Kommentar Sehnsucht nach der alten Welt

Pfizer und das deutsche Unternehmen Biontech lassen die Hoffnung wachsen, dass es bald einen Impfstoff gibt
Pfizer und das deutsche Unternehmen Biontech lassen die Hoffnung wachsen, dass es bald einen Impfstoff gibt
© IMAGO / ZUMA Wire
Die Krise hat seit dieser Woche ein Ablaufdatum: Ein Impfstoff ist nicht mehr länger nur Wunschtraum, sondern könnte bald Realität sein. Das lässt uns hoffen auf eine zumindest teilweise Rückkehr der Vor-Krisen-Normalität

Lange wurde eine Hoffnung nicht mehr so ersehnt, und gleichzeitig so eingeordnet, relativiert, beschwichtigt, gebremst und gebändigt. Aber sie ist da: Hoffnung.

Es gibt einen Impfstoff, die Daten sind vielversprechend, viel besser als erwartet – und überall wurde im Kopf jetzt eine Sanduhr umgestellt. Diese Krise hat erstmals ein Ablaufdatum. Gewiss, es ist kein konkreter Tag oder Monat, aber wir wissen ja, wie das in Filmen läuft: Es gibt das Gegengift.

Wir dürfen hoffen, dass diese Krise endlich ist.

Das Comeback der „Welt von gestern“, die versunken scheint und darniederliegt, hat begonnen. Das Hoffnungsfeuerwerk an der Börse am Montag dieser Woche mag übertrieben gewesen sein, vorschnell und euphorisch: Lufthansa hoch, Zoom runter, Tui hoch, Delivery Hero runter. Es wird Zeit dauern, vermutlich Jahre, bis Normalität zurückkehrt, und die alte heile Welt wird vermutlich nie wieder ganz erstehen. Und bis dahin wird es Rückschläge geben, erneute Lockdowns, Kranke und Tote.

Wie groß indes die Basishoffnung ist, zeigte sich auch an den optimistischen Äußerungen der Notenbanker, die sonst selten so schnell Stellung nehmen. Fed-Chef Jay Powell sprach von „sicherlich guten und willkommenen Nachrichten auf mittlere Frist“. EZB-Chefin Christine Lagarde sah „etwas weniger Unsicherheit” an mehreren Fronten – und der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, freute sich über „offensichtlich gute Nachrichten“. In der Sprache der Notenbanken sind das drei Freudentänze und Purzelbäume.

Normalität statt „New Normal“

Seit einem halben Jahr rätseln wir ja nicht nur, wie lange diese Krise dauert, sondern wie nachhaltig sie unser Leben verändert. Sicher, wir können jetzt alle problemlos von zu Hause arbeiten, vom Sofa aus neue Sofas bestellen; wir ahnen auch, wie überflüssig die berühmte Geschäftsreise für den einen Termin (plus einen Alibi-Termin) war.

Aber selbst wenn der Corona-Crashkurs in Digitalisierung bleibt – was gut und wichtig ist –, spürte man in diesem einen Moment der Hoffnung doch vor allem eines: die Sehnsucht nach dieser alten Welt. Nicht nach dem „New Normal“, sondern nach Normalität. Wir müssen ja nicht Zoom wieder abschaffen, nur weil wir wieder nachts um die Häuser ziehen können. Wenn also die Hoffnung vorschnell ist, wurden vermutlich auch Teile der alten Welt vorschnell beerdigt.

Und hinzu kommt ja noch dies: Hinter dem Impfstoff steht eine Geschichte, die man sich nicht besser hätte ausdenken können: Biotech aus Deutschland, entwickelt von Nachkommen türkischer Einwanderer, inklusive internationaler Kooperation. Gerade die Zusammenarbeit über Kontinente hinweg, in verschiedenen Allianzen und Tandems, zwischen kleinen Biotechfirmen und großen Pharmakonzernen hat diesen frühen Erfolg gebracht.

Es bleibt viel Unsicherheit. Viele Fragen sind offen, in Bezug auf die Verteilung des Impfstoffs, auf die Logistik, es wird auch neue Fragen der Gerechtigkeit geben. Doch wir dürfen nach vorne schauen. Und wenn wir jetzt vielleicht ein etwas dunkleres und einsameres Weihnachten erwarten müssen, so sind die Chancen groß, dass es nächstes Jahr wieder anders wird.


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