KöpfeSpinnt dieser Romer?

Paul Romer
Paul Romer
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Die Idee entstand durch die Putzfrau. Vor über 20 Jahren lehrte der Wirtschaftsprofessor Paul Romer an der University of Chicago, seine damalige Ehefrau arbeitete als Chirurgin. Weil da mit zwei Kindern nicht viel Zeit blieb, stellte er eine hispanische Haushaltshilfe ein, die in einem der Sozialbauten der Stadt lebte.

Wenn Romer den Lohn auszahlte, versteckte die Frau das Geld stets in den Socken, denn sie fürchtete, auf dem Heimweg ausgeraubt zu werden. Eine Schande, dachte der Professor. Wie kann man die Sicherheit der Mutter von zwei Kindern verbessern? Und überhaupt:

Wie hilft man weltweit den Milliarden Menschen, die trotz Arbeit am Existenzminimum leben?

Der Wirtschaftstheoretiker Romer grübelte über die Einführung und Einhaltung von Regeln. Keine leichte Sache, selbst in Chicago, das für Korruption und Mafia bekannt ist. Viel einfacher wäre es, in einer neuen Stadt für Gesetz und Ordnung zu sorgen. Die Putzfrau könnte dorthin auswandern, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen.

Am besten pflanzt man die neue Metropole gleich in ihr Heimatland, um Immigrationswege zu verkürzen. Und führt amerikanisches oder europäisches Recht ein. Müsste das nicht, wie in der einstigen Kronkolonie Hongkong, zu überdurchschnittlichem Wachstum führen? Romers Idee war geboren: Charter Cities.

Es ist eine bahnbrechende Idee. So radikal, dass man sie mit einem Achselzucken abtun könnte – wenn sie nicht von einem Ökonomen käme, der mit seinen Arbeiten über Wachstum und Technologien als ein Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gilt.

Romer glaubt inzwischen so sehr an das Konzept, dass er 2008 seine Professur an der Stanford University in Kalifornien aufgab und die gemeinnützige Stiftung Charter Cities gründete. Seitdem reist er um den Globus, um Regierungen von der Idee zu überzeugen. „Ich möchte die Welt verbessern“, sagt Romer, der in den nächsten Wochen nach China, Jamaika und Bangladesch jettet. „Der Unterschied zwischen revolutionär und verrückt ist nicht groß“, sagt William Easterly, renommierter Entwicklungsökonom an der New York University.

Zweifel über Zweifel

„Romer balanciert mit seiner Idee genau auf dieser Grenzlinie.“ Kritik hagelt es nur so. Charter Cities seien eine versteckte Form des Neokolonialismus und undurchführbar, heißt es.

Gescheiterte Anläufe wie in Südafrika oder Mauritius zeigten, dass Sonderzonen keine Selbstläufer sind.

Auch sei keineswegs klar, ob zum Beispiel Hongkongs Erfolg wirklich auf der Einführung des britischen Rechts beruhe – oder vielmehr geografischen und kulturellen Besonderheiten zu verdanken sei.

„Eine Charter City käme dem Eingeständnis der Regierung in einem Entwicklungsland gleich, versagt zu haben“, sagt Ranil Dissanayake, der für die Uno die Regierungen von Sansibar und Malawi in Entwicklungsfragen berät. Gulzar Natarajan, der für die indische Regierung im Bundesstaat Andhra Pradesh arbeitet, fürchtet, dass „ausländische Verwaltungsbeamte sich überproportional Profite in die Tasche stecken könnten“.

Aber Romer mag es gern diffizil. Er studierte Astrophysik, um „wirklich schwierige Probleme“ zu lösen. Und um seine Familie zu schockieren, die von ihm eine Karriere in der Politik erwartete.

Sein Vater war zwölf Jahre lang Gouverneur des US-Bundesstaats Colorado und in den 90er-Jahren Chairman des Democratic National Committee, des obersten Parteiorgans der Demokratischen Partei.

„In der Familie redeten wir ständig über Politik“, erinnert sich Romer, der trotz gleichen Namens keine familiäre Verbindung zu Christina Romer hat, der Chefökonomin von Präsident Obama.

Nach Physik studierte Romer Wirtschaft, in Chicago. Seine „Neue Wachstumstheorie“ rückte Innovationsprozesse in den Blickpunkt. 1997 wählte ihn das Magazin „Time“ zu einem der 25 einflussreichsten Menschen der USA. „Durch Romer stieg das Interesse an Wachstumstheorie schlagartig“, sagt Robert Solow, der Altmeister dieses Forschungszweigs, der 1987 den Nobelpreis erhielt.

Romer ist kein vergeistigter Theoretiker, den die Praxis schnell entzaubert. Im Jahr 2000 gründete er die erfolgreiche Lernsoftwarefirma Aplia, die er 2007 weiterverkaufte. Mit diesem Geld finanziert er nun das Projekt „Charter Cities“.

Den Begriff lieh sich Romer von der Charta des US-Staats Pennsylvania. Dessen Gründungsvater William Penn versprach 1682 Religions- und Handelsfreiheit, was fähige Einwanderer aus Europa anzog und Nachbarstaaten wie Massachusetts unter Druck setzte, ähnliche Garantien zu geben.

Solch einen Gründungsvertrag will Romer nun auch für seine Stadt vom Reißbrett abschließen. Zwei oder mehrere Länder, so sein Plan, vereinbaren erst die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, dann wird auf der grünen Wiese gebaut. Der erhoffte Effekt: Unternehmen aus der ganzen Welt investieren, weil sie langfristig auf Rechtssicherheit zählen können. Gleichzeitig wandern Menschen ein, die Arbeit suchen und sich einen materiellen Aufstieg erhoffen.

Als ideale Siedlungsgebiete hat Romer Kenia ausgemacht sowie Guantánamo auf Kuba, das bislang wegen des US-Gefangenenlagers berüchtigt ist. Die Verwaltungsrechte an der karibischen Sonderzone könnten an Brasilien oder Kanada übertragen werden.

Im Prinzip ist das Projekt aber in jedem Entwicklungsland durchführbar.