PandemieSo fit ist Deutschland für die Phase nach dem Shutdown

Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel.imago images / Metodi Popow

Seit Tagen sinkt in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen. Damit melden – ebenfalls seit Tagen – die Gesundheitsämter mehr Menschen als geheilt von Covid-19, als neu Infizierte dazukommen. Anders gesagt: Die Zahl der Erkrankten geht offenbar zurück.

Das sah am 22. März, dem Tag, an dem der Bund das Kontaktverbot beschloss, noch anders aus. Da lag zwar die absolute Zahl an nachgewiesenen Infizierten bei 24.869, also einem Fünftel der aktuellen Größenordnung von 128.474, aber eine Verdopplung der Fallzahl passierte innerhalb von 3,3 Tagen. Der Bund beschloss für Deutschland die Vollbremsung. Am Dienstag lag die Verdopplungsrate bei 22 Tagen und für die Frage danach, inwieweit die Bremse in Deutschland gelöst werden kann, ist das ein entscheidender Faktor.

Mund-Nase-Schutzmasken selber nähen

Bislang ist also der von Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigte „Sturm“ ausgeblieben. Immer wieder tauchen Krisenherde auf – Ortschaften in Bayern, ein Pflegeheim in Wolfsburg, ein Krankenhaus in Potsdam. Immer wieder kam es in Kliniken und Arztpraxen zu Engpässen bei Schutzkleidung für medizinisches Personal. Eine Klinik in Hennigsdorf bat darum, Regenmäntel zu spenden, aus denen man Schutzkittel fertigen wollte. Praxisteams besorgten sich Gesichtsschutz im Baumarkt, weil an medizinisches Material nicht ranzukommen war. Die Berliner Krankenhausgesellschaft rief Bürgerinnen und Bürger dazu auf, Mund-Nase-Schutzmasken selbst zu nähen.

Der Shutdown aber sollte, so kündigten es Spahn und Bundeskanzlerin Angela Merkel im März an, nicht nur darauf abzielen, die Fallzahlen nach unten zu drücken, sondern vor allem auch Zeit zu gewinnen. Zeit, um das Gesundheitssystem in Deutschland so aufzustellen, dass es der Herausforderung Covid-19 gewachsen sein würde. Einer Herausforderung, die so neu ist, dass Wissenschaftler weltweit sie noch nicht durchschauen. Ist das gelungen? Steht Deutschland heute spürbar besser da als am 22. März?

Ja, lautet die Antwort, die Ursula Nonnemacher, Brandenburger Gesundheitsministerin, auf diese Frage gibt. In Zahlen liest sich ihre Bilanz so: 531 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten standen Mitte März in ihrem Bundesland zur Verfügung. 738 waren es Anfang April, am vergangenen Dienstag zählte das Ministerium 837. 45 davon sind belegt mit Covid-19-Erkrankten. „Wir stoßen in der Intensivmedizin keineswegs an unsere Kapazitätsgrenzen“, sagt Nonnemacher, selbst Ärztin, im Gespräch mit ntv.de.

„Wir haben noch sehr viel Kapazität“

Ähnlich optimistisch sieht die Berliner Krankenhausgesellschaft die Lage im Land Berlin. „Wir hatten vor der Krise 1045 Intensivbetten zur Verfügung“, sagt Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG), ein Zusammenschluss der Träger von Kliniken und Pflegestätten. „Jetzt haben wir aufgestockt auf 1500 Betten.“ Die Kapazitäten seien weiter im Aufbau, Beatmungsgeräte bestellt. 140 an Covid-19 erkrankte Patienten würden derzeit intensiv-medizinisch versorgt. „Wir haben noch sehr viel Kapazität“, fasst Schreiner zusammen. „Italienische Zustände drohen uns im Augenblick nicht.“

Die Berliner und Brandenburger Zahlen decken sich mit den Werten des bundesweiten „Intensivregisters“. Auf der Plattform, die erst vor vier Wochen eingerichtet wurde, können Kliniken ihre tägliche Auslastung durch Corona in der Intensivmedizin angeben, sodass ein immer wieder aktualisierter Überblick entsteht. Das klingt sehr naheliegend, ist aber eine Weltneuheit. „Wir bekommen Anrufe aus Kanada und anderen Ländern mit Fragen zum Intensivregister“, sagt Torben Brinkema, Sprecher der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Sie hat das Register eingerichtet. Wegen der großen Nachfrage musste es schon einmal den Server wechseln.

Dem Register kann man als aktuellsten Wert für Mittwoch, den 15. April, entnehmen: In 851 Häusern, die Daten eingespeist haben, werden derzeit 1808 Covid-19-Patienten beatmet. Insgesamt sind dort mehr als 21.000 Intensivbetten „betreibbar“, das heißt, für diese Plätze steht nicht nur die Technik, sondern auch ausreichend geschultes Personal zur Verfügung.

Neue Kollegen über Aufrufe und aus Pflegeschulen

Um zu erreichen, dass für die neuen Intensivbetten auch genug Personal da ist, hat die BKG in Berlin beispielsweise Menschen mit medizinischer Ausbildung aufgerufen, sich zu melden. Nach einer Schulung können sie einfache pflegerische Aufgaben übernehmen. Das Personal, das so frei wird, wird für schwierigere Aufgaben geschult. In Brandenburg kommen auch Pflegeschüler zum Einsatz, in anderen Bundesländern holt man Kolleginnen und Kollegen aus der Elternzeit zurück.

