EditorialSo viel Zukunft war noch nie

Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Die Zukunft hört nie auf. Sie ist immer ein Hype. Und Zukunft ist ein einträgliches Geschäft. Was früher Wahrsager, Propheten und Hellseher beschäftigte, erledigt heute eine Industrie von Prognostikern, Zukunftsforschern und Experten, deren Studien, Analysen und Vorhersagen wie eine Walze durch unsere Gegenwart fahren.

Fast täglich lesen wir über Millionen Jobs, die vernichtet und von Robotern erledigt werden; von Branchen, die dem sicheren Untergang geweiht sind – die deutschen Autobauer werden in halb garen Kommentaren in einem Halbsatz beerdigt.

Neben der Vernichtung gibt es die tägliche Verheißung: Schon bald werden wir alle von selbstfahrenden Autos herumkutschiert, smarte Assistenten schaukeln uns mit Frauenstimmen durch den Alltag, Algorithmen, die unsere Gedanken lesen, verhandeln mit Amazon über unsere geheimen Bedürfnisse, die „instant“, am besten per Drohne, an die Haustür geliefert werden. Die natürlich auch smart ist, weil heutzutage alles smart, agil, digital und total vernetzt ist. Eines ist sicher: So viel Zukunft wurde noch nie produziert. Wäre sie ein Papier an der Börse, würde damit eifrig gehandelt und spekuliert.

Die Zukunft ist anstrengender geworden

Die Wahrheit liegt wie immer dazwischen: Die smarten Assistenten sind längst Teil unseres Alltags. Aber die Milch wird vom Kühlschrank immer noch vor allem auf der Cebit oder IFA bestellt.

Unser Gehirn spielt bei der Zukunft nicht immer mit – weil es linear und nicht exponentiell denkt. Mein Kollege Christian Kirchner kommt in unserer Titelgeschichte über die Aktienduelle noch zu einem anderen interessanten Schluss: Wir überschätzen oft das Wachstum – und unterschätzen die Substanz; in diesem Fall: die Unternehmen, die heute das Geschäft beherrschen, denn nicht alle enden wie Kodak, Nokia oder Grundig.

Gleichzeitig wäre es auch töricht, sich auszuruhen – weshalb es für jeden Manager und Unternehmer eine Kunst ist, sich eine gesunde Paranoia zuzulegen, wenn er sein Unternehmen umbaut (siehe dazu auch den Essay von Bain-Deutschlandchef Walter Sinn in unserer neuen Ausgabe).

Jenseits der Aktienmärkte, wo man nüchtern auf Zahlen schauen kann, ist es nicht einfacher geworden, in dem Getöse der 24/7-Disruption die Zukunft zu verarbeiten: Wir leben in einer Zeit multipler Megatrends, in denen dauernd irgendetwas ausgerufen wird und umgewälzt zu werden scheint. Der Mensch arbeitet offenbar immer parallel an seiner Vollendung und seiner Abschaffung.

Ja, Zukunft ist anstrengend geworden, und es wäre hilfreich, ab und an ein bisschen sparsamer und unaufgeregter damit umzugehen.

Die neue Capital ist am 21. September erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon