Ukraine-Krieg Russland-Sanktionen bremsen Europas Banken-Erholung aus

Filiale der österreichischen Raiffeisenbank in Moskau
Filiale der österreichischen Raiffeisenbank in Moskau
© IMAGO / ITAR-TASS
Sie befanden sich auf dem Weg der Besserung, doch die Sanktionen gegen Russland durchkreuzen den Erholungskurs der europäischen Banken. Das betrifft nicht nur Institute mit einem starken Russland-Geschäft, sondern alle Banken

Gerade als Investoren dachten, Europas Banken seien endlich auf dem Weg der Besserung, macht Russlands Krieg gegen die Ukraine alle Hoffnungen auf eine Erholung zunichte. Die USA und ihre europäischen Verbündeten kappen Russlands Verbindung zur Finanzwelt als Reaktion auf den Angriff von Wladimir Putin. Für Geldhäuser mit Engagements in Russland bedeutet das steigende Kreditvorsorge, Abschreibungen und womöglich einen kompletten Rückzug.

Doch auch die Institute ohne großes Geschäft in Russland müssen sich wohl verabschieden von der Hoffnung auf höhere Zinsen und den damit einhergehenden steigenden Zinserträgen, da die eskalierende Krise weit über Russland und die Ukraine hinaus wirtschaftlichen Schaden anzurichten droht. Jedenfalls ist der europäische Bankensektor, der sich an der Börse am besten von der Pandemie erholt hatte, nun wieder ans Ende gerutscht – eine erstaunliche Kehrtwende, die die Frage aufwirft, ob die Branche das vielzitierte verlorene Jahrzehnt wirklich hinter sich lassen kann.

Ukraine-Krieg: Russland-Sanktionen bremsen Europas Banken-Erholung aus

„Der Krieg in der Ukraine hat das Bullen-Szenario für europäische Banken abrupt in Luft aufgelöst“, so Mediobanca Securities am Donnerstag in einer Analyse des Sektors.

Die Sanktionen gegen den Finanzsektor und die Gegenmaßnehmen Moskaus betreffen diejenigen europäischen Banken mit einem starken Russland-Geschäft am unmittelbarsten. Die österreichische Raiffeisen Bank International, die im Verhältnis zur Gesamtgröße mit Abstand am stärksten in dem Land engagiert ist, bildete bereits vor der Invasion zusätzliche Rücklagen für den Krisenfall. Am Dienstag griff sie zu einem außergewöhnlichen Mittel: Sie setzt ihre Dividendenzahlung aus, um das Kapitalpolster zu stärken.

Auch ein Rückzug aus Russland ist für manche eine Option. Die größte italienische Bank Intesa Sanpaolo teilte am Donnerstag mit, dass sie ihr Russland-Geschäft „strategisch überprüfe“. Zwei weitere Banken stellen intern die Frage, ob eine Präsenz in Russland nach dem Krieg noch sinnvoll sei, berichten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die Deutsche Bank, die ihr eigentliches Russland-Geschäft bereits vor Jahren zurückgefahren hat, prüft Optionen für ihren IT-Hub in Moskau und St. Petersburg.

„Ein Ausstieg aus Russland könnte für Intesa und andere dort tätige westeuropäische Banken notwendig sein, um nicht stigmatisiert zu werden“”, meint Stefano Girola, Portfoliomanager bei Alicanto Capital. Institute wie Credit Agricole, Société Générale und ING Groep haben damit begonnen, ihr Risiko zu verringern und Russland-Geschäfte auf Eis zu legen. Die SocGen, eine der großen Banken, die vor Ort aktiv sind, brachte am Donnerstag sogar das Schreckgespenst einer Verstaatlichung ins Spiel, als sie ein Worst-Case-Szenario skizzierte, in dem ihre russische Tochter Rosbank enteignet würde, was die Kapitalpuffer um etwa 50 Basispunkte schwächen würde.

Die Europäische Zentralbank hatte bereits vor der Invasion die von ihr beaufsichtigten Institute zu ihren Geschäften in Russland und der Ukraine befragt, berichten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Als die Krise eskalierte, forderte die EZB die am stärksten exponierten Banken auf, ihre Pläne für verschiedene Szenarien bis hin zu Krieg zu erläutern, hieß es. Aktuell bittet sie eine größere Gruppe, die potenziellen Auswirkungen zu bewerten, einschließlich der Rückstellungen für Kreditausfälle. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

Mehr als ein Dutzend großer Banken aus dem Euroraum betreiben laut ihren Geschäftsberichten ein signifikantes Geschäft in Russland. Mindestens zwei von ihnen, die die Auswirkungen der Sanktionen noch nicht detailliert erläutert haben, stellen sich auf höhere Rückstellungen und Abschreibungen im ersten Quartal ein, wenn der Krieg nicht bald endet, heißt es.

Potenzielle Auslöser für Abschreibungen sind unter anderem die Auswirkungen des abrutschenden Rubel und Sanktionen, die das Russland-Geschäft beeinträchtigen. Rückstellungen würden hauptsächlich das Risiko eines Kreditausfalls und Finanzierungsvereinbarungen für im Land tätige Unternehmen abdecken.

Die „Beinahe-Gewissheit“, dass der Krieg die Erträge der Banken gefährdet und zu höheren Kreditrückstellungen führt, erschwert es den Anlegern, europäische Banken zu bewerten, so die Analysten von Bloomberg Intelligence, Jonathan Tyce und Tomasz Noetzel. „Die sprichwörtliche Empfehlung zu der Frage, ob man in ein fallendes Messer greifen sollte, trifft hier eindeutig zu.“

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