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Am Comer See hat Erio Matteri seine kleine Werft
Am Comer See hat Erio Matteri seine kleine Werft
© Luca Locatelli

Es gibt Momente, da wünscht Paola Matteri, sie wäre ein Boot. Dann hätte sie die Aufmerksamkeit ihres Mannes. Die Liebe. Die Fürsorge. Ihre Tochter Francesca sagt: „Meine Mutter ist eine starke Frau.“ Sonst hätte sie sich nicht damit abfinden können, dass ihr Mann Boote mehr liebt als alles andere auf der Welt. „Sie sind wie Menschen für ihn.“ Francesca macht eine Pause. Dann sagt sie: „Meine Mutter hat akzeptiert, dass das Leben mit einem Künstler nicht einfach ist.“

„Künstler“ nennt sie ihren Vater ganz selbstverständlich, nicht Bootsbauer, wie Erio Matteris Berufsbezeichnung eigentlich lautet. In vierter Generation betreibt die Familie eine kleine Werft am Comer See. Tradition seit 1860. Der Bootsbauer ist eine Legende am Comer See – dabei ist Erio Matteri, 65, nicht einmal ­berühmt für die Boote, die er selbst gebaut hat. Sondern für die, die er ­restauriert: Rivas.

Die edlen Sportboote aus tiefrotem Mahagoni sind ein Designklassiker: das schlank auslaufende Heck, viel glänzendes Chrom, das weiße Leder. „Rolls-Royce der Meere“ werden sie genannt. Sie stammen aus den 50er- und 60er-Jahren und stehen seitdem für Dolce Vita, für Luxus und Lebensfreude, Glanz und Glamour. Wer an Jetset auf dem Wasser denkt, hat eine Riva vor Augen. Brigitte Bardot, Gunter Sachs, Sophia Loren oder Richard Burton prägten das Image. König Hussein von Jordanien besaß eine Riva, auch Aga Khan. Wer eine Riva hat, der liebt sie. Und selbst Paola muss wirklich wütend sein, damit sie droht: „Wir ziehen in die Berge.“ Weg vom See. Weg von den verdammten Booten.

Weltbester Restaurator für Holzboote

Denn Erio Matteri gilt weltweit als einer der besten Restauratoren für Holzboote, seine Kunden schicken ihre Schmuckstücke aus Australien, den USA oder Kanada. Die Boote kommen mit dem Flugzeug, per Bahn oder Transporter, die letzten Meter zur Werft können allerdings nur die kleinsten der Riva-Modelle auf dem Landweg zurücklegen: zu gewunden, zu steil die Straße, die zu Matteris Werft in Lezzeno am Ufer des Comer Sees führt. Im 20 Kilometer entfernten Como werden sie dann zu Wasser gelassen. Und wenn sie so verrottet sind, dass sie nicht mehr selbst schwimmen, lässt Matteri sie auf ein Transportschiff umladen, das er extra dafür gebaut hat.

Im Winter lagert und pflegt Matteri knapp 100 Rivas. Es ist die größte Ansammlung der Raritäten, die es auf der Welt gibt. „Es ist eine Ehre für mich, dieses Stück italienische Geschichte wiederzubeleben“, sagt Matteri mit Pathos in der Stimme.

Und deshalb kann er es auch nicht verstehen, wenn Paola wieder mal eifersüchtig ist auf seine Liebschaften. Dann fuchtelt er wild mit den Armen, watschelt barfuß zum Ufer, klettert auf eine seiner Rivas, löst die Festmacher, holt die Fender ein und braust davon.

Das Erbe des Rennfahrers

Heute allerdings fährt er nur zum Spaß hinaus. Die zwei Motoren gluckern und röhren wie ein Ferrari. 700 PS treiben die Schrauben an, die das klare, kalte Wasser zum Kochen bringen. Erios ergraute Haare tanzen im Fahrtwind. Der See spuckt Gischt. Immer mehr, immer höher, je tiefer der kleine Mann die Gashebel mit seinen kräftigen Händen voller Schwielen und Schürfwunden, die von harter Arbeit erzählen, hinunterdrückt. Die Sonne hat seine Haut zu Leder gegerbt. Mit 92 Stundenkilometern rast Erios Riva, Modell Tritone, Baujahr 1954, über den See, zerschneidet das Panorama, das sich im Wasser spiegelt. Erio genießt und lacht und hat dafür nur ein Wort: „Fantastico!“

Die Geschichte der fantastischen Boote beginnt 1949, rund 50 Kilometer westlich vom Comer See. 1949 übernahm der heute 94-Jährige Carlo Riva die Werft seines Vaters am Lago d’Iseo. Der Vater war in den 20er- und 30er-Jahren ein bekannter Rennfahrer und baute ­Speedboote – Einzelanfertigungen für sich und seine Kunden. Carlo, inspiriert von sogenannten Runabouts aus den USA, kleinen, offenen Flitzern, konzipierte die klassischen Rivas aus Holz – damals das gängige Material – und fertigte sie in Serie.

Bis 1996 wurden etwa 4 000 der eleganten Schönheiten gebaut. Carlo Riva gab den Modellen wohlklingende Namen wie Tritone, Ariston oder Aquarama. Sechs Modelle entwickelte er, dazu einige Spezifikationen, die meist den Namen Super oder Spezial trugen. Mit 5,59 Metern Länge ist die Florida die kleinste Riva, die Aquarama Spezial mit 8,75 Metern die längste.