Capital-History

Die großen BetrügerDieser Mann behauptete, Gold chemisch herstellen zu können

Franz Tausend während seiner Gerichtsverhandlung 1931Getty Images

Am 3. Oktober 1929 im Hauptmünzamt in München. Der Mann, dem alle im Saal gespannt zusehen, heißt auch noch ausgerechnet Tausend: Franz Tausend. Ein einzigartiges Kunststück hat er versprochen: Aus einem Stückchen Blei will er 100 Milligramm pures Gold machen. Unter amtlicher Aufsicht. Am ganzen Körper haben ihn Helfer zuvor gefilzt, um Zutaten für einen Trick zu finden. Vergeblich.

Auf seiner Bühne hat Tausend nur einen Tisch, darauf diverse Apparaturen, Schmelztiegel und Brenner. Es zischt und brodelt, Tausend redet und erklärt, und am Ende hat er einen großen Klumpen, den er auseinanderbricht. Ganz unten auf dem Boden des Tiegels schließlich liegt ein kleines Körnchen, das gelb glänzt: „Tausend hat den Beweis erbracht, dass er tatsächlich in der Lage ist, Gold herzustellen“, triumphiert sein Rechtsanwalt Anton Graf von Pestalozza. Eine Sensation.

Es ist eine Zeit, in der solche Wundermeldungen begierig aufgegriffen werden. Die Wirtschaftslage hat sich verschlechtert. Die Industrieproduktion in den USA und Europa schrumpft, die Arbeitslosenzahlen steigen, und Deutschland ächzt unter den Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg. Wenige Wochen nach Tausends Auftritt wird der Börsencrash in New York eine globale Depression auslösen. Männer wie er fanden in dieser Lage leicht Zuhörer, die ihren blumigen Versprechen glauben wollten.

Der General folgt

Zu denen, die auf Tausends Experimente setzten, gehörten hohe Militärs wie der General Erich Ludendorff, Industrielle wie Alfred Mannesmann und Nazi-Funktionäre wie Rudolf Rienhardt. Sie alle verfielen der Verheißung: künstlich produziertes Gold, viel Gold. So viel, dass sich das vom Krieg gebeutelte Deutschland all seiner Probleme hätte entledigen können. Unversehens wurde Tausend zu einer Spielfigur der völkischen Bewegung und -sogar zu einem Geldbeschaffer für die nationale Sache. Tausend selbst aber ging es wohl nur um das eigene Stück vom Glück. Wenn nötig, mit Tricks.

Tausend kam 1884 im bayerisch-schwäbischen Krumbach zur Welt – in einer Zeit, die nach Visionen gierte. Erfinder und Ingenieure wie Gottlieb Daimler oder Werner von Siemens beeindruckten die Menschen mit technischen Errungenschaften. Doch das exakte Wissen schien vielen nur als ein möglicher Weg zum Erfolg. So fanden auch Scharlatane Gehör, die von mangelnden Kenntnissen ihrer Zuschauer profitierten und von deren Bereitschaft, auch die irrsten Dinge für möglich zu halten.

Tausend war einer dieser Scharlatane. Während einer Drogistenlehre in Hamburg beschäftigte er sich mit Schriften des Okkultismus. Er schlug sich als Gelegenheitsarbeiter und Kontrolleur in einem chemischen Betrieb durch und frisierte schon auf seinen ersten Visitenkarten die eigene Vita: als „Dr. Franz Tausend, Chemiker“. Richtig gelernt hatte er wenig, aber gemerkt, dass es vor allem auf einen guten Auftritt ankommt. Weil sein Großvater einst Geigen baute, gründete Tausend 1913 eine „Geigen-Prüfungsstelle“ in Ludwigshafen, die Zertifikate für Besitzer von Instrumenten ausstellen sollte. Als das nicht wirklich funktionierte, brachte er einen Lack auf den Markt, mit dem einfache Violinen zu Edelgeigen aufgemotzt werden sollten. „Mit der Ehrlichkeit nahm er es nicht so genau“, schreibt sein Biograf Franz Wegener später. Tausend war einer von Millionen, die in der nervösen Zeit vor Beginn des Ersten Weltkriegs versuchten, irgendwie durchzukommen. Ihm waren dabei viele Mittel recht.