ReportageSie müssen Microsoft neu starten

Microsoft-Chef Satya Nadella
Microsoft-Chef Satya Nadella
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Satya Nadella ist seit Februar 2014 Chef von Microsoft. Er wurde 1967 im indischen Hyderabad geboren, wo er am Manipal Institute of Technology studierte. Er kam 1992 zu Microsoft, bevor er CEO wurde, leitete er die Cloudsparte. Unter Nadellas Regie bewegt sich der Konzern weg vom reinen Softwareanbieter. Die Übernahme des sozialen Netzwerks Linkedin passt in diese Strategie. 26,2 Mrd. Dollar will sich Microsoft den Deal kosten lassen – ein Aufschlag von gut 50 Prozent zur Linkedin-Börsenbewertung vor Bekanntgabe der Pläne.


In Chris Caposselas Büro kommen keine Zweifel auf: Hier arbeitet ein Microsoft-Manager. Auf seinem Schreibtisch: ein Surface-Tablet. Daneben: ein Windows-Phone. Hinter ihm: ein großer Windows-Computer. Auf dem Beistelltisch neben dem Sofa liegt ein Windows-Laptop, und in den Regalen setzt jede Menge Microsoft-Nippes Staub an.

Ein iPhone besitzt er – noch – nicht. Aber er geht regelmäßig in die Apple Stores, um die neusten Geräte des Rivalen zu testen. „Das ist das neue Microsoft“, sagt Capossela, der seit 24 Jahren bei Microsoft arbeitet und vergangenes Jahr zum obersten Marketingchef ernannt wurde. „Wir müssen und wollen von anderen Unternehmen lernen.“ Vor nicht allzu langer Zeit wäre so etwas undenkbar gewesen. Microsoft war derart nach innen fixiert, dass fast jeder Vorgang ein einziges Ziel hatte: mehr Macht. Für Windows. Für Office. Für Programme. Für Datenbanken.

Mit dieser Strategie war der Softwarekonzern groß geworden, hatte erst den Markt für Personalcomputer aufgerollt, dann den Siegeszug in den Unternehmen angetreten. Kein Projekt mehr ohne Excel, keine Präsentation ohne Powerpoint.

Konkurrenz wurde aus dem Markt gedrängt oder kaum ernst genommen. Überheblichkeit gehörte zum Geschäft. Der ehemalige Chef Steve Ballmer verhöhnte 2007 das iPhone („500 Dollar für ein Telefon?“), verbat es seinen Kindern, den Mitarbeitern ebenfalls. „Ein Nicht-Microsoft-Gerät wäre ein Entlassungsgrund gewesen“, sagt ein früherer hochrangiger Mitarbeiter. „Jetzt haben die Angestellten Android-Handys, iPhones und iPads und kaufen sich Apple Watches – und zwar, um von der Konkurrenz zu lernen.“

Von anderen Unternehmen lernen, sich öffnen, zusammenarbeiten – das ist die neue Marschroute bei Microsoft. Vorgegeben hat sie Satya Nadella, der seit Februar 2014 Vorstandschef ist. Nadella, seit 23 Jahren bei Microsoft, steht vor einer enormen Herausforderung, vielleicht der schwierigsten, der sich der Konzern seit vielen Jahren stellen muss: Er muss den weltgrößten Softwarekonzern neu erfinden, um den Bedeutungsverlust in der Ära der mobilen Daten und des Cloud-Computing aufzuhalten. Microsoft muss wieder innovativ sein, Vorreiter bei Produkten.

Die Branche ist voll mit gefallenen Giganten, die von neuen Technologien überholt wurden, seien es Nokia oder Blackberry. Und nur einem Pionier ist es bisher gelungen, zu altem Glanz zurückzufinden und diesen sogar noch zu übertreffen: Apple. Nun also Microsoft, der Riese, dessen Größe die großen Probleme verdeckt, über den der Investor Peter Thiel lästert, Microsoft sei eine „Wette gegen technologische Innovation“.

Zwar wächst Microsoft noch und verdient prächtig Geld – zuletzt 22 Mrd. Dollar bei einem Umsatz von 87 Mrd. Dollar. Aber der Kern schrumpft, im Sommer 2014 gab der Konzern den größten Stellenabbau seiner Geschichte bekannt: 18.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, das sind 14 Prozent der Belegschaft.

Denn die großen Trends der vergangenen Jahre hat Microsoft verschlafen oder kam mit Produkten auf den Markt, die zu wenige haben wollten: der MP3-Player Zune als hilflose Antwort auf den iPod; das Tablet Surface als Alternative zum iPad, das Mobiltelefon Kin, das 2010 nach nur 48 Stunden eingestellt wurde. Über Jahre hat Microsoft das größte IT-Ökosystem für unsere Welt gebaut, doch spätestens mit dem Siegeszug des iPhones verschwanden die Kunden in andere, bessere und innovativere Ökosysteme: zu Apple, zu Google oder zu Amazon.