KolumneRupert Stadlers Paten in Wolfsburg

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

In dem Film „Der Pate“ verrät der Mafia-Boss Don Corleone eine seiner wichtigsten Lebensregeln: „Frag mich nie nach meinen Geschäften!“ In der obersten Führung des VW-Konzerns gilt seit dem Ausbruch der Dieselbetrugskrise die gleiche Maxime: Man schweigt gegenüber der Öffentlichkeit und beantwortet die Fragen der deutschen Staatsanwälte immer nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Die Strategie des Schweigens kommt von ganz oben – den maßgeblichen Eigentümern des Konzerns. Wolfgang Porsche und die anderen tonangebenden Mitglieder seines Clans schotten sich seit vielen Jahren, völlig ab – schon lange vor dem Skandal. Und ihre wenigen wirklich Vertrauten unter den angestellten Managern – Männer wie Martin Winterkorn, Hans Dieter Pötsch und Rupert Stadler – verdanken ihren Aufstieg ihrer Fähigkeit, sich der Familie immer und überall unterzuordnen. Auch in dieser Frage. Nach außen darf nichts dringen – und nach innen tritt man sich nicht auf die Füße. So könnte man wohl die Führungsphilosophie Wolfgang Porsches zusammenfassen.

Es ist genau diese Mentalität, die Rupert Stadler jetzt ins Gefängnis gebracht hat. Der bisherige Audi-Chef und Langzeit-Vertraute der Porsche-Piëch-Familie stolpert nicht über seine Mitverantwortung für die Dieselaffäre, die im Einzelnen noch zu beweisen ist. Seine Festnahme in der letzten Woche verdankt Stadler offenbar einzig und allein seinem Versuch, weiter die eigenen Spuren zu verwischen und möglicherweise sogar Zeugen unter Druck zu setzen. Natürlich gilt auch für diesen Tatbestand die Unschuldsvermutung. Aber die Staatsanwälte mussten dem Gericht bereits konkrete Beweise vorlegen, um überhaupt eine Inhaftierung wegen Verdunkelungsgefahr beantragen zu können. Deshalb wird es doppelt schwer für Stadler, wieder aus der U-Haft herauszukommen. Nur ein Geständnis könnte ihm die Freiheit bringen – würde aber zugleich endgültig seine Karriere beenden und ihn wahrscheinlich viel Geld kosten. Deshalb dürfte Stadler im Zweifel nichts tun, um das Netz der Lügen in Wolfsburg wirklich zu entwirren.

Der Konzern stemmt sich gegen Aufklärung

Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef Pötsch und nicht wenige Vorstände betreiben seit dem Ausbruch der Krise vor drei Jahren selbst systematisch und mit vollem Risiko Verdunkelung. Erst statteten sie den früheren VW-Chef Winterkorn mit einem Persilschein aus („Persönlich keine Kenntnis von den Manipulationen“), dann verhinderten sie eine Veröffentlichung des internen Untersuchungsberichts, die sie vorher wortreich versprochen hatten. Gegen die Beschlagnahme von Beweisen klagten sie durch mehrere Instanzen. Und Mitarbeiter, die vor der Justiz aussagen könnten, müssen im Zweifel das Unternehmen verlassen – mit Abfindungen in Millionenhöhe, damit sie sich weiter an das absolute Schweigegelübde im Konzern halten. Nie stemmte sich ein deutsches Unternehmen in den letzten Jahrzehnten so sehr gegen die Aufklärung strafbarer Handlungen wie VW. Stadler muss nun dafür büßen.

Die Versuche, das oberste Management des Konzerns und vor allem die Familie aus der Schusslinie zu halten, kann man seit der letzten Woche als endgültig gescheitert betrachten. Über die schnelle Behauptung am Anfang der Affäre, nur ein „kleiner Kreis“ von subalternen Managern sei für den Betrug verantwortlich, kann man inzwischen nur noch lachen. Auch dazu passt ein Spruch von Don Corleone: „Lüg mich nie wieder an! Das beleidigt meine Intelligenz.“