ReportageLondon has fallen

Der junge Vize-Pastor steht vor seiner Gemeinde. Würde man ihm draußen begegnen, man würde Matt Dew-Jones für einen von ihnen halten. Für einen der vielen Tausend Banker von Canary Wharf, die an diesem Mittag aus den in der Sonne funkelnden Hochhaustürmen des Finanzdistrikts strömen, um sich ein Sandwich zu holen. Dew-Jones trägt eine dunkelblaue Anzughose mit Bügelfalte, dazu ein offenes, hellblaues Hemd, an dem er das winzige Bluetooth-Mikrofon befestigt hat. „Was hat der Brexit mit dem christlichen Glauben zu tun?“, fragt der Pastor und lässt den Blick über die Anwesenden schweifen. Dann gibt er selbst die Antwort: „Was wir am nötigsten brauchen, ist eine Perspektive.“

Es ist Tag fünf nach dem Ereignis, das Großbritannien und ganz Europa erschüttert hat: Die Briten haben für den Austritt aus der EU gestimmt. Das Land ist seitdem in eine Art Schockstarre verfallen, unterbrochen von politischen Eruptionen, die offenbaren, dass niemand, auch die „Brexiteers“ nicht, einen Plan hatte, wie es nun weitergehen soll. Weil niemand ernstlich mit einem solchen Ergebnis des Referendums gerechnet hatte.

Schon gar nicht hier, im Osten von London, wo sich die internationalen Großbanken klumpen und wo man supranational denkt. Hier berechnet sich der Nutzen der EU nicht in emotionalen Einheiten der Brüssel-Phobie, sondern in Pfund Sterling. Und im Saldo halten die meisten hier die Mitgliedschaft für ein lohnendes Geschäft.

Und so geht seit dem Morgen des 24. Juni in der City die Angst um: dass sie den Preis für einen Brexit zahlen wird, den sie nicht wollte. Dass das Königreich seine Funktion als Sprungbrett amerikanischer Konzerne in den EU-Markt verliert. Dass die Finanzindustrie vom Talentpool der Welt abgeschnitten wird. Dass Investoren ihre Transaktionen künftig lieber innerhalb der EU abwickeln. Kurz: dass Gewinne, Zentralen und Jobs abwandern.

Subway-Station Canary Wharf
Subway-Station Canary Wharf
© Getty Images

Auf den Rolltreppen der U-Bahn-Station Canary Wharf, die jeden Morgen Zehntausende Pendler nach oben befördern, wird Englisch, Italienisch, Französisch, Polnisch oder Deutsch gesprochen. Aber ein Wort ist in jeder Sprache dasselbe: Brexit.

„Ich verstehe die Entscheidung nicht. Meine Frau ist Französin“, sagt kopfschüttelnd einer von denen, die sich zur Mittagslesung in St Peter’s Barge versammelt haben, „Londons schwimmender Kirche“ in den Docklands. Wie ein Spielzeugschiff liegt das kleine Boot Gottes fest vertäut am Kai, im Schatten der Kathedralen des Kapitals: der Zentralen von HSBC, Citibank, JP Morgan, Credit Suisse. Unter Deck sitzen 30 Männer und Frauen, vor sich Exemplare der „Holy Bible – English Standard Version“. Er arbeite bei einer Schweizer Bank „in der Rechtsabteilung, die bei der Umsetzung der EU-Regulierung berät“, erzählt der Jurist. Fürchtet er um seinen Job, wenn Großbritannien den Binnenmarkt verlässt? Die Banken, unterbricht sein Sitznachbar und Kollege zynisch, „bauen doch eh ständig ab. Nur dass sie das nicht ‚verkleinern‘ nennen, sondern ‚auf die richtige Größe bringen‘.“

Wenn das weltweite „Kasino“ des Finanzkapitalismus eine Heimat hat, dann ist sie hier. Canary Wharf würde ohne den Aufstieg der britischen Finanzindustrie nicht existieren. 1991 zogen die ersten ausländischen Banken in das Hafenviertel, an dessen Kais einst die Schiffe des Empire ihre Fracht gelöscht hatten, später aber nur noch die leeren Lagerhäuser verrotteten.

Liberalisierte Finanzmärkte

Die „Square Mile“, die traditionelle Quadratmeile der ehrwürdigen City of London, war der nach Margaret Thatchers Liberalisierung boomenden Finanzbranche einfach zu eng geworden. Heute arbeiten in den schnieken Wolkenkratzern der Docklands mehr als 110 000 Menschen. Wenn sie etwas brauchen, dann bekommen sie es fußläufig in den Läden, Cafés und Restaurants, die dem Geld gen Osten gefolgt sind. Der Herrenausstatter Boss hat hier genauso eine Niederlassung wie der Juwelier Tiffany und der Luxusimmobilienmakler Knight Frank.

Doch der Erfolg hat eine gefährliche Kehrseite. Das Wohlergehen der zweitgrößten EU-Wirtschaftsnation hängt am Faden der Finanzindustrie. Sie steuert zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Und, fast noch wichtiger für eine Volkswirtschaft, die unter einem chronischen Leistungsbilanzdefizit leidet: Banken und ihre Dienstleister erzielen Jahr für Jahr einen Exportüberschuss, der größer ist als das Handelsplus der übrigen exportierenden Branchen zusammen.

Viele Konkurrenten würden liebend gerne einen Zacken aus der Krone des europäischen Finanzplatzes Nummer eins brechen. Er werde Bankern „den roten Teppich ausrollen“, versprach der Pariser Vizebürgermeister Jean-Louis Missika. Bayerns umtriebiger Finanzminister Markus Söder schlug eilends vor, die Europäische Bankenaufsicht (EBA) nach München zu holen. Auch Frankfurt steht allzeit bereit.