Die wohl wichtigste Zahl im Intensivregister lautet 8847. Es ist die Zahl der freien Intensivbetten in den 851 Kliniken, deren Daten verarbeitet wurden. Das klingt recht gut, doch leider sind die Werte des Registers nicht repräsentativ für Deutschland, denn Jens Spahn hat die vier Wochen Lockdown nicht dazu genutzt, ein Gesetz verabschieden zu lassen, das es Krankenhäusern vorschreibt, ihre Zahlen täglich auf der Plattform einzuspeisen. Das ist bisher noch freiwillig. „Wir haben zwar mit vielen Kliniken Kontakt und rufen immer wieder dazu auf, uns die relevanten Zahlen durchzugeben“, sagt Brinkema, „aber noch haben wir sie nicht von allen“.

Die Betreiber hoffen darauf, dass nun schnell ein Gesetz kommt, das die Datenübermittlung vorschreibt. Den Entwurf dazu hat das Ministerium offenbar schon fertig, in den nächsten Tagen soll es auf den Weg gebracht werden. Es wäre ein später, umso entscheidenderer Schritt, um einen Überblick darüber zu bekommen, wie gut Deutschlands Abwehrkräfte gegen das Virus sind. Diese Abwehrkräfte wird man noch brauchen.

Deutschland ist das sicherste Land Europas

Immerhin – das Robert-Koch-Institut (RKI), das sich bislang nicht mit vorschnellem Optimismus aus dem Fenster lehnt, stellte am Dienstag fest, es sei gelungen, den Corona-Verlauf in Deutschland zu verlangsamen. Eine Eindämmung sieht RKI-Präsident Lothar Wieler noch nicht.

Neben der Zahl freier Intensivbetten ist die Schutzausstattung für das medizinische Personal entscheidend. Hier haben während der vier Wochen Shutdown einige wichtige Produzenten in China wieder begonnen, Masken zu fertigen. Dennoch sorgt sich Ministerin Nonnemacher um den Nachschub, „besonders für Behinderteneinrichtungen und Pflegeheime“. Eine halbe Million Masken sei angekommen, aber man müsse sehr aktiv werden, „um gröbste Löcher zu stopfen“.

BKG-Geschäftsführer Schreiner lässt in Berlin zweimal pro Woche den Bedarf in Kliniken abfragen. Über die Hälfte der Krankenhäuser gab jüngst an, ihr Vorrat reiche noch „bis zu fünf Tage“. Ebenso wie bei Hand-Desinfektionsmitteln und Schutzkitteln sei der Zustand „kritisch“, aber es kämen immer wieder kleinere Lieferungen nach. „Zurücklehnen kann man sich nicht.“


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14 mal mehr Tests als vor vier Wochen

Begrenzt sind auch die Kapazitäten beim Testen. Dies war eines der Ziele der Bundesregierung: während des Shutdowns die Zahl der Tests zu erhöhen. Bis Ende März haben 111 Labore in Deutschland Ergebnisse zu Sars-CoV-2 übermittelt. Die Testkapazitäten pro Tag lagen bei über 100.000, was 14 Mal mehr ist als vier Wochen vorher. Auch Brandenburg trägt zu dieser Steigerung bei – mit nunmehr 2500 Tests täglich. „Wir hatten vorher überhaupt kein Labor im Land, wir mussten alle Abstriche über die Berliner Charité laufen lassen“, sagt Nonnemacher. Bis Ende April möchte sie auf 5000 kommen. Inzwischen hat man auch drei Standorte im Land, die Antikörper-Tests durchführen.

Bundesweit gibt es jedoch inzwischen häufig das Problem, dass die Labore zwar technisch und vom Personal her mehr testen könnten, aber nicht die nötigen Chemikalien auf dem Markt bekommen. Laut Charité-Virologe Christian Drosten ist man seit einiger Zeit „immer schmerzlicher an diesem Punkt, wo wir in den Laboren merken, wir bestellen Vorrat für zwei Wochen und wir kriegen geliefert für drei Tage“; das sagt er im Podcast des NDR. Hier kann man, um Ressourcen zu schonen, in einem Pool-Verfahren mehrere Abstrichproben von verschiedenen Personen zunächst gemeinsam auswerten. Fällt das Resultat negativ aus, hat man einige Tests gespart.

So fällt die Bilanz des Shutdowns zwiespältig aus bezüglich der Frage, wie weit man in der Zeit gekommen ist mit dem Plan, das Gesundheitssystem fit für die Corona-Abwehr zu machen. Während die Zahl der Intensivbetten stark wächst, ist der Vorrat an Schutzkleidung weiterhin zu gering. Die Testkapazitäten haben sich in kurzer Zeit sehr gesteigert, stoßen nun jedoch offenbar an ihre Grenzen. Im weltweiten Vergleich aber gehört Deutschland klar zu den Ländern, die am ehesten Grund zur Zuversicht haben, dass der „Sturm“ an ihnen vorbeizieht.

Zuerst erschienen bei www.ntv.de.