der Autosünder auf einer Google-Karte, allerdings ohne deren Nummernschild preiszugeben.

Zwischen Rad- und Autofahrern tobt die Schlacht um großmöglichen Mobilitätsgewinn. Und wie bei jedem guten Krieg ist für Bewegung und Drama gesorgt: Geländegewinne der Autofahrer nachts, wenn alle Fahrräder grau sind. Sommer-Frühoffensiven der Radler, bei denen der Gegner ungeachtet seiner technischen Überlegenheit durch pure Masse überrollt wird.

Der Krieg ist real und ideologisch

Besonders an Sonntagen gelingt es der einen oder anderen Seite, Spione ins gegnerische Lager einzuschleusen. Der Wert der erbeuteten Informationen ist allerdings fraglich, weil es bei solchen Seitenwechseln regelmäßig zu zeitweiligen Bewusstseinsveränderungen kommt: Mehrfach wurden absolut linientreue Autofahrer beobachtet, wie sie vom Mountainbike aus einem flotten Porsche ein leidenschaftliches „Du Arsch“ hinterher schrien. Das massenhafte Auftauchen von braun- oder gelb lackierten Bunkern an den Straßenrändern zu jeder Tageszeit hat die Frontverläufe zusätzlich kompliziert.

Der Krieg ist real und ideologisch. Jeden Tag wird der Kampf ums Terrain aufs Neue ausgefochten. Aber es geht auch um eine Grundsatzfrage: Wem gehört der Raum zwischen den Gehwegen? Dem Fahrrad, dem SUV oder dem Lieferwagen? Eines nämlich ist unbestreitbar: Für alle drei ist in deutschen Städten und Dörfern kein Platz.

Kein Segment im Automarkt wächst so rasant wie das der SUV. 485.000 davon wurden 2013 verkauft – damit ist eine Million Parkplätze verloren. Viele Straßen sind zu schmal für ein friedliches Nebeneinander von Zwei- und Vierrädern. Jedenfalls bis der Lieferverkehr den Verkehr vielerorts zum Erliegen bringt. Also täglich zwischen 8.30 und 9 Uhr und zwischen 9 und 18 Uhr. Aus 89.000 Fahrzeugen besteht allein die DHL-Flotte. „Durch das Wachstum unseres Geschäfts wächst auch unser Fuhrpark kontinuierlich“ droht das Unternehmen seinen Gegnern.