Britische Wirtschaftssektoren mit Handelsüberschuss
Quellen: ONS, The City UK

„Never waste a good crisis“, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer der Standortinitiative Frankfurt Main Finance, in flüssigem Englisch. Der 56-Jährige kämpft seit Jahren mehr oder weniger vergeblich darum, seiner Stadt in der globalen Community ein besseres Image zu verschaffen. Nun hat er seine Anstrengungen noch einmal verdoppelt. Mindestens 10 000 zusätzliche Jobs sollten mit dem Brexit für Frankfurt in den nächsten fünf Jahren schon drin sein, so Väth. „Wir gehen zielgerichtet vor.“ Auf seiner To-do-Liste stehen neben der Abwerbung der EBA die institutionellen Vermögensverwalter und das Euroclearing, also die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen. Bisher sitzt der Marktführer bei Zinsderivaten in London: LCH Clearnet. Väth hat bei seinem Beutezug über den Kanal einen mächtigen Verbündeten: Auch die Europäische Zentralbank (EZB) möchte die Eurotransaktionen in den Währungsraum holen. Bislang ist sie damit an einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs gescheitert, das dem EU- Staat Großbritannien recht gab.

Nun werden die Karten neu gemischt – auch für die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE). Deutsche Politiker verlangen, dass bei einem Brexit die Zentrale des neuen Börsengiganten am Main statt an der Themse liegen müsse. Zumindest eine Doppelholding könnte als Kompromiss herauskommen.

Die Schlacht ist eröffnet, das wissen auch die geladenen Gäste, die am Tag sechs der Brexit-Zeitrechnung Ende Juni ins Foyer der Nomura-Bank strömen. Es ist die Jahrestagung von The City UK, des mächtigen Lobbyverbands der britischen Banker, Fondsmanager und sonstigen Gelddienstleister.

Am Eingang liegt die Broschüre, in der sich die Branche zur eigenen „überlebenswichtigen Rolle für den Wohlstand des Landes“ selbst gratuliert – sie war schon im Druck, als die britische Wirtschaft in der Nacht zu Freitag „ein exogener Schock“ traf, wie es der Chairman von The City UK und der britischen Barclays-Bank, John McFarlane, wenig später formuliert. Das Infomaterial bleibt diesmal so unbeachtet wie die sich auf den Tischen türmenden Häppchen mit Lachs und Frischkäse und Roastbeef und Senf. Die Experten haben genug an den Nachrichten des Tages zu kauen. Die Aktienmärkte taumeln, das Pfund fällt, die Immobilienpreise zucken. Es gibt nun ein Davor und ein Danach: Mit 1,59 Mio. Pfund hatte der Verkäufer einer Drei-Zimmer-Wohnung in Notting Hill im Februar sein Objekt in den Markt gegeben. Am Freitag nach dem Referendum senkte er den Preis auf 1,35 Mio. Pfund.

Finanzplätze der Welt
Quelle: The City UK, basierend auf Citi, Oliver Wyman und Z/Yen

Die Chefs beschwichtigen

Kaum irgendwo auf der Welt hat sich der Immobilienmarkt in den vergangenen Jahren so aufgeheizt wie im boomenden London: je zentraler, desto teurer. Auch Gastgeber Nomura hat seine neue Europazentrale in der Angel Lane, der „Gasse der Engel“, erst 2011 bezogen: zwölf gläserne Stockwerke, drei Dachgärten, ein hauseigenes Fitnessstudio. Allein 20 aktuelle Bauprojekte ausländischer Finanzdienstleister hat das „Wall Street Journal“ gezählt. Die US-Investmentbank Goldman Sachs zum Beispiel zieht gerade ein gigantisches neues Europa-Hauptquartier hoch, wo früher ein altes Fernmeldeamt stand: 80 000 Quadratmeter Bürofläche. Viele Flure werden wohl leer stehen, unken Pessimisten.

Die Briten waren gewarnt: Stimmt ihr gegen die EU, werden Tausende und Abertausende Stellen gehen, hatten ihnen die Chefs der Großbanken immer wieder erklärt.

Davon will im Danach – offiziell – niemand mehr etwas wissen. „Keiner hat die Absicht, Leute aus London abzuziehen“, sagt ein hochrangiger Manager der Bank of America, der anonym bleiben will. Ja, die jüngeren Leute, die am Anfang ihrer Karriere stünden, seien schon beunruhigt, gibt er zu. Deswegen habe man ein Townhall-Meeting einberufen. „Wir konnten die Sorgen schnell dämpfen“, behauptet er. Und fügt dann hinzu, dass es Gedankenspiele selbstverständlich gebe. Zum Beispiel könnte die Bank die Zentrale nach Dublin verlagern, aber das operative Geschäft in London lassen. „Berlin ist auch als Möglichkeit aufgerufen worden.“ Denn die deutsche Hauptstadt, sagt der Banker, habe anders als „die Kleinstadt“ Frankfurt und das überregulierte Frankreich den New-York-Faktor: „Kunst und Kapital“. Als Erstes, so vermuten viele, werden sich die kleinen Fintechs und andere Start-ups Richtung Berlin davonmachen.

Douglas Flint, Chairman der Großbank HSBC, mag sich auf solche Szenarios jedoch nicht einlassen. „Völlig hypothetisch“ nennt er die Debatte um Stellenverlagerungen. Und: „Bislang hat sich nichts verändert.“ Es ist das Motto des Tages: Nichts ist mehr, wie es war, doch alles soll so bleiben, wie es ist.